Am Sonntag sitzen weltweit wieder Millionen Sportfans vor den Fernsehern: Beim Super Bowl wird der Champion im American Football gesucht. Im 51. Endspiel der nordamerikansichen Profiliga NFL treffen die Atlanta Falcons auf die New England Patriots (Montag, 0.30 Uhr MEZ, Sat.1). Diesmal sind keine deutschen Spieler dabei. Aber wer ist der erste Deutsche, der den Super Bowl gewonnen hat?
Viele würden in einer Quiz-Show mit den Schultern zucken; diejenigen, die sich mit American Football befassen, sicherlich so antworten: Sebastian Vollmer. Der aus Kaarst stammende Offensive Lineman wurde 2015 mit New England durch ein 28:24 gegen Seattle Champion. Doch Vollmer wäre falsch. 27 Jahre vor ihm besiegte Markus Koch mit den Washington Redskins am 31. Januar 1988 die Denver Broncos 42:10. Vier Jahre später war der Verteidiger verletzt, als Washington durch ein 37:24 gegen Buffalo erneut den Titel holte.
Markus Koch? Ja, sagt Vollmer, den Namen habe er schon mal gehört. Aber für ihn sei es ohnehin nie wichtig gewesen, als Deutscher den Super Bowl gewonnen zu haben. „Ich habe nie darüber nachgedacht, sehe mich als Teil des Teams, und als Team haben wir gewonnen“, sagt Vollmer.
Football war keine Liebe auf den ersten Blick
Doch wer ist dieser Markus Koch, warum kennt ihn in Deutschland niemand? Er lebt in Chelsea, im US-Bundesstaat Michigan. Als das Telefon klingelt, meldet sich „Markus Cook“ – und spricht akzentfrei Englisch. Doch seine Muttersprache habe er natürlich nicht verlernt. „Mein Deutsch ist okay. Aber ich übe nicht so viel in Michigan. Es gibt nicht so viele Deutsche hier“, sagt Koch zwar etwas langsam, aber dennoch sehr gut verständlich.
Er wurde 1963 in Niedermarsberg geboren. Als Koch vier Jahre alt war, verließen seine Eltern die nordrhein-westfälische Gemeinde und zogen mit ihrem Sohn nach Kanada. Kitchener wurde ihre neue Heimat. In der Stadt, 100 Kilometer westlich von Toronto, lebten damals viele deutsche Auswanderer.
An der High School kam Koch mit Football in Kontakt. Keine Liebe auf den ersten Blick – dazu war ihm der Sport etwas zu rabiat und die Schmerzen zu stark. Doch Koch wollte zeigen, dass er einstecken kann und fand allmählich Gefallen am Schieben und Schubsen, an der Du-oder-ich-Mentalität. „Ein Anreiz des Footballs für junge Männer ist die Gewalt und die Gefahr. Man kann sich im eher unbeholfenen Übergang vom Jungen- ins Erwachsenenalter selbst testen“, erkannte Koch.
Eine Knieverletzung beendete 1991 seine NFL-Karriere
Schnell wurde klar, dass er viel Talent hatte. Ein College in Idaho offerierte ihm ein vierjähriges Stipendium. Von dort schaffte Koch den Sprung in die NFL. Die Washington Redskins verpflichteten den Defensive Lineman, und gleich in der zweiten Saison wurde Koch Meister. Doch der Erfolg hatte seinen Preis.
Im Gegensatz zu heute gab es damals im Arbeitsvertrag zwischen Liga und Spielergewerkschaft noch keine Regularien, wie oft mit voller Montur trainiert werden darf. Trainer Joe Gibbs ließ seine Akteure vier, fünf Tage pro Woche mit kompletter Ausrüstung, maximaler Geschwindigkeit und voller Wucht aufeinander zu rennen. „Physisch und psychisch unglaublich schlauchend“, erinnert sich Koch. Eine Knieverletzung beendete im Herbst 1991 seine Karriere.
Obwohl er anschließend nichts mehr mit Football zu tun hatte, litt er jahrelang an den Folgen. Koch spricht von „verheerenden physischen, emotionalen und mentalen Wunden“. Er konnte kaum gehen, wurde depressiv, dachte an Selbstmord und rauchte Marihuana, um die Schmerzen ertragen zu können. Durch Yoga-Kurse und chinesische Heilmethoden fand er zurück ins Leben.
Jetzt behandelt er Patienten mit Gehirnerschütterung
Heute arbeitet Koch als Spezialist für Craniosacral-Therapie. Er behandelt Patienten mit Gehirnerschütterungen und anderen inneren Kopfverletzungen. Die Schmerzen, über die sie klagen, hat er einst selbst erlebt.
Nachdem Vollmer 2015 mit New England den Super Bowl gewonnen hatte, sprach eine Lehrerin Koch an. „Als sie meinte, dass Vollmer der erste deutsche Super-Bowl-Sieger sei, habe ich nichts gesagt, sondern nur gedacht: aha, interessant“, erinnert sich Koch.
Warum sein Erfolg bis heute in Deutschland kaum bekannt ist, führt er darauf zurück, dass es damals noch kein Internet gab. Zudem sei er niemand, der hinausposaune, „he, ich bin der erste Kraut, der den Super Bowl gewonnen hat“, betont der 53-Jährige – und lacht.


