Am Ende hat er in den Armen seiner Frau Daphne geweint, der kahlköpfige Hüne. Es waren Freudentränen, der Druck war weg. Vor allem der, unter den er sich selbst gesetzt hatte. Michael van Gerwen war mit 25 Turniersiegen in 2016 schon längst der Mann des Jahres, und kaum einer zweifelt daran, dass er den Darts-Sport noch lange Zeit dominieren wird. Am späten Montag war „Mighty Mike“ im Londoner Alexandra Palace auch der Mann der Stunde – der Stunde, die er so herbeigesehnt hatte. Er war Weltmeister, zum zweiten Mal nach 2014. „Das ist der Titel, der zählt“, sagte er nach seinem 7:3-Finalsieg gegen den „Flying Scotsman“ Gary Anderson, der das Turnier in den beiden Jahren zuvor gewonnen hatte. „Du brauchst den zweiten Titel, um zu den ganz Großen zu gehören. Das hier hinbekommen zu haben, bedeutet mir so viel.“

Weltmeister gewann 2016 über zwei Millionen Euro

Eine Genugtuung dürfte es für „The Green Machine“, wie der 27-jährige Niederländer wegen seines grell-grünen Outfits auch genannt wird, zudem gewesen sein, dass er mit seinem Landsmann Raymond van Barneveld im Halbfinale und Anderson im Endspiel genau die beiden bezwingen konnte, die in den Jahren zuvor seinem zweiten WM-Titel im Weg gestanden hatten. „Ich bin überglücklich, hier zu meinem besten Spiel gefunden zu haben“, sagte van Gerwen, dem der Sieg die rund 20 Kilogramm schwere „Sid Waddell Trophy“ sowie einen Siegerscheck in Höhe von 410.000 Euro einbrachte. „Diesen Pokal wollen alle, und ich habe das Richtige zur richtigen Zeit getan. Ich habe das richtige Umfeld und eine wunderbare Familie. Sonst wäre das alles gar nicht so möglich gewesen.“ Der Niederländer kommt damit in der abgelaufenen Saison auf ein Gesamtpreisgeld von 2,17 Millionen Euro, die Gagen der Showevents, die er auch vor der WM absolvierte, um seine Form zu halten, nicht eingerechnet. Im Jahr zuvor hatte er noch den „Fehler“ begangen, vor dem Jahreshöhepunkt Urlaub zu machen.

„Das Richtige zur richtigen Zeit“ ist eher eine Untertreibung, denn nicht nur „Mighty Mike“, sondern auch Anderson krönten mit ihrer Final-Gala eine WM der Rekorde. Beide pulverisierten mit insgesamt 42 perfekten Aufnahmen (180 Punkte mit drei Pfeilen) den bisherigen Rekord für ein Match (34). Bereits im Halbfinale gegen van Barneveld hatte „The Green Machine“ mit einem Punktedurchschnitt von 114,05 pro Aufnahme einen Fabelrekord aufgestellt. Im Endspiel übertraf Anderson mit 22 180ern die Bestmarke eines einzigen Spielers, die bisher van Barneveld und Dave Chisnall (21) hielten. Mit insgesamt 708 perfekten drei Pfeilen schraubten die 72 WM-Teilnehmer den Rekord aus dem Vorjahr (654) erneut in die Höhe.

Auch der Sender Sport1, der die WM in Deutschland übertrug, meldete Rekorde. Das Endspiel brachte den besten Quotenwert seit der ersten Übertragung vor 13 Jahren. Im Durchschnitt verfolgten 1,48 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 4,8 Prozent) die Liveübertragung, in der Spitze 1,95 Millionen. Durchschnittlich 480.000 Zuschauer im Laufe der knapp dreiwöchigen WM sind ebenfalls ein Bestwert.

Das Millionen-Publikum sah am Montagabend auch, wie ein Flitzer beim 2:1 im neunten Satz für van Gerwen die Bühne stürmte und sich den WM-Pokal schnappte. Sicherheitsleute griffen schnell zu, doch der Rhythmus von „Mighty Mike“ war erst mal dahin. „Das war eine komische Situation. Ich bin in meiner Konzentration gestört worden“, sagte van Gerwen, der sich aber gleich darauf mit dem Gewinn des zehnten Satzes zum Weltmeister krönte. „Der Kerl ist einfach zu gut. Er hat in diesem Jahr nicht ohne Grund alles gewonnen“, musste Titelverteidiger Anderson anerkennen, dessen beeindruckende Serie von 17 Siegen im „Ally Pally“ van Gerwen beendete.

Die zweite „Störung“ des Abends war von wesentlich angenehmerer Natur. Jemand reichte dem neuen Weltmeister während der Pressekonferenz ein Handy. Van Gerwen meldete sich mit „Michael“, dann wurden seine Augen groß. Am anderen Ende war der niederländische Ministerpräsident. Rund eine Minute plauderten Mark Rutte und van Gerwen.

Etwa 7500 Deutsche reisten zum Turnier nach London

Wenn Ministerpräsidenten gratulieren, Fernsehsender Rekordquoten melden und allein 7500 Deutsche zu dieser WM nach London reisten, um im während des gesamten Turniers ausverkauften „Ally Pally“ dabei zu sein, bedarf es keiner weiteren Beweise: Darts boomt. Finden auch die Programmmacher des TV-Senders „ProSieben“, der schon am Sonnabend zur „Promi-Darts-WM“ in Düsseldorf lädt. Mit dabei sind van Gerwen, Anderson, Rekordchampion Phil „The Power“ Taylor (England), der Schotte Peter „Snakebite“ Wright und der deutsche „Maximiser“ Max Hopp. Sie bilden mit Prominenten wie Fußball-Weltmeister Lothar Matthäus, Neu-Wrestler Tim Wiese, Reiner Calmund, den Star-Köchen Steffen Henssler und Tim Mälzer oder Volksmusik-Star Stefanie Hertel Zweier-Teams. Wohl eher eine Gaudi, neue Rekorde sind kaum zu erwarten.