Die Stadt wird am Sonntag zur Rad-Metropole. Rund 11.000 Hobbyfahrer gehen beim Velothon über verschiedene Strecken an den Start, 250.000 Zuschauer werden erwartet. Bereits am Sonnabend fand ein Promirennen statt, unter anderem mit Jens Voigt (45). Der fuhr als Profi 17 Mal die Tour de France, war Etappensieger dort. Seit zweieinhalb Jahren befindet sich der Berliner im Ruhestand, ist aber trotzdem ständig unterwegs.
Herr Voigt, mit welchem Ziel gehen Sie denn in so ein Promirennen?
Jens Voigt: Ich will auf keinen Fall nass und dreckig werden. Das brauche ich im Ruhestand nicht mehr.
Da hatten Sie heute Glück, die Sonne schien. War’s trotzdem anstrengend?
Ich trainiere nicht mehr viel, aber so ein Rennen schaffe ich noch ganz gut. Es geht ja hier um den Spaß.
Was bedeutet der Velothon für Sie?
Das ist eine tolle Sache, der Velothon findet genau vor der Haustür statt. Man sollte meinen, dass ich jedes Jahr dabei bin. Aber Sie werden es nicht glauben, es ist mein erstes Mal. Ich war nie in Berlin zu dieser Zeit.
Welch ein Glück, dass es endlich passt.
Düsseldorf als Schaufenster des Radsports
Das Rennen fällt genau in die vier Tage, in denen ich in Berlin bin. Dienstag bin ich aus Thailand zurückgekommen, Sonntag geht es weiter nach Italien. Ich war dieses Jahr schon vier Mal in den USA, ich war in Australien und in Israel. Das ist fast wie zu Profizeiten. Dafür gibt es verschiedenste Gründe, ich bin unter anderem Markenbotschafter für den US-Radhersteller Trek, Botschafter der Kalifornien- und Australien-Tour…
…und vor allem ein Botschafter für den Radsport. Berlin erlebt dieses Wochenende ein großes Spektakel der Radszene. In Düsseldorf wird in zwei Wochen Ähnliches passieren, die Tour de France beginnt in diesem Jahr dort. Was halten Sie davon?
Das ist eine seltene Gelegenheit. Der letzte Tourstart in Deutschland war 1987 in Berlin, noch vor der Wende. Wenn man sich die Tourstarts in anderen Ländern anschaut, waren das immer Riesenerfolge. Bei meiner letzten aktiven Tour 2014 hatte ich den Eindruck, halb England steht am Straßenrand. Zwischendurch hatten wir mal Etappen, die nach Deutschland führten, da war auch ein großer Auflauf. Ich erwarte jetzt nicht weniger als ein großartiges Fahrrad-Festival mit vielen Leuten und toller Stimmung. Das ist ein schönes Schaufenster, wo sich der Radsport präsentieren, wo die ganze Familie hinkommen kann. Das ist der große Charme unseres Sports. Wir nehmen keine Eintrittsgelder, es gibt kaum Begrenzungen. Bei uns kann jeder an den Mannschaftsbus kommen.
Sind Sie selbst auch in Düsseldorf?
Ja, ich moderiere zusammen mit meinem ehemaligen Profikollegen Marcel Wüst die Mannschaftsvorstellung. Ab Tourstart werde ich für das US-Fernsehen NBC kommentieren.
Wie schätzen Sie die aktuelle Entwicklung im deutschen Radsport ein?
Wir haben beim Start der Tour mit Tony Martin jemanden, der das erste Einzelzeitfahren gewinnen und direkt nach dem ersten Tag in Gelb sein kann. Mit Marcel Kittel, John Degenkolb und André Greipel gibt es drei Sprinter, die die erste Etappe gewinnen und eventuell Gelb übernehmen können. Mit Weltmeister Peter Sagan könnte ein Profi aus einer deutschen Mannschaft die zweite Etappe mit einem kleinen Berg gewinnen und noch mal Gelb übernehmen. Für die Tour de France ist der deutsche Radsport großartig aufgestellt.
Tourstart in Düsseldorf ist Gewinn für alle
Zum ersten Mal seit Langem gibt es wieder zwei deutsche World-Tour-Teams. Wie wichtig ist das aus ihrer Sicht?
Das hat schon große Bedeutung. Es gibt diesen Trickle-down-Effekt, das heißt, wenn es oben an der Spitze gut läuft, kommt auch unten mehr an. Es gibt mehr Medien-Aufmerksamkeit, das zieht Sponsoren an, es begeistert die Kinder, mit dem Radsport anzufangen. Das stärkt die Jugendarbeit. Speziell die Tour in Deutschland zu haben, wird für alle eine Win-Win-Situation.
Wie stark sehen Sie das deutsche Element in beiden deutschen Teams?
Der Radsport ist deutlich globaler geworden. Eine Mannschaft wie früher Telekom mit 85 Prozent Deutschen, das gibt es heute kaum mehr. Wichtig sind die Märkte der Sponsoren, die Mannschaften müssen Fahrer haben, die zu den Heimatmärkten ihrer Geldgeber passen, um sich dort optimal zu präsentieren.
Ist es trotzdem schade, dass die deutschen Topfahrer nicht bei deutschen Teams sind?
Viel hängt vom Umfeld ab, man muss das größere Bild betrachten. Nicht jeder kann in jeder Mannschaft gehen. Ein Kittel etwa braucht einen Sprintzug. Ein Team, das auf nur Klassement fährt, würde ihn vielleicht nicht mit zur Tour nehmen. Andererseits wäre es sicher schwierig, zwei Stars wie Kittel und Sagan in einer Mannschaft zu haben.
Buchmann sollte Akzente setzen
Was erwarten Sie bei der Tour abseits der deutschen Teams?
Ich würde immer noch mein Geld auf Chris Froome setzen in der Gesamtwertung. Als Zweiten sehe ich Richie Porte. Den spannenden Kampf gibt es erst ab Platz drei, dort können fünf bis sechs Fahrer eingreifen.
Wo ordnen Sie Rundfahrt-Talent Emanuel Buchmann ein, der zuletzt mit starken Resultaten auffiel?
Er sollte völlig ohne Stress in die Tour gehen, er ist noch sehr jung. Ich denke schon, dass er großes Potenzial hat, es hilft ihm aber nicht, wenn alle ihn hochjubeln. Wenn er sich ab und zu mal offensiv zeigt, anstatt zu sagen, ich möchte 18. werden und unsichtbar zu fahren, um Energie zu sparen, würde ich das gut finden. Unter die Top 20 der Tour zu kommen, ist eine großartige Leistung, aber ganz ehrlich, ich kann mich nicht an die Namen derer erinnern, die in den letzten 30 Jahren Plätze zwischen zehn und 20 belegt haben. Außer bei zwei, drei Teamkollegen, weil die beim Abendessen neben mir saßen. Jemand wie der Berliner Simon Geschke dagegen ist noch nie auf Klassement gefahren, aber er ist Etappensieger, ihn kennen alle, so etwas bleibt hängen. Deswegen würde ich sagen, Buchmann sollte auch versuchen, Akzente zu setzen. Alle drei, vier Tage ein Highlight. Für eine ganze Rundfahrt fehlt ihm noch die Rennhärte.
Haben sich die Rennen eigentlich verändert, seit Sie aufgehört haben?
Das Durchschnittsniveau ist höher geworden. Früher galt die Faustregel, dass du mit einer halben Stunde Rückstand bei der Tour etwa auf Platz zehn landest. Heute wirst du damit 65. Alle Fahrer sind fit, selbst der Wasserholer kann immer noch Zwölfer oder Neunter werden. Das Verhältnis von Profis zu Arbeitsplätzen in der World Tour liegt bei 3:1, also ist dein Vertrag jedes Jahr in Gefahr. Es kann sich keiner mehr erlauben, faul oder nachlässig zu sein. Sonst bist du raus. Daher trainieren alle härter und das Niveau gleicht sich an.
Vom Hardcore-Fan zum Familienevent
Nächstes Jahr wird die Deutschland-Tour neu aufgelegt nach zehn Jahren Pause. Wie bewerten Sie das?
Es gab lange ein Sterben der Rennen in Deutschland, gut, dass es wieder in eine andere Richtung geht. Dahinter stehen wirtschaftliche Schwergewichte, so dass nicht gleich Geld damit verdient werden muss, sondern erst einmal Konzepte ausprobiert werden können. Es soll jetzt weniger der klassische Radsport für den Hardcore-Fan geboten werden, sondern mehr ein Happening, das die Familie anspricht und einbindet. Jeder soll etwas finden, was ihn interessiert.
Das klingt sehr nach dem Konzept des Velothons.
Ich denke, das ist die Idee dahinter.


