Obwohl er erst 23 Jahre alt ist, stand er bei der Tour de France schon sechs Mal auf dem Podium. Rick Zabel weiß also, wie es ist, wenn man am Ende der Rundfahrt vor einem gigantischen Publikum in Paris geehrt wird. Rick ist der Sohn von Erik Zabel und war auf dem Arm oder den Schultern des Vaters, als dieser bei der Tour de France sechs Mal das Grüne Trikot des Punktbesten erhielt. Jetzt ist Rick zum ersten Mal selbst als Raprofi bei der Frankreich-Rundfahrt dabei, die am Sonnabend mit einem Zeitfahren über 14 Kilometer in Düsseldorf beginnt (ARD ab 14.50 Uhr, Eurosport ab 16 Uhr).
Als die neun Fahrer des Schweizer Rennstalls Katusha Alpecin im Düsseldorfer Medienhafen von ihrem feinen Team-Hotel Hyatt Regency über die Brücke zum Restaurant Lido radeln, um sich dort der Weltpresse zu präsentieren, ist Erik Zabel (heute 46) nicht zu sehen. Dies soll die Tour seines Sohnes werden. Aber als Rick Zabel dann von seinem Teamsprecher vorgestellt wird, tut dieser es mit den Worten: „Rick is famous because of his father.“ Rick ist wegen seines Vaters berühmt.
Papas Schatten ist groß. Zu groß. Das weiß auch der Junior. „Ich bin damit aufgewachsen“, sagt der junge Mann, der in Unna geboren ist. „Es hat Vor-und Nachteile, der Sohn von Erik Zabel zu sein. Einerseits würde sich die Öffentlichkeit nicht so für mich interessieren, andererseits heißt es dann aber auch: Schau, Zabels Sohn ist nur 60. geworden. Wenn ich Lukas Müller heißen würde, wäre das völlig egal.“
Auch wenn Rick als Kind seinen Vater oft zu großen Rennen begleitete, der Weg zum Radprofi war keinesfalls vorgezeichnet oder gar vom Vater offensiv gefördert worden. Rick spricht viel von seinem „Papa“, wie er ihn nennt. Natürlich auch, weil er so oft nach ihm gefragt wird. Er habe noch kein Interview ohne eine Frage zu seinem Vater gegeben, erzählt er. „Papa hat mich nicht zum Radsport getrieben. Mit den Großeltern habe ich Radtouren zur Eisdiele gemacht. Beim Fußball habe ich gemerkt, dass ich am Ball eher nicht so gut war. Mit 14 habe ich dann Spaß an Radrennen gefunden.“
Um besser gefördert zu werden, ging Rick Zabel schon mit 14 von Unna nach Erfurt. Nach vier Jahren brach er die Schule ohne Abitur ab. Das habe seinen Eltern damals überhaupt nicht gefallen, gibt er zu, aber er wollte unbedingt seinen ersten Profi-Vertrag beim Team Rabobank in Holland unterschreiben. Mittlerweile sind die Unstimmigkeiten über den Schulabbruch ausgeräumt. Erik gibt seinem Sohn Tipps, der Vater ist auch in Düsseldorf vor Ort. „Ganz einfache Ratschläge wie, Junge, du musst dir jetzt eine Jacke überziehen“, erzählt Rick. „Aber er hat mir auch schon gesagt, wie auf der fünften Etappe die Zielpassage aussieht.“
Zur Biografie von Erik Zabel gehören nicht nur der Gewinn von sechs Grünen Trikots und zwölf Etappen bei der Tour, sondern auch Doping-Praktiken, die er spät, 2007 und dann ausführlicher 2013, gestand. Der gefeierte Rad-Held hatte sich wie Jan Ullrich und viele andere als Betrüger entpuppt. „Es war damals eine schwierige Situation für uns alle“, sagt Rick Zabel. „Das hat uns sehr belastet und war schwer mit anzusehen. Aber wir haben das als Familie gut gemeistert.“
Mit seinem Vater hat er ausführlich über dessen Beweggründe, zu Dopingmitteln zu greifen, gesprochen. Schließlich wollte Rick selbst Radprofi werden. „Ich war nie böse auf meinen Papa. Es war damals eine andere Zeit. Es hört sich komisch an, aber damals haben fast alle gedopt“; sagt Rick Zabel. „Ich habe bei meinem Papa gesehen, wie tief man fallen kann. Ich bin froh, dass ich in einer Zeit Profi bin, wo man schnell sein kann, ohne zu dopen. Für mich ist Doping kein Thema.“
Vom Vater hat Rick die schnellen Beine geerbt. So ist auch er ei Mann für die Sprintankünfte. „Ich bin realistisch, wenn ich nur ein Viertel der Siege meines Papas einfahren würde, wäre ich schon glücklich“, sagt Rick. Immerhin hat sich der 23-Jährige im Team schon hoch gearbeitet. Erst war er dritter Anfahr für Alexander Kristoff, dann zweiter. Bei der Tour soll er sogar Anfahrer Nummer eins des Norwegers sein. Rick soll das Sprint-Ass des Katusha-Alpecin-Teams so lange wie möglich aus dem Wind halten, damit dieser als Erster über die Ziellinie rasen kann. Mit der Rolle des Edel-Helfers hat Rick keine Probleme. Er sieht sich noch in der Lehre, das beste Radalter kommt erst in drei, vier Jahren. Aber natürlich hat auch er einen sportlichen Traum: „Wenn sich die Gelegenheit für einen Etappensieg ergibt, werde ich sie versuchen zu nutzen.“


