Spaniens Nationalteam

Gerard Piqué – Im Sturm der Zerrissenheit

Die Unabhängigkeitsbemühungen Kataloniens spalten nicht nur die Nation, sondern in Person von Gerard Piqué auch Spaniens Nationalelf.

Außerhalb der Politik spricht keiner so viel über das Referendum wie Gerard Piqué (l.)

Außerhalb der Politik spricht keiner so viel über das Referendum wie Gerard Piqué (l.)

Foto: nph / Alterphotos / picture alliance / nordphoto

Barcelona.  Einen Moment gab es, der erinnerte an gute alte Zeiten. "Einschätzung zu Albanien?", fragte ein erfahrener Berichterstatter von der spanischen Nationalelf den Verteidiger Gerard Piqué nach dem Gegner im WM-Qualifikationsspiel heute Abend, bei dem sich Spanien das Ticket für Russland sichern kann (20.45 Uhr, DAZN). Gelächter, die Pointe saß: Die Frage, unter normalen Umständen naheliegend, kam völlig unerwartet.

Ansonsten ging es nämlich um Politik, über eine halbe Stunde lang. Das ist ungewöhnlich beim Fußball, aber Spanien erlebt ungewöhnliche Tage und Piqué ist ein ungewöhnlicher Spieler. Einer der weinte, als er am Sonntagabend die Zwischenfälle beim rechtlich untersagten Referendum über Kataloniens Unabhängigkeit kommentieren sollte, in dem er selbst abgestimmt hatte. Schluchzend beklagte er brutale Polizeieinsätze, attackierte die verantwortliche Madrider Regierung und bot seinen Rücktritt aus der "selección" für den Fall an, dass sein Votum dort als Störung der Teamharmonie betrachtet werden würde.

Offiziell wurde sie das nicht, aber als der Verteidiger am nächsten Abend im Leistungszentrum von Madrid zum Training erschien, bekam er die Ablehnung ins Gesicht geschrien. Gut tausend Fans beleidigten ihn in einem Ausmaß, wie es selbst der seit Jahren umstrittene Abwehrmann nicht kannte. "Piqué, Arschloch, Deine Nation heißt Spanien", skandierte der Mob.

Plädoyer für mehr Verständigung

Etliche Medien sekundierten, wenn auch mit anderen Worten. "Hier wird es keinen Frieden geben, solange Piqué da ist", schrieb ein einflussreicher "Marca"-Kolumnist, der die "Heulsuse Piqué" wegen dessen Aufruf zur Teilnahme am Referendum zuvor bereits mitverantwortlich für die Verletzten in Barcelona gemacht hatte. Schon seltsam, dass in Berichten über den Konflikt nur vom katalanischen Nationalismus die Rede ist. Die Auseinandersetzung hätte sich nie so zuspitzen können, gäbe es diesen nicht auf beiden Seiten.

Nun saß also Piqué, 91-facher Nationalspieler, Säule der Weltmeisterelf 2010 wie der Europameister von 2012, auf dem Podium in Madrid und versuchte, die eigenen Widersprüche und alle Zerwürfnisse des Landes in seiner Person auszugleichen. Heraus kam ein Plädoyer für Verständigung und Verständnis. "Das mit Spanien und Katalonien ist wie mit dem Sohn, der 18 wird und von zu Hause weg will." Für den Zentralstaat gebe es nun zwei Optionen: "Entweder sich zum Reden hinsetzen, wie es ein Vater tun würde. Oder sich darauf einzustellen, dass der Sohn dich vielleicht verlässt."

Als übereinstimmende Zeitungsschlagzeile kam folgender Satz heraus: "Ich glaube, dass auch ein Unabhängigkeitsbefürworter für Spanien spielen könnte." Er selbst ließ durchblicken, mit Nein zur Trennung abgestimmt zu haben. Um die kniffligsten Fragen jedoch machte er einen Bogen.

Projekt mit Madrider Antipoden Sergio Ramos

Was er von der Unabhängigkeitserklärung Kataloniens halte, die für Montag ansteht? "Die Nachricht kannte ich noch nicht, dazu kann ich jetzt nichts sagen." Für wen er im Fall einer eigenständigen katalanischen Nationalmannschaft antreten würde? "Wenn es so weit kommt, dauert das mit den eigenen Teams bestimmt noch zwei bis drei Jahre, dann bin ich 33, es betrifft mich also wohl nicht mehr."

Kein prominenter Katalane jenseits der Politiker bezog dieser Tage so ausführlich Stellung. Wie es heißt, wurde er von Nationaltrainer Julen Lopetegui zu dem Auftritt gedrängt, um die Anspannungen um das Team etwas zu lockern. Damit die besonders polemische Madrider Politikjournaille nicht kommen konnte, wurde Piqués Erscheinen erst eine Viertelstunde vor Beginn der Pressekonferenz bekanntgegeben. Zugegen waren also nur die etablierten Teamreporter.

Dennoch ergab sich eine intensive Fragestunde. Und vielleicht machte keine Aussage so viel Eindruck wie Piqués Information, dass er bald mit Sergio Ramos, seinem ewigen Antipoden von Real Madrid, gemeinsam in ein Projekt investieren werde. Eine Internetseite, wie später bekannt wurde. "Wir verstehen uns phänomenal, das solltet ihr mal sehen", so Piqué.

Pfiffe erntet Piqué auch bei den Heimspielen schon länger

Um Pfiffe wird er heute trotzdem nicht herumkommen, die kennt er seit Jahren bei jedem spanischen Heimspiel. Bisher kamen sie nur von Madrid-Fans, weil sich der Barca-Star so gern mit deren Klub anlegte. Nun werden Prognosen in alle Richtungen angenommen. Am Spielort in Alicante rief der Bürgermeister auf, die Mannschaft zu unterstützen, Piqué inklusive.

Auf der anderen Seite fordern Fans in sozialen Netzwerken auf, in der 12. Minute kollektiv "Piqué, hau ab" zu singen. Wie viele dem folgen, das Ausmaß der Anfeindungen – es wird ein Indiz liefern, inwieweit Spanien seine Widersprüche noch integrieren kann.

Andrés Iniesta, WM-Siegtorschütze 2010, Barca-Kapitän und Liebling der Spanier, äußerte sich am Tag vor dem Anpfiff jedenfalls erstmals politisch und forderte Verständigung ein: "Wir verdienen, in Frieden zu leben."

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.