Das Gespräch ist schon fast zu Ende, doch eine Anekdote will Rainer Siegel noch loswerden: die mit der Frau von Bode Miller. Als die Mannschaft des Berliner Skiverbandes vor ein paar Jahren gerade wieder einmal in der Skihalle im mecklenburgischen Wittenburg trainierte, war gerade auch der US-amerikanische Skirennläufer vor Ort, vierfacher Weltmeister und Olympiasieger von 2010. Seine Frau Morgan war ebenfalls dabei, stand jedoch etwas verloren am Pistenrand. Es stellte sich heraus, dass sie ihren Mann zwar regelmäßig zu den Rennen begleitet, selbst aber noch nie auf Skiern gestanden hatte. „Einer aus unserer Gruppe hat ihr dann Unterricht gegeben“, erzählt Rainer Siegel stolz.
Berlin als Vorbild im alpinen Skisport: Das ist so ganz nach dem Geschmack des 57-Jährigen. Mitte der 1990er-Jahre kam Siegel nach Berlin, seitdem versucht der Österreicher als Sportwart des Landesverbandes den Skisport in der Hauptstadt zu beleben. „Berlin ist durchaus Ski-affin“, meint er, viele Berliner würden regelmäßig in die Berge fahren. Nach Angaben des Landesverbandes gibt es momentan zehn Vereine in der Stadt, allerdings betreibt der Schöneberger Ski-Club Pallas den Sport als einziger leistungsorientiert.
Beim hiesigen Verband will man sich jedoch nicht länger mit dem Skifahren als Freizeitsport zufrieden geben. „Deshalb haben wir in den vergangenen Jahren ein Trainingskonzept Ski alpin ins Leben gerufen, das junge Berliner Talente dabei unterstützen soll, in die Phalanx der süddeutschen Athleten einzudringen“, sagt Siegel.
Das Konzept sieht mehrere Stufen vor. Bei den Jüngeren steht noch die Technik im Vordergrund, erst bei den Älteren geht es in Richtung Rennsport. Die besten Berliner bilden dann die sogenannte „Skistars“-Gruppe: Junge Rennfahrer mit bereits mehrjähriger nationaler und internationaler Erfahrung, die sich gezielt auf Renneinsätze vorbereiten und regelmäßig in der Skihalle Wittenburg und in den Alpen trainieren. Finanziell unterstützt werden sie dabei von der Van der Valk-Hotelgruppe, die auch das Alpincenter Wittenburg betreibt.
Als Coach konnte der Österreicher Marko Fedrizzi verpflichtet werden. Immer wieder trainieren die Berliner gemeinsam mit den Stars der Szene; vor allem der Brite Dave Ryding, vor kurzem sensationell Zweiter beim Weltcup in Kitzbühel, ist häufig zu Gast in Wittenburg. Auch Felix Neureuther war im vergangenen Jahr ganz angetan von den Fahrkünsten der jungen Talente.
Bei Berliner Meisterschaften seit zehn Jahren ungeschlagen
Rainer Siegel hat sich das Förderkonzept ausgedacht. Sein Engagement ist auch deshalb so groß, weil zwei seiner Töchter zu den besten Athleten des Berliner Skiverbands zählen: Helene (17) und Amelie (15) – auch bekannt als die „Berliner Skizwillinge“. Amelie Siegel ist eine der besten norddeutschen Schülerinnen und startete im vergangenen Jahr erstmals für Deutschland bei einem internationalen Rennen. Ihre ältere Schwester tritt erfolgreich im Deutschland-Pokal an, der höchsten nationalen Klasse, und erreichte dort erst kürzlich einen vierten Platz. Bei den Berliner Verbandsmeisterschaften war Helene Siegel seit zehn Jahren in allen Disziplinen ungeschlagen.
Die beeindruckende Serie endete am Wochenende, allerdings war keine Gegnerin zu stark, sondern das Fieber. Der Titel blieb dennoch in der Familie: Amelie Siegel war bei den Titelkämpfen im thüringischen Steinach im Slalom und im Riesenslalom nicht zu schlagen.
Jedes Jahr treffen sich die besten Berliner in Steinach, um die Landesmeister zu ermitteln. Die dortige Fellbergabfahrt ist natürlich nicht vergleichbar mit der in St. Moritz, auf der zurzeit die Weltmeisterschaften ausgetragen werden, doch sie ist anspruchsvoll genug, um darauf Meisterschaftsrennen auszutragen. Eine eigene Skipiste gibt es in Berlin ja nicht mehr, dabei fand am Teufelsberg einst sogar ein Weltcuprennen statt. Anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987 wurde dort am 28. Dezember 1986 ein Parallelslalom ausgetragen – am Start unter anderem: Markus Wasmeier und Weltcup-Rekordsieger Ingemar Stenmark aus Schweden. Knapp 15.000 Zuschauer säumten die Strecke im Grunewald. Selbst der Dauerregen tat der Begeisterung keinen Abbruch.
Rainer Siegel hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die Piste am Teufelsberg reaktiviert wird und dass dort eines Tages noch einmal um Weltcup-Punkte gefahren wird. Schließlich sei der Weltverband Fis ein großer Befürworter von Stadtrennen: in München, in Moskau oder zuletzt in Stockholm. Bis es soweit ist, werden die Berliner allerdings weiter in der Skihalle in Wittenburg trainieren, etwa 80 Kilometer östlich von Hamburg. Die Piste dort misst zwar nur 330 Meter, „aber das reicht, um einen Kurs mit 20 bis 25 Toren abzustecken“, sagt Siegel. In der Halle könnten die Fahrer in zwei Stunden mehr Läufe absolvieren als draußen – und das zu jeder Jahreszeit. Rainer Siegel ist daher überzeugt: „Wir bieten in Berlin bessere Bedingungen als beispielsweise in Bayern.“
Seine Tochter Helene Siegel erinnert sich noch gut, wie sie vor ein paar Jahren ihre ersten Rennen im Deutschland-Pokal absolvierte. Anfangs wollte sie bloß nicht Letzte werden. „Ich stand da als Frischling inmitten dieser ganzen Fahrer aus dem Süden mit ihren schicken Anzügen und zig Paar Skiern“, erzählt sie. „Das war schon sehr beeindruckend.“ Als Berliner wurde man da zunächst nur belächelt: Skifahrer aus einer Stadt, deren höchste Erhebung gerade einmal 120 Meter misst. Inzwischen aber haben sie sich Respekt verschafft. Es kann ja schließlich auch nicht jeder Rennläufer von sich behaupten, Bode Millers Frau das Skifahren beigebracht zu haben.
Die Morgenpost berichtet in dieser Serie jeden Mittwoch über erfolgreiche Berliner Sportler, die ins Rampenlicht drängen

