Beachvolleyball

Kira Walkenhorst: „Das alles gehört zu mir“

Olympiasiegerin Kira Walkenhorst spricht über die Sportlerwahl, körperliche Opfer, den erhofften WM-Titel und ihre Homosexualität.

Olympiasiegerin Kira Walkenhorst hat bereits die WM im nächsten Jahr im Blick

Olympiasiegerin Kira Walkenhorst hat bereits die WM im nächsten Jahr im Blick

Foto: dpa Picture-Alliance / BEAUTIFUL SPORTS/Peter Weber / picture alliance / Beautiful Spo

Baden-Baden.  Bei den Olympischen Spielen in Rio sorgten Kira Walkenhorst (26) und ihre Partnerin Laura Ludwig (30) für die höchsten TV-Quoten in Deutschland, nun wurden die Beachvolleyballerinnen von den Sportjournalisten auch zur Mannschaft des Jahres gewählt. Im Interview spricht Walkenhorst über Opfer für den Leistungssport, vertauschte Rollen und Toleranz gegenüber Homosexualität.

Frau Walkenhorst, für die vielen Galas und Ehrungen mussten Sie sich ständig neue Kleider zulegen in den vergangenen Wochen, oder?

Kira Walkenhorst: Allerdings. Zum Glück hat uns Hugo Boss Outfits gegeben, aber es musste auch schon mal ein Kleid gekauft werden. Das Blöde ist, dass man die Sachen ja nicht zweimal anziehen kann. Für die Sportlerwahl in Baden-Baden musste also wieder etwas Neues her. Auch diese viel zu engen Schuhe (lacht und schlüpft heraus).

Was bedeutet Ihnen denn diese Wahl?

Das ist eine der größten Auszeichnungen überhaupt, daher der perfekte Abschluss eines unglaublichen Jahres. Alle Sportler hier haben ja Unglaubliches geleistet. Jeder hätte die Auszeichnung verdient. Aber dass wir sogar vor den Handballern liegen, ist auch für unseren Sport insgesamt etwas Besonderes.

Kürzlich feierte der Film „Der Weg zu Gold“ Premiere, der die vergangenen zwei Jahre von Ihnen und Laura Ludwig bis zum Olympiagold dokumentiert. Wie war es für Sie, sich selbst auf der Leinwand zu sehen?

Ich fand die ersten Minuten schrecklich.

Achterbahnfahrt in den vergangenen zwei Jahren

Weil es da um Sie und die Operation an ihrem Knie ging?

Das war schon emotional, schlimm war aber eher, meine eigenen Stimme zu hören. Ich habe kurz überlegt, ob ich rausgehe, aber nach ein paar Minuten war ich so in der Story drin und hab mich an Dinge erinnert, die ich so gar nicht mehr auf dem Schirm hatte. Das Gold zum Schluss hat doch einiges überwogen, da war es schön, die Achterbahnfahrt dieser zwei Jahre auf dem Weg dorthin noch einmal zu sehen.

Was bedeutet es langfristig für Ihr Knie, dass der Meniskus herausgenommen worden ist?

Die Gefahr ist natürlich größer, dass Knochen und Knorpel bei unserer hohen Belastung in Mitleidenschaft gezogen werden, jetzt, wo der Meniskus als Puffer weg ist. Aber ich hoffe, die Medizin ist in ein paar Jahren so weit ist, dass man eine Möglichkeit findet, dem Knorpel einen neuen Puffer zu geben.

Sie hätte den Meniskus auch nähen lassen können….

Dann hätte ich die Olympischen Spiele verpasst. Ich hatte schon so viel investiert, der Traum war zum Greifen nah, daher habe ich mir die Frage nicht gestellt. Sportlerknie sind extrem belastet, meine waren auch schon vorgeschädigt, aber so lange ich schmerzfrei spielen kann, interessiert mich erstmal nicht, was in 20 Jahren ist.

Gerade trainieren Sie allein, Ihre Partnerin Laura Ludwig hat sich einer Schulter-Operation unterzogen, ein Rollentausch?

Ja, wir dachten, wir probieren mal etwas Neues aus (lacht). Warum sollte es anders laufen als in den vier Jahren davor? Klar, eine OP ist immer blöd, aber schlussendlich hat Laura sich auch gefreut, dass es gemacht wurde, damit sie danach wieder ohne Schmerzen spielen kann.

Was bedeutet die OP für die Saisonplanung? Am 7. Februar startet die FIVB World Tour in Fort Lauderdale mit einem hoch dotierten Turnier.

Das wird das einzige Turnier sein, bei dem ich gucken muss, ob ich mit jemand anderem spiele. Ab März wollen wir dann wieder voll einsteigen. Wenn Laura im Februar wieder am Ball trainieren kann, ist noch genug Zeit.

Das Team bleibt zusammen

Seit dieser Saison sind die Turniere des Weltverbands in einem Sterne-System von eins bis fünf klassifiziert. Blicken Sie noch durch?

Nein (lacht). Ich denke mal, fünf Sterne sind Major Turniere, vier Sterne wie ein Grand Slam und drei wie ein Open. Wir werden daher versuchen, die Vier- und Fünf-Sterne-Turniere alle zu spielen. Außerdem möchten wir auch gern in dieser Saison ein Turnier der deutschen Tour spielen. Die exakte Planung ist aber davon abhängig, wie schnell Laura zurückkommt.

In das neue Konzept seitens des deutschen Verbandes mit einem zentralen Stützpunkt in Hamburg und Bundestrainern waren Sie bislang nicht involviert. Sie dürfen als einziges Team ihr eigenes Ding machen und behalten Ihr Trainerteam bei, was bedeutet das für Sie?

Ich sehe es als großen Vorteil, dass wir in dem Team, in dem wir uns so viel erarbeitet haben, weitermachen können. Zudem bin ich froh, dass wir von der Umstrukturierung des Verbandes nicht betroffen sind, gerade wenn ich sehe, wie wenig die anderen Teams wissen und planen können. Jetzt ist zwar klar, dass es nach Hamburg geht, aber die Teams sind schon lange in der Vorbereitung ohne Trainer, bekommen kaum Informationen, wir konnten unsere Planung schon lange machen und die Zeit nutzen, im Gegensatz zu den anderen Teams, die mit leeren Händen dastehen.

Vier Frauen- und vier Männerteams sollen zukünftig neben Ihnen und Markus Böckermann/Lars Flüggen in Hamburg trainieren – inwiefern wird sich dadurch etwas für Sie ändern?

Ich bin gespannt, wie das hier organisiert wird, damit wir alle trotzdem unsere Felder haben. Auch die Physiotherapeutin wird nicht alle betreuen können, im Kraftraum konnten wir uns bislang recht frei bewegen, weil wir keine große Gruppe an Beachvolleyballern waren. Da ist noch nicht bekannt, wie die Verantwortlichen sich das vorstellen.

„Ich habe noch nie schlechte Erfahrungen gemacht“

Seit zweienhalb Jahren sind Sie mit der Hamburger Stützpunkttrainerin Maria Kleefisch liiert, haben die Beziehung auch offen im Film präsentiert. Stand die Frage im Raum, das nicht zu tun?

Nein. Das bin ich und das gehört zu mir. Wenn jemand ein Problem damit hat, interessiert mich das nicht – es sei denn, es wären meine Eltern oder jemand aus dem nahen Umfeld gewesen. Bisher habe ich aber nur positive Erfahrungen gemacht, und das darf auch gerne weiterhin so sein.

Auf der Tour gibt es einige Spielerinnen, die sehr offen mit ihrer Homosexualität umgehen, herrscht im Beachvolleyball eine besondere Toleranz?

Ich glaube, bei Frauen ist es ohnehin offener als bei Männern, sei das im Fußball, Handball oder Volleyball. Ich kann nicht verstehen, warum, aber ich bin froh, mich nicht verstecken zu müssen, denn das würde ich nicht einsehen. Ich habe aber auch noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Das kommt bei den Männern vermutlich häufiger vor, leider.

Wenn sie die Kira von 2012 mit der Kira heute vergleichen, was fällt Ihnen auf?

Am Anfang war ich das Küken, das von Laura gefragt worden war, habe wie ein kleines Kind alles versucht zu verstehen. Jetzt habe ich wesentlich mehr Erfahrung. Ich bin nicht mehr die Kleine neben Laura, die größten Titel haben wir jetzt zusammen geholt. Das gibt Sicherheit.

Ein Titel fehlt Ihnen beiden noch, welche Bedeutung hat die Weltmeisterschaft in Wien?

Als wir uns alle zusammengesetzt und überlegt haben, wie wir weitermachen, war die WM direkt in unseren Köpfen. Die letzte war mit Platz 17 überhaupt nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Das ist ein Titel, der uns noch fehlt. Wenn wir sportlich das Niveau aus dem vergangenen Jahr abrufen können, haben wir auch eine Chance darauf. Für die Motivation ist es super, gleich das nächste Ziel vor Augen zu haben.

Direkt im Anschluss kommen Sie zum World-Tour-Stop nach Hamburg. Könnte es besser sein?

Man hat so ein bisschen im Kopf, wie es im letzten Jahr war, als wir als Europameisterinnen nach Hamburg kommen durften. Jetzt liegt das Turnier direkt hinter der WM, da wäre es natürlich cool, mit einer WM-Medaille hierher zurückzukehren.

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