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Fehler im System

Deutschlands bester Badmintonspieler Marc Zwiebler kritisiert deutsche Sportförderung – und das Fernsehen

Essen. Als Weltklasse-Fußballer kann man es sich nach dem Karriere-ende gut gehen lassen. Party in der Karibik, ein Leben in Monaco. Marc Zwiebler, Deutschlands erfolgreichster Badmintonspieler, geht nach den Weltmeisterschaften in Glasgow arbeiten. Der Einzel-Europameister von 2012 fängt bei einer Unternehmensberatung an, macht nebenbei seinen Master in BWL. "In Deutschland gibt es – mit Bundeswehrförderung – vielleicht zehn Leute, die vom Badminton leben können", sagt der 33-Jährige. Sein WM-Auftaktmatch gegen Bjorn Seguin (USA) gewann er 21:10, 21:15.

Wie groß der Unterschied zwischen Deutschland und den asiatischen Ländern ist, versucht Zwiebler immer an einem Beispiel zu erklären. "Das ist, als wäre man Formel-1-Fahrer, würde aber in einem VW Golf trainieren." In Asien lernten Kinder statt Fußball Badminton, sähen regelmäßig bis zu 80 Millionen Menschen die Spiele im TV. In Deutschland ist die Situation eine andere, Badminton, geringschätzig auch Federball genannt, eine Randsportart.

Alles außer Fußball gerate in den Hintergrund, kritisiert Zwiebler. "Der Fußball unterdrückt alle anderen Sportarten." Badmintonspieler könnten sich aufgrund ihrer Popularität in Asien nicht beschweren. "Ich kenne viele Sportler von anderen olympischen Sportarten, denen es weitaus schlechter geht." Der Weg aus der Bedeutungslosigkeit führe über den Erfolg. "Andererseits müssten die öffentlich-rechtlichen Sender in die Pflicht genommen werden, mehr olympischen Sport zu zeigen. Man braucht sich nicht zu wundern, dass die Sportarten nicht populär sind, wenn sie nie zu sehen sind."

Die Entwicklung des deutschen Badmintonsports sieht Zwiebler, der künftig noch bei seinem Bonner Heimatverein 1. BC Beuel spielt, positiv. Zuletzt wurde der neunmalige Deutsche Meister bei den nationalen Titelkämpfen vom 21-jährigen Fabian Roth bezwungen – "ein Zeichen", wie er findet. Der Verband verbessere sich kontinuierlich. "Wir haben es 2013 geschafft, Mannschaftseuropameister zu werden. Das war früher unvorstellbar." Dieser Prozess sei aber nicht leicht, "in einer Gesellschaft, wo Leistung gefördert wird".

Die Kritik an der Sportförderung, die bei der Leichtathletik-WM in London aufkam, kann er verstehen. Die Politik müsse sich Gedanken über die Bedeutung des Sports machen. "Es muss nicht jeder Olympiasieger werden. Jeder, der in seiner Jugend keinen Sport im Verein gemacht hat, verpasst wichtige Lektionen im Leben. Sport in Deutschland hat als Stellenwert eine immer geringere Bedeutung."

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