Berlin

Wechsel auf die 400-Meter-Strecke macht sich bezahlt

Wie Svea Köhrbrück unverhofft die WM-Qualifikation gelang

Berlin. Svea Köhrbrück saß in den Katakomben des Erfurter Steigerwaldstadions und hatte Tränen in den Augen. Teamkollegen vom SCC Berlin kamen hinzu und riefen: „Sag mal, bist du bescheuert?“ Dabei hatte Köhrbrück bei den Deutschen Meisterschaften gar nichts Schlimmes angestellt. Sie hatte die Silbermedaille über 400 Meter gewonnen – eine Leistung, die ihr die Leute im eigenen Verein ebenso wenig zugetraut hatten wie sie selbst. „Unfassbar, damit habe ich überhaupt nicht gerechnet“, sagte sie. Als Vizemeisterin wurde sie am Mittwoch für die WM Anfang August in London für die Staffel nominiert. Außer ihr ist dort aus Berlin nur noch das Diskus-Ehepaar Robert und Julia Harting (ebenfalls SCC) am Start.

„Für mich geht ein Traum in Erfüllung, dass ich für mein Land international starten darf“, sagt die 23-Jährige. Vor wenigen Wochen wagte sie daran noch nicht zu denken. Im Winter bremsten sie Knieprobleme. Mit ihrer alten Bestzeit von 54,02 Sekunden fand sich Köhrbrück vor den Deutschen Meisterschaften noch nicht einmal unter den besten zehn Läuferinnen des Landes. Doch in Erfurt geschah etwas: Schon im Vorlauf steigerte sie sich auf 53,35 Sekunden, um sich dann im Finale noch einmal um mehr als eine halbe Sekunde auf 52,76 Sekunden zu verbessern.

Ihr Erfolgsrezept: „Ich bin im Endlauf einfach locker entspannt und mit Spaß gerannt“, sagt sie. „Dass dabei am Ende der zweite Platz herauskommt, ist unglaublich.“

Bis vor zwei Jahren lief Svea Köhrbrück noch hauptsächlich 100 und 200 Meter. Über beide Strecken war sie vielfache Berlin-Brandenburger und norddeutsche Meisterin, doch national waren andere schneller. Ihr bestes Ergebnis bei Deutschen Meisterschaften: ein vierter Platz 2014 in der Halle über 200 Meter. Vor zwei Jahren wagte sie den Umstieg auf die 400 Meter. Schon ihr Vater Carsten Köhrbrück, mittlerweile Athletiktrainer bei den Handballern der Füchse Berlin, hatte auf der Stadionrunde große Erfolge gefeiert. 1990 wurde er EM-Zweiter mit der 4x400-Meter-Staffel und Sechster im Einzel über 400 Meter Hürden. Auch bei der WM 1991 in Tokio und bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona war er dabei.

Vater Carsten Köhrbrück war EM-Zweiter mit der Staffel

Carsten Köhrbrück trainierte seine Tochter, als sie noch jünger war. Inzwischen wird sie seit anderthalb Jahren von Sven Buggel betreut. „Schon als ich mit dem Leistungssport angefangen habe, war die Tendenz da, irgendwann einmal auf die 400 Meter zu wechseln“, sagt Svea Köhrbrück. Als angehende Bauingenieurin weiß sie aber: Das Fundament muss stimmen. „Wir haben deshalb erst über die kürzeren Sprintstrecken an meiner Schnelligkeit gearbeitet, die ich jetzt auch für die 400 Meter brauche“, erklärt sie. Der Wechsel sei aus eigenen Stücken erfolgt und nicht, weil ihr Vater sie dazu ermuntert hätte: „Aber natürlich freut er sich jetzt, dass ich mir seine Strecke ausgesucht habe.“ Carsten Köhrbrück meint: „Für die 400 Meter braucht man eine Kämpfer- und Beißermentalität. Man muss sich im Training quälen können. Und das kann sie.“

Die WM-Qualifikation stellt die Berlinerin nun allerdings vor ungeahnte logistische Probleme. Am 15. August will Köhrbrück eigentlich mit ihrer Schwester und einer Freundin in den Urlaub fliegen, nach Thailand und Malaysia. Viel Zeit zum Packen bleibt jetzt nicht mehr: Die Weltmeisterschaften in London enden erst zwei Tage vorher. Eine Absage kam für sie dennoch nicht infrage. Sonst hätten ihre Teamkollegen wohl erneut an ihrem Verstand gezweifelt.

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