Im Land der Floskeln, das man durch die Presseräume der Fußball-Bundesligen betritt, muss jeder selbst sehen, dass er zwischen Wahrheit und frommer Lüge den Einzelfall prüft. Beim 1. FC Union etwa zählte das Versprechen, der Österreicher Philipp Hosiner werde noch wichtig in dieser Saison, zu den gut abgehangenen Sätzen. Bitte nicht falsch verstehen: Philipp Hosiner ist ein edler Fußballer. Spieler wie ihn, die derart präzise Bewegungen und Torschüsse draufhaben, sucht man eine Weile in Liga zwei. Ein Hosiner auf der Bank, das ist reiner Luxus. Nur muss man sich für Luxus bewusst entscheiden. Und das hat Unions Trainer Jens Keller eher selten freimütig getan. Hosiner hatte einfach ordentlich Pech bei Union: Dreimal war er in seiner Laufbahn ernsthaft verletzt, zweimal davon in den zehn Monaten in Berlin.
Hosiner kam als Ersatz für den nach Hamburg verzogenen Bobby Wood im vergangenen Sommer aus Rennes. Nach einem Ligaspiel riss ihm ein Muskel, sein Ersatz, Collin Quaner, schoss sich in einen ungeahnten Rausch. Hosiner arbeitete sich in seinem Schatten wieder heran, dann kollabierte im Dezember 2016 ein Lungenflügel, und Hosiner fand sich statt auf dem Rasen im Krankenhaus wieder. Als Quaner im Winter nach England ging, holte Union von dort gleich Sebastian Polter wieder heim. Polter wurde gefeiert wie der Heiland, machte sofort seine Tore. Und Hosiner? War wieder hinten dran. „Meine Krankenhistorie ist schon ungewöhnlich“, sagt er, der mit der Situation hätte hadern können. Wäre da nicht die dritte Verletzung.
Ein Hosiner auf der Bank ist Luxus
Im Januar 2015 wollte Hosiner von Rennes nach Köln wechseln. Der Gesundheitscheck deckte einen bösartigen Tumor in der linken Niere auf. Heute feiert Hosiner am Jahrestag der Operation, die das Gewebe entfernte, eine Art zweiten Geburtstag. Er hat sich das Datum auf den rechten Arm tätowieren lassen. Es erinnert ihn daran, dass man sich nie entmutigen lassen darf. Jüngst hat Union in Stuttgart verloren, Hosiner wurde spät eingewechselt, und 4.000 Unioner sangen den Monthy-Python-Hit „Always look on the bride side of life“. Es hätte auch Hosiners Privatchor sein können. „Es gibt weitaus Schlimmeres als das, was ich hatte“, sagt der Österreicher heute.
Ihm zuzusehen ist derzeit ob dieser Bescheidenheit eine besondere Freude. Denn Hosiner ist tatsächlich noch mal wichtig geworden. Er spielt, er trifft, vier Mal allein im April. Nach dem Sieg am Freitag gegen Sandhausen (2:1) gab Jens Keller Unions Rezept preis: „Wir wollten Hosiner ins Spiel bringen.“ Das gelang: Der 27-Jährige traf nach einer halben Stunde zur Führung, gewann überdurchschnittliche 68 Prozent seiner Zweikämpfe. „Hosi ist super drauf“, sagt Christopher Trimmel. Dass Hosiner nach einer guten Stunde ausgewechselt wurde, ist deshalb als Anschubfinanzierung für das kommende Spiel zu verstehen. Wenn es dann nach Braunschweig und um alles geht, wird Sebastian Polter fehlen. Unions Sturmführer ist rotgesperrt. Bisher konnte sich Hosiner als zweiter Stürmer auf den wühlenden Polter neben sich verlassen. „Wir müssen versuchen, Polti zu ersetzen“, sagt er. „Und wir werden uns etwas einfallen lassen.“
Der Wühler Polter fehlt, aber Hosiner ist super drauf
Union wäre gut beraten, genau zu überlegen. Gewinnt Braunschweig Sonntag gegen 1860 (13.30 Uhr, Sky), ist ein Sieg dort Pflicht. Die erste Liga winkt noch, wenn auch zaghaft. Von Hosiner wird dort oben übrigens schon gesprochen. Ob er je einen vergleichbar treffsicheren Stürmer wie den 23-Tore-Mann Anthony Modeste trainiert habe, wollte neulich jemand von Kölns Trainer wissen. „Philipp Hosiner“, antwortete Peter Stöger. Beide gewannen 2013 mit Austria Wien die Meisterschaft, Hosiner traf 32 Mal. Um wieder auf Stöger zu treffen, muss gegen Braunschweig möglichst Hosiners siebtes Tor für Union her. „Alles ist angerichtet“, sagt Hosiner.
Erst mal aber hat Trainer Keller zwei Tage frei gegeben. Ab Dienstag fragen sich die Unioner wieder, wie sie dem Tor ohne ihren Wandspieler Polter näherkommen. Er werde bis dahin ganz sicher keine 20 Zentimeter wachsen, sagte Hosiner selbst. Aber es ist ja so: Philipp Hosiner ist schon sehr groß.


