Dagur Sigurdsson las die Namen einfach vor. Weil der Handball-Bundestrainer und DHB-Vizepräsident Bob Hanning noch bis kurz vor dem Pressetermin an dem 28er-Kader für die Handball-Weltmeisterschaft in Frankreich 2017 (11. bis 29. Januar) gefeilt hatten, konnte das Dokument nicht rechtzeitig ausgeteilt werden. „Wir standen bis eben noch im Flur und haben uns beraten“, sagte Hanning.

Durcheinander geworfen wurde die Planung durch den Ausfall von Steffen Weinhold. Der 30-Jährige hatte sich beim Bundesligaspiel seines THW Kiel gegen den SC Magdeburg am Sonntagabend das Syndesmoseband gerissen, muss drei Monate pausieren und verpasst daher die WM im Januar. „Durch seinen Ausfall haben wir etwas Bauchschmerzen“, sagte Hanning.

Schließlich fehlt im rechten Rückraum bereits Füchse-Spieler Fabian Wiede, der am Montag an der Schulter operiert worden ist. Dafür holte Sigurdsson mit Holger Glandorf (Flensburg-Handewitt) einen Spieler zurück, der eigentlich 2014 das letzte seiner bislang 167 Länderspiele für die deutsche Auswahl bestritten hatte. Der 1,97 Meter große Linkshänder könnte die entstandene Lücke im rechten Rückraum füllen, allerdings steht der Weltmeister von 2007 wie Hendrik Pekeler nur als Reserve für den Notfall zur Verfügung.

Noch zehn Spieler sind zu streichen

Der Kreisläufer von den Rhein-Neckar Löwen, der bei der EM mit Finn Lemke den Angst einflößenden Mittelblock der deutschen Abwehr bildete, brauche eine Pause, ließ er vor Wochen verlauten, gleiches gilt für Rückraumregisseur Martin Strobel (30, Balingen) und Christian Dissinger (25, THW Kiel), der sich wegen vieler Verletzungen dazu entschlossen hat, bis zum Sommer keine Länderspiele zu absolvieren.

„Ich kann die Beweggründe von jedem verstehen. Im tiefsten Inneren finde ich aber, es sollte das Größte sein, für die Nationalmannschaft aufzulaufen, und wenn man spielen kann, sollte man das tun“, sagte Hanning, der gleichzeitig Füchse-Geschäftsführer ist. Von seinem Team stehen mit Paul Drux, Silvio Heinevetter und Steffen Fäth drei Spieler im erweiterten Kader.

Zum Start der WM-Vorbereitung am 28. Dezember muss Sigurdsson noch zehn Spieler streichen. „Dafür lassen wir uns noch einige Tage Zeit“, sagte er. „Wir wollen auf aktuelle Situationen reagieren. Wie schnell sich die Lage ändern kann, hat leider das Beispiel Weinhold gezeigt.“

Hanning sieht besondere Herausforderungen

Spontanes Umdisponieren ist der Isländer inzwischen gewöhnt, schließlich fielen ihm vor genau einem Jahr mit Uwe Gensheimer und Patrick Groetzki ebenfalls in letzter Minute zwei Schlüsselspieler aus – von den Verletzungen während des Turniers in Polen mal ganz abgesehen.

Den Traum von einem neuerlichen Handball-Märchen wollte Hanning aber schnell aus den Köpfen schieben: „Das wird sicherlich eine sehr schwierige WM“, prophezeite er – auch, weil er im Hintergrund die Nachfolge für Sigurdsson regeln muss, der nach der WM die japanische Nationalmannschaft auf Olympia 2020 in Tokio vorbereiten und seinen Lebensmittelpunkt wieder nach Island verlegen wird.

„Dieses Mal stehen wir vor besonderen Herausforderungen“, so Hanning.