Als Bob Hanning sich vor wenigen Tagen das Spiel der französischen Handball-Nationalmannschaft gegen Japan ansah, fiel ihm etwas auf: „Die Siegermentalität der Franzosen spürt man sogar durch den Fernseher hindurch“, sagt der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB).
Nun ist der neue Arbeitgeber seines Bundestrainers Dagur Sigurdsson nicht unbedingt das Team, das Frankreich bei seiner Heim-WM in die Schraken weisen könnte, doch auch die starken Norweger mussten sich am Sonntag der französischen Macht beugen (28:31). Vor dem Spiel an diesem Dienstag gegen Russland (20.45 Uhr, Livestream, handball.dkb.de) steht der Gastgeber mit drei Siegen schon so gut wie sicher im Achtelfinale.
Titelsammler Frankreich
In Frankreich ist diese Tatsache aber noch kein Grund zum Jubeln. „Weniger als der Titel wird nicht erwartet“, sagt Uwe Gensheimer. Der Kapitän der deutschen Mannschaft weiß, wovon er spricht, schließlich spielt der 30-Jährige seit dieser Saison beim französischen Meister Paris St. Germain.
Seit mehr als zehn Jahren dominiert die „Equipe tricolore“ das internationale Handball-Geschehen. Neben fünf WM-Titeln (1995, 2001, 2009, 2011 und 2015) gewann die französische Auswahl drei Europameisterschaften (2006, 2010, 2014) sowie zweimal Olympia-Gold (2008 und 2012).
Deutschland führt Europa-Rangliste an
Doch die Mannschaft um ihre großen Stars Thierry Omeyer (40), Daniel Narcisse (37) und Nikola Karabatic (32) kommt langsam ins Altern. Auch Kreisläufer Cédric Sorhaindo (32), Rechtsaußen Luc Abalo (32) oder Linksaußen Michael Guigou (34) befinden sich im Herbst ihrer Karriere. Der fünfte Platz bei der EM in Polen und die olympische Silbermedaille in Rio waren für die erfolgsverwöhnten Franzosen eine Enttäuschung – und ein Hinweis darauf, dass andere Nationen zu ihnen aufschließen. In der zu Jahresbeginn von der EHF veröffentlichten europäischen Rangliste belegt Frankreich hinter Deutschland (308 Punkte), Spanien (284) und Kroatien (272) nur den vierten Rang. Gezählt wurden die Platzierung bei der EM sowie die der U18- und U20-Nationalmannschaften in 2016.
Frankreich braucht eine neue Generation, die an die großen Erfolge anknüpft, denn die WM im Heimatland besiegelt das Ende einer Ära. „Für viele Nationalspieler ist es das letzte große Turnier“, weiß Gensheimer. Und wie könnte man diesen Abschluss besser feiern als mit einem Titel im eigenen Land?
In Lille warten 27.500 Fans
Die Organisatoren jedenfalls tun alles dafür, die Heimmannschaft bei diesem Vorhaben zu unterstützen: Frankreich ist das einzige Team, das von Beginn an einen kompletten Reiseplan machen konnte. Nach dem Auftaktspiel in Paris ging es nach Nantes, wo die Franzosen jedes ihrer Spiele vor einer mit 11.000 Tickets ausverkauften Arena bestreiten. Nach der Gruppenphase reist die Mannschaft nach Lille, wo sie in dem 27.500 Plätze fassenden umgebauten Fußballstadion Pierre Mauroy spielt. Hier soll ein neuer Zuschauerrekord aufgestellt werden, den seit 2007 die Köln-Arena hält (20.500). Ihren Titel wollen die Franzosen dann in Paris feiern.
So weit vorausplanen kann die deutsche Mannschaft nicht. Wie für die meisten anderen WM-Teilnehmer wird sich voraussichtlich erst im letzten Gruppenspiel entscheiden, an welchem Ort es für sie weitergeht. Montpellier, Albertville und Paris sind neben Lille die Varianten. „So eine Null-Prozent-Planbarkeit gab es bei einer WM noch nie“, beklagt Björn Pazen, der seit 20 Jahren über Handball berichtet. Hanning hingegen findet: „Die Franzosen machen das genau richtig, das ist auch ein klarer Fingerzeig für uns bei der Heim-WM 2019.“
84 WM-Spiele in 19 Tagen
Sollte Deutschland Gruppensieger werden, gibt es auch nichts zu beklagen, dann reist das Team gemütlich ins anderthalb Stunden entfernte Paris, bei Platz zwei allerdings geht die Reise ins 850 Kilometer entfernte Montpellier. Insgesamt 84 Spiele finden überall im Land verteilt statt, die Euphorie ist groß: Die Franzosen färben sich ihre Bärte in den Nationalfarben, singen inbrünstig die Marseillaise, sind sich aber auch nicht zu fein, das internationale Publikum anzufeuern. In den Restaurants und Bars läuft neben Fußball, der auch die französische Sportlandschaft dominiert, zurzeit viel Handball.
„Wir wollen möglichst viele junge Leute begeistern, die die Zukunft des französischen Handballs werden sollen“, sagt Joel Delplanque, Präsident des französischen Verbandes. Bislang klappt das ausgezeichnet, sogar, wenn der Titelverteidiger nicht spielt: Die Partie zwischen Japan und Brasilien sahen 8500 Zuschauer in Nantes, nach Paris kamen mehr als 10.000, um das Spiel am Montag zwischen Dänemark und Schweden anzuschauen.
Eine Nation im Handball-Fieber
Schon vor Turnierstart hatten die Organisatoren des 30 Millionen Euro teuren Turniers 431.000 Tickets verkauft. Dem Wüstenstaat Katar gelang es vor zwei Jahren mit Mühe und Not sowie gegen Bezahlung, insgesamt 306.100 Zuschauer in die Hallen zu bugsieren. Doch Frankreich hat eben auch eine andere Handball-Historie. Der Titelgewinn soll nun die Krönung für die erfolgreichste Nationalmannschaft in der Geschichte dieser Sportart werden.


