Die Stimme von Max Betzien klingt dumpf und tiefer als üblich. Selbst durch den Telefonhörer ist zu vernehmen, dass der Beachvolleyballspieler bedrückt ist. Aus nachvollziehbarem Grund: Der 23-Jährige wurde gerade aus dem Nationalkader gestrichen. Acht Athleten hat der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) zum Jahresbeginn an den neuen zentralen Stützpunkt in Hamburg geholt. Hier sollen die Spieler geformt werden, die bei den Olympischen Spielen 2020/2024 die Medaillen für Deutschland holen. Betzien gehörte dazu, er bildete mit dem Berliner Nils Ehlers (23) das Perspektivteam.

Wenn man im Sport von einer Perspektive spricht, geht es in der Regel um Erfolgsaussichten für die Zukunft. Diese Zukunft dauerte für Betzien nun gerade einmal acht Monate. „Das Gespräch mit den Bundestrainern war ziemlich kurz“, berichtet er der Morgenpost. „Sie glauben, ich bin dem Vergleich auf internationalen Turnieren nicht gewachsen.“

Betzien hatte seinen Lebensmittelpunkt auf Drängen des DVV von Berlin nach Hamburg verlegt, genau wie Tim Holler (26). Beide werden nun vor die Tür gesetzt, wie auch der Potsdamer Jonathan Erdmann (29), der 2013 WM-Dritter war (mit Kay Matysik) und mit seinem neuen Partner Armin Dollinger (26) bei der Europameisterschaft in Lettland gestern nun beide Vorrundenspiele verlor. „Die Gründe waren bei jedem Athleten unterschiedlich“, erklärt Bundestrainer Martin Olejnak. Im Januar stellte der DVV den Slowaken ein, um die Spieler zu finden, die das Potenzial haben, ganz vorne mitzuspielen. Nachvollziehbar sind seine Entscheidungen im Hinblick auf diese Ziele durchaus, Olejnak, der zuvor die Zentralisierung bei Polens Männern zum Erfolg geführt hat, ist seine Erfahrung nicht abzusprechen. Allerdings stellt sich die Frage, warum diese Athleten vor nur acht Monaten ausgesucht worden sind für ein langfristig angelegtes Projekt und sich nun plötzlich herausstellt, dass sie dort gar nicht hineinpassen. „Das hängt damit zusammen, dass viele Entscheidungen getroffen worden sind, bevor die Bundestrainer im Amt waren“, erklärt DVV-Sportdirektorin Jana Köhler.

Die Geduld, die im Beachvolleyball oft gefordert ist und die die Olympiasiegerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst stets thematisieren, wenn es um ihre unglaublichen Erfolge geht, die hatte der Verband nicht, als er die neuen Stützpunktstrukturen ins Leben rief. Mit viel Druck und wildem Aktionismus wurde ein System installiert, das nun an vielen Stellen begradigt werden muss.

Julia Großner erlebt plötzlich schon ihr letztes EM-Turnier

Bei den Frauen wird mit Julia Großner (29) jetzt sogar die Spielerin ausgesiebt, die in der laufenden Saison vom DVV mit Partnerin Nadja Glenzke (21) bei internationalen Turnieren den Vorzug vor den in der Rangliste besser platzierten Karla Borger und Margareta Kozuch erhalten hatte, weil diese sich dem System in Hamburg nicht anschließen wollten. Auch Großner hatte erst vor wenigen Monaten ihren Lebensmittelpunkt von Berlin nach Hamburg verlegt. Viel Aufwand für fast nichts, denn nun ist die Zeit der Förderung für sie vorbei. Vermutlich spielt sie bei der EM in Lettland in diesen Tagen ihr letztes internationales Turnier. Dollinger/Erdmann dürfen danach zumindest noch beim World Tour Final in Hamburg antreten (22.-27. August). Sie erhielten zum Abschied eine Wild Card für das mit 400.000 US Dollar dotierte Turnier. Nach der Deutschen Meisterschaft in zwei Wochen endet die Zusammenarbeit mit dem DVV, auch die Bundeswehr-Sportförderung entfällt dann. Es ist ein harter Schnitt, der einmal mehr zeigt, in was für einem gnadenlosen System sich Leistungssportler befinden.

„Ich habe keinen Plan, wie es jetzt mit dem Sport weitergehen soll“, sagt Max Betzien. Er könnte nach Berlin zurückgehen, doch über dem Olympiastützpunkt im Sportforum baumelt seit der Spitzensportreform des DOSB und der damit einhergehenden Zentralisierung der Beachvolleyballer in Hamburg ein großes Fragezeichen. Zwar haben Bundesinnenminister Thomas de Maizière, Klaus Bouillon, Vorsitzender der Sportministerkonferenz der Länder (SMK) sowie DOSB-Präsident Alfons Hörmann gerade beschlossen, die Anerkennung der Bundesstützpunkte des olympischen Sommersports um ein weiteres Jahr bis zum 31. Dezember 2018 zu verlängern. „Wir haben erkannt, dass es zeitlich zu ambitioniert war, die neue Bundesstützpunktstruktur zum 1. Januar 2018 umzusetzen“, sagte de Maizière.

Die Lage am Stützpunkt Berlin ist ungeklärt

Allerdings weiß Betzien gar nicht, ob er ab der kommenden Saison überhaupt noch berechtigt wäre, in Hohenschönhausen zu trainieren. Laut Spitzensportreform soll die Zahl der Kaderathleten, das heißt die, die die Einrichtungen und Leistungen offiziell nutzen dürfen, noch einmal gekürzt werden. 32 Athleten werden aktuell im Beachvolleyball im Kader A/B gefördert, 32 im C-Kader, der die U20-U25 betrifft sowie zwölf Athleten im Bereich der U18. „Wenn wir streichen müssen, dann im Bereich der B-Kader“ erklärt Günter Hamel Leistungssportverantwortlicher beim DVV. Damit sind die Athleten gemeint, die keine internationalen Nachwuchsturniere mehr spielen dürfen, aber auch nicht auf der Weltserie spielen können – so wie Max Betzien. „Das sind auch Themen, die die Nachwuchstrainer bewegen“, sagt DVV-Sportdirektorin Köhler. Momentan ist sie in Berlin, um zu besprechen, wie die Athleten gefördert werden können, die direkt hinter dem A-Kader trainieren. „Das ist gerade kein Job zum Freuen“, sagt Köhler. Und das selbst in einer Sportart, in der Deutschland in den vergangenen acht Jahren gleich zweimal Olympiagold gewonnen hat.