Markus Günthardt hat schon viel bewegt in der Tenniswelt. Er war der Organisationsboss der WM in Hannover, war der wichtigste Wegpartner von Ion Tiriac bei Tennis-Höhepunkten in Madrid. Doch der 40. Tennis Grand Prix in Stuttgart, den der Schweizer als Direktor verantwortet, stellt selbst ihn vor besondere Herausforderungen. „Der Trubel ist riesig“, sagt Günthardt, als er an einem der letzten hektischen Vorbereitungstage im Besucherrestaurant „Boxenstopp“ des Porsche Museums sitzt.

Alle wollen gerade etwas von ihm, er hat immer wenig Zeit. Ab und zu klingelt sein Telefon, er drückt die Gespräche aber weg. Nun nutzt er die Gelegenheit, ein paar Sachverhalte zu erklären, die mit dem großen Turnierthema zu tun haben – mit der aufsehenerregenden Rückkehr des Superstars Maria Scharapowa in den Tourbetrieb. Wenn die Russin am 26. April nach einer 15-monatigen Dopingsperre ihr Erstrundenmatch bestreitet, dann schaut die Welt des Tennis auf Stuttgart, auf Günthardts Turnier. „Dieser Termin“, sagt er, „ist ein Zufall. Ihre Sperre endet am 25. April, ihr Erstrundenspiel bei uns ist am 26. April. Wir haben hier keine Regeln verletzt oder verbogen, um sie mitspielen zu lassen.“

Auch Kerber ist nicht begeistert

Klar ist: Stuttgart steht ganz unter dem Eindruck des Wiedereinstiegs von Scharapowa. „Die Frau, die das Tennis spaltet“, war zu lesen am Rande des Turniers von Indian Wells. Dort war in zugespitzter Form zu erleben, was schon seit Jahresbeginn zu beobachten ist: Kolleginnen, Rivalinnen von Scharapowa werden zum Comeback befragt, und man kann sagen, dass all jene, die vorher schon nicht die größten Freundinnen der Russin waren, noch immer nicht größere Freundinnen geworden sind. „Das ist seltsam“, sagte Angelique Kerber, die Dänin Caroline Wozniacki schimpfte gar: „Das ist respektlos.“ Es gab auch giftige Bemerkungen, wer denn Scharapowa sei, man habe den Namen wohl vergessen.

Dazu muss man wissen, ganz unabhängig von den Turbulenzen um den „Fall Scharapowa“, dass sich die 30-Jährige nie um Nähe zu ihren Mitstreiterinnen bemüht hat, schon gar nicht um Freundschaften. Scharapowa versteht Tennis als Beruf: Sie geht zu einem Spiel wie an die Arbeit, danach geht sie wieder nach Hause. Das stundenlange Herumvagabundieren in Spielerlounges, auch die weit verbreitete Kuschel-Atmosphäre auf der Tour, all das ist ihre Sache nicht. Dass man sie deshalb nicht selten als „eiskalte Diva“ bezeichnete, prallte an Scharapowa ab. Im „Stern“ sagte die Russin gerade dazu: „Ich muss nicht von allen geliebt werden.“

Kein Betrug, nur Fehler

Jetzt also Stuttgart, die Rückkehr. Wird Scharapowa, der Markenbotschafterin von Porsche, dort etwa der rote Teppich ausgebreitet? Günthardt wägt seine Worte genau. Er weiß, wie sensibel die ganze Angelegenheit ist, wie vermint das Terrain erscheint. Aber Günthardt sagt, es habe ihn nicht lange Zeit gekostet, Scharapowa die Wildcard zuzusprechen, also den Turniereinstieg ohne die eigentlich nötige Qualifikation über Weltranglistenpunkte – Punkte hat Scharapowa ja nicht mehr auf dem Konto, seit sie wegen der verbotenen Einnahme des Herzmittels Meldonium letztlich für 15 Monate gesperrt wurde.

„Maria ist keine Betrügerin. Das hat der Internationale Sportgerichtshof so festgestellt“, sagt Günthardt, „sie hat einen schweren Fehler gemacht. Wäre ihr Betrug bescheinigt worden, hätten wir eine andere Situation gehabt.“ Günthardt weist auch noch auf einen anderen Punkt hin: „Maria hat nicht herumlaviert. Sie hat sich sofort öffentlich zu ihrem Fehler bekannt. Sie hat die Verantwortung für alles übernommen. Und nun hat sie nach ihrer Strafe die Schuld abgesessen.“

Riesiges Medieninteresse

Scharapowas Rückkehr sorgt nicht nur für eine gewisse Reizstimmung im Feld der Starterinnen. Sie mobilisiert vor allem ein mediales Interesse, wie es noch nie in der Geschichte des Grand Prix beobachtet worden ist. Mehr als 200 Journalisten werden nun wohl vom Turnier berichten – es ist ein Rekordwert.

Am Mittwoch wird Scharapowa dann zum ersten Mal nach ihrer abgesessenen Strafe auf den Center-Court marschieren, vermutlich in der Abendsession ab 18.30 Uhr. Spielt sie ausgerechnet gegen eine Deutsche? Es wäre ein pikanter Wink des Zufalls – immerhin hatte sich Fedcup-Chefin Barbara Rittner klar gegen die Wildcard-Vergabe positioniert: „Jemand, der gedopt hat, dürfte keine Wildcard mehr bekommen. Meiner Meinung nach hätte sie bei Null, bei den ganz kleinen Turnieren wieder anfangen müssen.“ Günthardt sagt, er habe den Standpunkt des Turniers „klar nach außen kommuniziert, zu allen, die das betrifft: Wir haben hier eine feste Position. Ich verstehe aber, dass Barbara Rittner eine andere Sicht hat.“

Seit vier Monaten bereitet sie sich vor

Und was ist wohl sportlich von der Comebackerin Maria Scharapowa zu erwarten – bei all der bisherigen Aufregung um die Wildcard? „Ich bin sicher, dass sie hervorragend vorbereitet ist“, sagt Günthardt, der Turniermacher, „sie will sportlich sicher ein Statement geben.“

Seit vier Monaten ist Scharapowa inzwischen wieder im verschärften Trainingsbetrieb, doch das kann den Ernstfall auf dem Center-Court nicht ersetzen, das weiß sie selbst am besten: „Es ist etwas ganz anderes, wenn dir plötzlich wieder eine richtige Gegnerin auf dem Platz gegenübersteht“, sagt die Russin, „es wird sicher eine harte Prüfung.“