Essen kann Sammy jetzt nicht. Der Magen. „Kribbelt zu sehr“, sagt er und zeigt auf den Bauch. „Als wären Ameisen darin.“ In zehn Minuten beginnt das WM-Qualifikationsspiel Syrien gegen Australien und Sammy, der mit vollem Namen Samir al Habbib heißt, 26 Jahre alt ist und aus der Nähe von Homs stammt, ist aufgeregt. Er trägt ein rot-weiß-schwarzes Shirt, „Syria“ steht über der Brust. Er hat ein Lokal nahe der Sonnenallee aufgesucht, um das Spiel zu schauen: „Wir waren nie so dicht davor, uns für eine WM zu qualifizieren.“
In den folgenden 90 Minuten wird Sammy alle Stadien des Fanseins durchleben. Er ist voller Hoffnung bei Spielbeginn, er ist enttäuscht, als Australien durch ein Tor von Herthas Mathew Leckie in Führung geht, er jubelt ausgelassen, als Omar al Somah der späte Ausgleich gelingt und er träumt von der ersten WM-Teilnahme auf dem Heimweg.
Australiens Hoffnungen liegen auf Matthew Leckie
Am Dienstag steht in Sydney (11 Uhr MESZ) das Rückspiel an. Syrien müsste gewinnen oder ein Unentschieden mit zwei oder mehr Toren schaffen, um sich für weitere Ausscheidungsspiele gegen den Vierten der Nord- und Mittelamerikagruppe zu qualifizieren. Die Australier, bei denen die Hoffnungen auf den zuletzt so treffsicheren Berliner Leckie ruhen, möchten das verhindern. „Unsere Mannschaft ist stark genug, um es nach Russland zu schaffen. Wir hatten noch nie ein so gutes Nationalteam“, sagt Sammy.
Unter sportlichen Gesichtspunkten ist das kaum zu erklären. Syriens Mannschaft scheint über sich hinauszuwachsen, derweil das Land unter dem Bürgerkrieg leidet. Aufgrund des Krieges daheim muss sie ihre Spiele im Exil austragen. Das Spiel gegen Australien fand in Malaysia statt. Auch wegen des fehlenden Heimvorteils hätte ihr kaum jemand zugetraut, so weit zu kommen. „Wir spielen für unser Volk. Wir wollen, dass unser Land wieder einen glücklichen Moment erleben kann“, sagt Firas Al Khatib. Der Kapitän stammt wie Sammy aus Homs, in seiner Geschichte spiegelt sich die ganze Zerrissenheit dieser Mannschaft wider. Denn auch in ihr lebt der politische Konflikt weiter. Al Khatib ist gerade erst wieder zurückgekehrt zur Mannschaft. Warum genau, will er nicht sagen. Vielleicht weil er unter Druck gesetzt wurde? Niemand weiß das so genau. Zuvor war er aus dem Nationalteam zurückgetreten, aus Protest gegen Präsident Assad und dessen Truppen. Politisch hielt er zur Opposition. Mittlerweile spielen in Syriens Auswahl Anhänger der Opposition und Regimetreue, das war lange Zeit nicht möglich. Die politische Führung um Assad versucht, das Team zu instrumentalisieren, Fußballerfolge sollen helfen, das zerrissene Volk wieder zu einen, was kaum machbar erscheint.
Gespaltene Meinung zur Nationalmannschaft
Auch nicht in Berlin-Neukölln. In Sammys Freundeskreis gehen die Meinungen auseinander. „Ich bin Syrer und wenn ich unsere Mannschaft sehe, kann ich das Chaos und das Leid zu Hause wenigstens für ein paar Minuten vergessen. Da ist es mir egal, welcher Spieler politisch auf welcher Seite steht“, sagt Sammy, der vor vier Jahren nach Berlin kam und inzwischen passabel Deutsch spricht. Sein Mitbewohner sieht das anders, er hält die Nationalmannschaft für einen verlängerten Arm des Assad-Regimes. Deshalb ist er zu Hause geblieben. Er könne diese Mannschaft nicht anfeuern, erzählt Sammy. Sie stehe nämlich auch für das Leid, das gerade in Syrien herrscht.
So wird Sammy auch am Dienstag ohne seinen Freund das Rückspiel ansehen. Dann will er sich endlich seinen Hamburger genehmigen, nach Abpfiff. Zur Feier des Tages, falls Syrien die Überraschung gelingt.


