Beim einstigen Branchenführer Alba Berlin argumentiert man gern, gegen die finanzielle Überlegenheit des achtmaligen deutschen Basketball-Meisters Brose Bamberg und des FC Bayern München sei sportlich im nationalen Vergleich aktuell kaum ein Kraut gewachsen. Beide hätten einen geschätzten Saisonetat, der an die 20 Millionen Euro zumindest heranreiche, wenn nicht sogar diese Zahl übertreffe. Da sei Berlin mit nicht einmal der Hälfte nun einmal hoffnungslos unterlegen.
Ähnliche Summen wie Alba sollen auch die Baskets Oldenburg und Ratiopharm Ulm zur Verfügung haben. Die Schwaben zeigen den Berlinern und dem Rest der Liga momentan, dass Geld eben doch nicht alles ist. Sie haben es gerade geschafft, sich als erstes Team nach nur 22 der regulär 34 Spieltage für das Play-off um die Deutsche Meisterschaft zu qualifizieren. Der Tabellenführer ist ungeschlagen, obwohl es zum Sieg bei Ex-Meister Oldenburg am Sonnabend etwas länger dauerte. „Es wäre verdient gewesen, wenn wir das Spiel bereits in der regulären Spielzeit nach Hause gebracht hätten. Großes Kompliment an die Mannschaft“, sagte Cheftrainer Thorsten Leibenath zum 96:88 (81:81, 51:45) nach Verlängerung, „es war ein harter Kampf.“
Kämpfen können sie. Das und der Erfolg haben System. Im sechsten Jahr unter Leibenath stehen die Ulmer zum sechsten Mal in der K.o.-Runde. In den vergangenen fünf Jahren erreichten sie vier Mal das Halbfinale, zweimal die Endspielserie. Aber nie schien Ulm so stark wie jetzt. Es führt die Tabelle vor Titelverteidiger Bamberg an. Schon sechs Punkte zurück folgt Bayern München. Nach dem Erreichen des ersten Ziels geht der 41 Jahre alte Trainer auch den nächsten Schritt vorsichtig an, will das Heimrecht im Play-off sichern, also mindestens Rang vier.
Nicht wenige glauben, dass die Ulmer in dieser Saison zu weitaus mehr fähig sind. Wenigstens sollten sie als Tabellenerster in die entscheidende Meisterschaftsphase gehen. Zwar müssen sie noch nach Bamberg, doch das Hinspiel gewann Ulm mit 15 Punkten Differenz. Die Münchner und Alba treten in der Rückserie in der Ratiopharm Arena an, die seit ihrer Eröffnung in der Saison 2011/12 in jedem Spiel mit zuerst 6000, mittlerweile 6200 Zuschauern restlos ausverkauft war.
Eine riesige Basketball-Begeisterung in der Stadt, Kontinuität auf der Trainerbank, regelmäßige Auftritte im Europapokal – Ulm ist attraktiv für internationale Spieler, und die Schwaben haben eine gute Hand bei ihren Zugängen. Nicht nur haben sie in Raymar Morgan, der auch in Oldenburg mit 29 Punkten bester Werfer war, den Topscorer der Liga und weitere fünf sehr starke Amerikaner in ihren Reihen. Sie schaffen es seit 2008, mit Per Günther einen der begehrtesten deutschen Nationalspieler zu halten. Ulm verpflichtete außerdem Tim Ohlbrecht, einst ewiges Talent, inzwischen der effektivste Deutsche im Oberhaus.
Die Chemie in der Mannschaft scheint sehr gut zu sein. Ohlbrecht verletzte sich ausgerechnet beim Hinspiel in München kurz nach Weihnachten. Ulm siegte trotzdem klar und verkraftete zudem den Ausfall Günthers. Andere Vereine ziehen neben finanzieller Unterlegenheit gern solch Verletzungspech als Argument für Rückschläge heran. Ulm hat, wie es aussieht, auch diese Ausrede nicht nötig, sondern gewinnt einfach weiter. Bisher 22 Mal.
diw

