Chris Froome gewann seine vierte Tour de France auf einem Parcours, der für ihn nicht vorteilhaft war. Das stellt wohl seine größte Leistung bei einer ansonsten wenig überzeugenden Performance in diesem Juli dar. Auf den Champs Elysees fuhr er von seinen Sky-Teamkameraden begleitet ungefährdet ins Ziel. Auch die wenigen Regentropfen, die das Pflaster etwas schlüpfrig gemacht hatten, konnten ihm nichts anhaben.
Beim Sprint des Tages zog André Greipel, der Sieger der letzten Jahre, im Duell mit dem Niederländer Dylan Gronewegen den Kürzeren. Wegen der erhöhten Sicherheitsbedingungen in Paris sahen weniger Zuschauer als gewohnt das Finale.
Froome dürfte das nichts ausgemacht haben. Am Vortag, im Velodrome von Marseille, war er noch mit einem Konzert von Buhlauten auf den Zeitfahrkurs geschickt worden. „Es sind Fans“, sagte der Brite später: „Der eigene Mann lag nur 23 Sekunden zurück. Wir waren in einem Fußballstadion im Herzen Marseilles. Das ist doch normal.“
Kein einziger Etappensieg
Froome konnte leicht großzügig sein. Die Missgunst der französischen Fans stellte am Sonnabend das einzige größere Hindernis auf dem Weg zum vierten Triumph bei der Tour de France dar. Keiner seiner Konkurrenten kam ihm im parallelen Kampf gegen die Uhr auch nur nahe. Der lautstärkste der Herausforderer, der auch am lautstärksten angefeuerte Franzose Romain Bardet, brach sogar gewaltig ein und verlor beinahe noch seinen Platz auf dem Podium.
Geradezu genüsslich bezeichnete Froome später auf der Pressekonferenz seinen schönsten Moment bei der Tour: „Das war, als ich kurz vor dem Eingang des Stadions Bardet fast erreicht hatte. Ich wusste jetzt, ich muss nur noch gut durch ein paar Kurven kommen, dann ist es geschafft.“ Den armen Bardet, der eines seiner schlechtesten Zeitfahren der Karriere ablieferte, eingeholt zu haben, musste für Froome als schönstes Erlebnis herhalten. Welch magere Ausbeute für einen Gesamtsieger.
An schönen Momenten hielt diese Tour aber tatsächlich wenig für ihn bereit. Kein Etappensieg glückte ihm. Nur sechs Toursieger vorher hatten ohne eigenen Etappenerfolg die Rundfahrt gewonnen. „Das ist nicht gut so“, knurrte die in die Jahre gekommene Radsport-Legende Eddy Merckx (72).
Selbst Fahrer aus dem eigenen Team wirken stärker
Froome konnte auf keinem Terrain brillieren. Im Zeitfahren waren andere schneller – der Schweizer Küng in Düsseldorf, der Pole Bodnar in Marseille. Aber auch seine Teamkollegen düpierten ihn. Geraint Thomas und Vasil Kiriyenka beim Grand Depart am Rhein, Michal Kwiatkowski zum Finale am Mittelmeer. Auch Edelhelfer Mikel Landa wirkte manchmal stärker als sein Kapitän.
In den Bergen nahmen ihm die Konkurrenten Romain Bardet und Rigoberto Uran Sekunden ab. „Es war keine Tour, bei der man den einen entscheidenden Schlag setzen konnte. Es ging darum, hier und da ein paar Sekunden zu sammeln“, sagte Froome und gab zu: „Es war die härteste Tour meiner Karriere.“
Tour-Veranstalter kämpfen gegen die Sky-Dominanz
Hart gemacht hatten es ihm die Veranstalter. Sie waren der Sky-Dominanz müde geworden, der Stärke der Bergzüge, der überwältigenden Überlegenheit im Zeitfahren. Deshalb hatten sie Zeitfahrkilometer reduziert, auch gab es weniger Bergankünfte von der Art, wie Froome sie mag: lang, gleichmäßig, nicht zu steil.
Der Titelverteidiger wusste dies alles vorher. Er behielt deshalb die Nerven, als es eng wurde. Am Ende war er der Sieger. Nicht der stärkste seines Teams, nicht der stärkste Bergfahrer im Feld. Aber der beste Sekundensammler.
Anfeindungen, Dopingverdächtigungen? Im Vergleich zu anderen Jahren blieb es eher geräuschlos. In Sachen Doping ging es nicht um Froome, sondern zeitweise um die seit Monaten schwelende Causa Sky und eine ominöse Medikamentenlieferung im Jahr 2011 an den späteren Toursieger Bradley Wiggins. Auch davon ließ sich Froome nicht beeinflussen. „Ich“, sagte er, „habe mich auf die Tour konzentriert.“


