Wenn er mal ein Tief hat, setzt Bob Hanning sich gern vor eines der bodentiefen Fenster in seiner Füchse-Geschäftsstelle und lässt den Blick über den Gendarmenmarkt schweifen. Dann falle ihm immer auf, wie gut es ihm doch geht, sagt der 48-Jährige. Nachdem der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB) am vergangenen Montag von der Weltmeisterschaft aus Frankreich zurückkehrte, führte einer seiner ersten Wege dorthin. Im Interview spricht er über die Psychologie der vermeidbaren Enttäuschung, die Suche nach einem neuen Bundestrainer und Erkenntnisse für die Heim-Weltmeisterschaften 2017 und 2019.
Herr Hanning, an diesem Sonntag (17.30, Livestream, handball.dkb.de) spielt Frankreich gegen Norwegen um den Titel bei der Handball-WM. Wo sind Sie zu diesem Zeitpunkt?
Bob Hanning: Ich habe gleichzeitig hoffentlich auch ein Finale mit meiner A-Jugend der Füchse Berlin in Prag. Wir spielen dort ein Freundschaftsturnier mit internationalen Spitzenmannschaften.
Sie haben sich also gleich in die Arbeit gestürzt, nach dem frühen Ausscheiden der deutschen Handballer in Paris?
Irgendwie schon. Eigentlich war es ja eine gewonnene Woche, aber wenn ich die ganzen Termine, die ich inzwischen wahrgenommen habe, ansehe, frage ich mich, wo diese sieben Tage geblieben sind.
Der neunte Platz sei keine Katastrophe, kommunizierten Sie. Es war das schlechteste Ergebnis seit 2011. Kann das der Anspruch dieser Mannschaft sein?
Nein. Wir sind klar mit dem Ergebnis nicht zufrieden, da brauchen wir nicht drumherum reden. Das war eine völlig vermeidbare Niederlage, Katar die deutlich schlechtere Mannschaft. Wir haben es emotional nicht auf die Platte gekriegt.
Das klingt eher nach einem mentalen Problem. Warum hatten die Handballer keinen Sportpsychologen dabei?
Wir haben niemanden dabei, um das Team klein zu halten. Das Angebot gibt es aber beim DHB und wird zum Teil auch wahrgenommen. Ich komme selbst aus einer Psychologen-Familie und finde, das ist durchaus ein probates Mittel. Ich selbst habe in meiner Bundesliga-Karriere als Trainer mit einem Psychologen gearbeitet, aber das muss jeder für sich entscheiden. Ich denke, das aufzuzwingen, ist völlig falsch.
Bundestrainer Dagur Sigurdsson hat gesagt, man war im Kopf schon einen Schritt zu weit. Was hat dazu geführt?
Gegen Chile, Saudi-Arabien und Weißrussland hatten wir keinen adäquaten Wettbewerb, und auch gegen die Kroaten war es ja nie eng. Dadurch haben wir in der Vorrunde keinen Moment der Krise miteinander durchlebt. Man denkt, man ist gut, aber dieses Wissen ist vielleicht trügerisch. Wir dachten, wir wären weiter. Jetzt sind wir um diese Erfahrung reicher. Und ehrlich gesagt ist es mir lieber, dass es jetzt mit Dagur passiert ist, als mit dem Trainer, der uns auf den Olympiasieg 2020 vorbereiten muss.
Und der heißt?
Wir sprechen nach wie vor mit zwei Kandidaten, Christian Prokop und Markus Bauer, auch wenn einige Medien sich bereits auf Prokop festgelegt zu haben scheinen. Es laufen noch immer die Gespräche mit DHfK Leipzig aber auch mit TBV Stuttgart. Entscheiden wird es das Präsidium. Im Moment gibt es aber noch keine Beschlussvorlage.
Es heißt, die Leipziger würden im Tausch gegen Prokop gern Frauen-Bundestrainer Michael Biegler verpflichten. Wie stehen Sie dazu?
Wir sind in Gesprächen. Der Vertrag zwischen dem DHB und Biegler läuft zum Jahresende aus. Wir suchen nach einer guten Lösung für alle Seiten, sind uns aber unserer Verantwortung für die Frauen-WM bewusst.
Andreas Thiel hat sich in „Handball-Inside“ den Kommentar erlaubt, jeder Trainer, der einen Arsch in der Hose habe, könne mit diesem Team in den kommen Jahren Titel gewinnen – stimmen Sie zu?
Wenn mir Andreas gewährleisten könnte, dass er von vier Goldmedaillen drei holt, wäre ich auch bereit, ihm den Vertrag als Trainer zu geben.
Stefan Kretzschmar sagte kürzlich, in Deutschland werde der große Handball-Boom nun erst einmal vorbei sein, wie sehen Sie das?
Diese Meinung hat er exklusiv. Es gibt kein Indiz dafür, dass auch nur im Ansatz für diese Theorie spricht – zudem wir die nächste WM sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern im eigenen Land haben.
Die Klickzahlen im DKB-Livestream sind allerdings eingebrochen. Das WM-Achtelfinale zwischen Deutschland und Katar hatte insgesamt knapp drei Millionen Zugriffe, beim Halbfinale zwischen Frankreich und Slowenien war es nicht mal mehr ein Zehntel davon. Druck auf TV-Anbieter übt man so nicht aus.
Das liegt in der Natur der Sache, wenn Deutschland ausscheidet. Man muss natürlich sagen: Je größer der Erfolg im Handball ist, desto höher ist die Frustration derer, die es nicht sehen können, und desto mehr machen sich diese Leute dann auch bemerkbar. Daher hätte ein großer Erfolg bei dieser WM uns natürlich auch im Hinblick auf weitere Verhandlungen mit TV-Anbietern geholfen.
Ende des Jahres werden die TV-Rechte neu vergeben. Wünschen Sie sich einen anderen Anbieter als beIN Sports, damit die Übertragung der Heim-WM 2019 gesichert ist?
Ich hoffe, dass die IHF die Sondersituation einer WM bei uns im eigenen Land berücksichtigt. Man muss aber auch sagen: Wenn wir Verschlüsselung nicht hinbekommen, hat Frau Merkel Recht, wenn sie sagt, dass wir das digitale Zeitalter verschlafen. Alle anderen zivilisierten Länder kriegen das ja auch hin.
Ihr Tipp für das WM-Endspiel?
Da unser Kent Tönnesen bei Norwegen spielt, bin ich natürlich parteiisch, weil ich gerne eine Goldmedaille in Berlin haben möchte, trotzdem bleibt Frankreich der Favorit.


