Prellball Berlin

Im Klub der roten Hände

Der TSV Marienfelde ist in Deutschland der dominierende Verein im Prellball. Obwohl die Mannschaft freiwillig in Unterzahl antritt.

Stammspieler Jan Samolarz (v.r.n.l.) und Kapitän Oliver Reuter mit den beiden Ersatzspielern des TSV Marienfelde, Matthias Wulf und Marco Mittelstädt

Stammspieler Jan Samolarz (v.r.n.l.) und Kapitän Oliver Reuter mit den beiden Ersatzspielern des TSV Marienfelde, Matthias Wulf und Marco Mittelstädt

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin.  Aller guten Dinge sind drei. Davon ist jedenfalls Oliver Reuter überzeugt. Seit 2010, seit ein langjähriges Teammitglied aus persönlichen Gründen den Verein verlassen hatte, spielt seine Prellball-Mannschaft vom TSV Marienfelde nun schon zu dritt und damit mit einem Mann weniger als die meisten Gegner. "Natürlich ist es anstrengender", sagt er. "Aber inzwischen sind wir so eingespielt, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, zu viert anzutreten."

Denn obwohl sie permanent in Unterzahl antreten, behalten die Berliner im Spiel meist die Oberhand. Gerade erst hat der Klub erneut die Deutsche Meisterschaft gewonnen, zum dritten Mal in den vergangenen vier Jahren. Insgesamt war es schon der vierte Titel für Marienfelde.

2015/16 war der Verein sogar in der gesamten Saison ohne Niederlage geblieben. Die zweite Männermannschaft spielt ebenfalls in der Bundesliga, und auch bei den Frauen ist Marienfelde gleich mit zwei Teams in der höchsten Spielklasse vertreten. Der Erfolg kommt nicht von ungefähr.

Neben dem TSV Charlottenburg ist der TSV Marienfelde momentan der einzige Sportverein in Berlin, bei dem Prellball schon für den Nachwuchs angeboten wird (auch wenn eine neu gegründete Stiftung zur Förderung des Prellballsports das in den nächsten Jahren ändern will).

Während andernorts meist nur die ältere Generation den Ball über die Schnur spielt, sind in Marienfelde bereits Kindergartenkinder mit Elan dabei. Trainiert wird in Berlins einziger Halle, in der Prellballfelder fest eingezeichnet sind. Die Jugend des Vereins ist in diesem Jahr auch wieder beim Deutschen Turnfest am Start, das am Sonnabend beginnt.

Weltweit wird nur in vier Ländern Prellball gespielt

Oliver Reuter war sechs, als er mit Prellball anfing; sein Teamkollege Jan Samolarz war erst vier Jahre alt. "Ich konnte Prellball spielen, bevor ich Fahrradfahren konnte", sagt Reuter. Als "umgekehrtes Volleyball" beschreibt er seine Sportart, weil der Ball eben nicht mit der Hand in die Höhe gepritscht, sondern mit der Faust auf den Boden geschlagen wird. Der Ball muss immer zuerst im eigenen Feld aufkommen, ehe er ins gegnerische Feld fliegt – deswegen spricht der 38-Jährige manchmal auch von "Boden-Pingpong".

Ansonsten ähnelt das Spielprinzip dem Volleyball mit Annahme, Zuspiel und Angriffsschlag. Dieser muss möglichst knapp über die Leine in 40 Zentimeter Höhe gespielt werden, damit er für den Gegner unerreichbar ist. "Flach spielen, hoch gewinnen", sagt Oliver Reuter. Die härtesten Schläge erreichen dabei Geschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometern.

Nach dem Training sind die Hände oft rot und geschwollen. "Das gehört im Prellball dazu. Aber man gewöhnt sich dran", meint Jan Samolarz. Erfunden wurde Prellball in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts von ein paar Turnern, die ihre Übungsstunde mit einer Partie "Ball über die Bank" auflockern wollten. Inzwischen ist daraus ein eigenständiger Sport geworden, der aber bis heute fast nur in Deutschland betrieben wird.

Weltweit wird nur noch in drei anderen Ländern Prellball gespielt: in Österreich, Schweden und – dank deutscher Auswanderer – in Argentinien. "Wir sind ganz klar eine Randsportart", sagt TSV-Mannschaftskapitän Oliver Reuter. Auf rund 500 Aktive schätzt er den harten Kern der Prellballer in Deutschland. "Wir sind eine große Familie, fast jeder kennt sich", sagt er. Besonders intensiv sind die Verbindungen ins Sauerland. Mit Leonard Lindner wohnt einer der TSV-Spieler inzwischen dort, auch Betreuerin Dinah Fischer ist im Sauerland zu Hause. Beide reisen nur zu den Bundesligaspielen an.

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