Der Ausgang der Tour de France ist so offen wie seit Jahren nicht. Zu Beginn der dritten Woche sind die ersten vier Fahrer nur durch weniger als eine halbe Minute getrennt, die besten sechs durch etwas mehr als eine Minute.

Als eine „Fahrt in unbekannte Territorien“ bezeichnete Jim Ochowicz, Manager des ausgeschiedenen Mitfavoriten Richie Porte, diese 104. Frankreich-Rundfahrt. An Prognosen wagen sich nicht einmal mehr die wahren Experten.

„Alles, was man am Vormittag sagt, kann am Abend völlig überholt sein. Diese Tour ist total verrückt“, wehrte etwa Rolf Aldag, Ex-Profi und aktuell Performance Manager beim Rennstall Dimension Data, gegenüber der Morgenpost Prognosen jeder Art ab. Chancen immerhin kann man ausloten. Die Aussichten der Spitzenfahrer:

Aru will Froome pausenlos attackieren

Chris Froome (Gelbes Trikot, 64:40:21 Stunden). Der Titelverteidiger muss in diesem Jahr kämpfen. „Diese Tour ist meine schwerste“, gab der Brite zu. Er sprach sogar von „Angst“, als ihm Ag2R auf der 15. Etappe davonfuhr. Aus dem Rennen ist Froome trotz seiner Schwächen natürlich nicht. Für das Zeitfahren in Marseille am Sonnabend gilt er als Favorit. Eine Minute etwa kann er da auf seine Rivalen gutmachen. Es muss nicht einmal sein, dass er diese Minute in den Alpen verliert. Denn sein Team Sky ist immer noch das beste im Feld. Teamchef David Brailsford holte schon den Drohjoker aus dem Ärmel: „Chris hat so trainiert, dass er in der dritten Woche am stärksten wird.“ Gut möglich also, dass Froome zum vierten Mal Tourkönig wird.

Fabio Aru (Zweiter, 18 Sekunden zurück). Der Zweitplatzierte hat sich als der beste Kletterer im Peloton erwiesen. Er startete die Attacken, auf die Froome keine Antworten wusste. Er verlor allerdings Zeit bei der Klassikerankunft in Rodez. Sein Rumpfteam Astana positionierte ihn da schlecht. Diese mangelnde Unterstützung ist sein größter Makel. Seine größte Stärke ist paradoxerweise die unterbrochene Saisonvorbereitung. Aru trainierte auf den Giro hin, unterbrach dann wegen einer Knieverletzung und verschob den Saisonhöhepunkt. „Er ist der beste Fabio Aru, den ich je sah“, geriet Sportdirektor Giuseppe Martinelli aus dem Häuschen. Für das Hochgebirge, in dem Aru besser als Froome ist, kündigte der Sarde „pausenlose Attacken“ an. Gut möglich, dass er die Tour gewinnt.

Bardet hat ein gutes Team um sich, Uran nicht

Romain Bardet (Dritter, 23 Sekunden zurück). Der Franzose deutete schon bei der Tour 2016 seine Qualitäten an, als er auf der vorletzten Bergetappe auf der Abfahrt angriff und sich so auf Rang zwei schob. In diesem Jahr hat Bardet auch den schwierigen ersten Teil der Tour gut gemeistert. „Seine größte Stärke ist die dritte Woche. Er wird einfach nicht müde“, sagt Teamchef Vincent Lavenu über seinen Schützling. Hinzu kommt: Bardet hat in diesem Jahr eine tolle Truppe an seiner Seite. Die kollektiven Attacken des Teams Ag2R sprengten nach dem Motto „Guerrilla gegen klassische Armee“ mehrfach Team Sky. Ihr Anführer Bardet versprach: „Wir werden es immer wieder probieren.“ Mit mehr als einer Minute Vorsprung nach den Alpen dürfte er die Tour gewinnen.

Rigoberto Uran (Vierter, 29 Sekunden zurück). Der unerschütterliche Kolumbianer hat schon viel erlebt. Als er 14 war, wurde sein Vater von Paramilitärs erschossen. Als er 28 war, fuhr ihn sein einstiger WG-Kumpel Nairo Quintana in der eigentlich von der Jury neutralisierten Abfahrt vom Stilfser Joch aus dem Rosa Trikot des Giro d’Italia. Seitdem reden die beiden Landsleute nicht mehr viel miteinander. Dass Uran jetzt besser ist als sein viel talentierterer Ex-Kumpel, freut ihn natürlich. Ganz große Hoffnungen auf den Gesamtsieg macht er sich aber nicht. „Wir schauen von Tag zu Tag“, meint er. „Leider haben wir nicht so ein gutes Team zu seiner Unterstützung. Das lässt mich wenig euphorisch in die Alpen blicken“, sagte Urans Teamchef bei Cannondale, Andreas Klier. Uran ist ein guter Zeitfahrer. Bleiben die Abstände so bis Marseille, ist er zumindest auf dem Podium.

Bescheidene Erwartungen bei Martin und Landa

Dan Martin (Fünfter, 1:12 Minuten zurück). Der Ire fährt derzeit auf einer Welle der Euphorie. Die kurzen, knackigen Berge kommen ihm entgegen. Wie er sich im Hochgebirge macht, ist aber selbst für den sportlichen Leiter Brian Holm eine offene Frage. „Ehrlich gesagt, wir wissen es nicht. Wir gehen mit ganz bescheidenen Erwartungen in die letzte Woche und hoffen auf einen Platz in den Top fünf“, sagte der Däne. Martin muss sich die Beinkraft im Team zudem noch mit Sprintstar Marcel Kittel teilen. Sehr unwahrscheinlich, dass er die Tour gewinnt.

Mikel Landa (Sechster, 1:17 Minuten zurück). Der Spanier ist der Stärkste bei Team Sky. Er sprintete in Peyragudes vor Teamleader Froome über den Zielstrich. Am Sonntag am Col de Peyra Taillade, als seine Teamkollegen Sergio Henao und Mikel Nieve es nicht schafften, Froome an die wie entfesselt fahrenden Ag2R-Mannen um Bardet heranzubringen, wurde Landa zurückbeordert und fuhr den Kapitän wieder an die Gruppe heran. Landa muss seine Kraft vornehmlich für Helferaufgaben einsetzen – ein klarer Nachteil. „Ich weiß, wo mein Platz in diesem Team ist“, zeigte er aber Einsicht in die Rangordnung. Hoffnung macht ihm Teamchef Brailsford: „Team Sky will diese Tour gewinnen. Mit welchem Fahrer, das ist nachrangig.“ Weil aber erst Froome einbrechen und er selbst dann noch genug Kraft haben muss, ist ein Tour-Sieg wenig wahrscheinlich.