Berliner Sportlerwahl

Sieger Marcus Groß: „Ich bin der Einzige ohne Sponsor“

Doppel-Olympiasieger Marcus Groß erzählt im Interview, dass er nach der Ehrung zum Sportler des Jahres sogar noch zur Nachtschicht musste

Marcus Groß (r., Kanu) und Lisa Unruh (Bogenschiessen) sind die Champions 2016 und wurden im Hotel Estrel geehrt

Marcus Groß (r., Kanu) und Lisa Unruh (Bogenschiessen) sind die Champions 2016 und wurden im Hotel Estrel geehrt

Foto: © Camera4 / Top Sportmarketing

Berlin.  Rio war die olympische Sternstunde für Marcus Groß (27). Sowohl im Kajakzweier als auch im Kajakvierer gewann der Berliner Gold. Diese Leistungen brachten den Kanuten auch bei der Berliner Sportlerwahl auf den ersten Platz. Die Morgenpost sprach mit dem Gewinner.

Herr Groß, herzlichen Glückwunsch! Verraten Sie uns doch mal, welche sportliche LeistungSie in diesem Jahr am meisten beeindruckt hat?

Marcus Groß : Für mich ist Sebastian Brendel (aus Potsdam, d.Red.) der Kanute des Jahrhunderts und generell der Sportler schlechthin. Der hat die letzten Jahre alles gewonnen. Selbst beim Training ist er atemberaubend, wie er alles macht und angeht. Basti gibt ein wirklich gutes Vorbild ab.

Wo sehen Sie Ihre Leistung?

Ich versuche immer, seriös und vorsichtig zu sein. Trotzdem sehe ich mich eigentlich mit Sebastian Brendel und meinem Partner Max Rendschmidt als erfolgreichsten Sportler in Deutschland in diesem Jahr. Es haben nur drei Athleten zwei Goldmedaillen gewonnen in Rio. Alle drei sind Kanuten. In Berlin gibt es nur wenige, die zweimal Gold gewinnen konnten.

Was bedeutet Ihnen dieser Sieg bei der Sportlerwahl jetzt?

Das ist eine tolle Sache, denn in Berlin haben wir großartige Athleten in den Sommer- und Wintersportarten. Die Berlin-Wahl gerade bei den Männern ist schon die qualitativ hochwertigste, die man in Deutschland findet.

Was hat sich seit Rio verändert für Sie?

Ich habe gefühlt viel weniger Zeit. Das liegt großenteils an der Ausbildung bei der Bundespolizei und daran, dass ich jetzt wieder mit dem Training angefangen habe. Hin und wieder kommen öffentlichkeitswirksame Termine dazu. Das fühlt sich gut an, ich würde es auch gern viel mehr machen und mich mehr für den Kanu-Rennsport einsetzen. Dort kann ich werben und die Leute überzeugen, dass es eine tolle Sportart ist. Doch ich habe einfach keine Zeit, das ist das Problem. Meine Frau beschwert sich zu Recht, dass ich das Training ausfallen lassen muss für solche Veranstaltungen. Doch wenn wir als Familie etwas machen wollen, geht das kaum, weil ich trainieren muss und für die Familie nicht frei bekomme.

Aber man muss die Chance nutzen, die sich nach Ihren Erfolgen ergeben, oder?

Genau, und die bekommt man nur jetzt. Letztens habe ich zu meinem Chef gesagt, dass ich eigentlich das Jahr, das ich vor Olympia ausgesetzt habe, jetzt auch bräuchte. Damit ich das alles wirklich nutzen und mir Kontakte schaffen kann. Ich bin jetzt auf dem Zenit meiner leistungssportlichen Karriere. Wenn ich wieder Zeit habe, in zwei oder drei Jahren, werden die Erfolge niemanden mehr interessieren.

Hat sich das Olympiagold schon bezahlt gemacht in Form von Sponsoren?

Gerade das ist in Berlin eine ganz traurige Geschichte. Ich bin wohl der einzige Olympiasieger, der ohne große Sponsoren durch die Gegend rennt. Dabei geht es ja nicht um viel. Vielleicht mal eine Rechnung für das Trainingslager abdecken, einen Flug bezahlen, vielleicht Spritkosten oder ein Auto. Bei vielen anderen Sportlern ist das alles kein Problem Aber Kanu ist eben nicht öffentlichkeitswirksam.

Wie erleben Sie eigentlich die aktuelle Diskussion zur Spitzensportreform?

Vielleicht ist es für den Sport gut, die Strukturen neu zu organisieren. Für mich persönlich hört es sich nicht gut an. Eines ist klar: Viel mehr Geld wird es für den Kanurennsport nicht geben. Ich habe ein bisschen Angst, dass die Reform dazu benutzt wird, langfristig Kosten zu sparen.

Ein großes Reform-Thema ist die Konzentration von Trainingsorten. Was halten Sie davon?

Das sehe ich kritisch. Natürlich sollen die besten Sportler zusammen trainieren, der Druck zur Leistung, der dabei entsteht, ist wichtig. Aber im Kanurennsport machen wir das schon. Wir wohnen zwar alle über Deutschland verteilt, mit unseren vielen Trainingslagern ist aber alles gut abgestimmt. Danach kommst du nach Hause, hast deine Ruhe und kannst vom Kopf her entspannen. Wenn mir jetzt jemand sagen würde, ich sollte nach Essen gehen und dort leben, wäre das für mich wahrscheinlich der Schlusspunkt für den Sport. Oder es muss dafür richtig gutes Geld geben, von dem ich mit meiner Familie umziehen könnte, mir ein Grundstück leisten, dort ein Haus bauen. Auch die Trainingsbedingungen müssten besser sein als in den Trainingslagern. Im Moment würde ich aber eher sagen: Ihr spinnt doch!

Wenn Athleten sich nicht wohl fühlen, kann eine Reform kaum greifen. Oder?

Was keine Reform erfassen kann, ist das, was im Kopf des Sportlers passiert. Über die Jahre habe ich eines gelernt, der Kopf ist das Wichtigste. Es gibt viele, die genauso gut paddeln können wie ich, wenige, die es sogar besser können im Training. Aber ich bin derjenige, der es schafft, im Wettkampf noch mal ein paar Prozent draufzulegen. Dabei ist der Kopf das Entscheidende. Das ist die größte Stellschraube, an der man arbeiten kann. Da kommt auch der beste Kraftraum nicht heran.

Wie war denn Ihre Rückkehr in den Kraftraum, in den Trainingsalltag?

Die fällt mir jeden Tag schwer. Ich trainiere jetzt schon wieder seit sechs, sieben Wochen. Die jungen Athleten, die ganz normal ihre drei bis vier Einheiten am Tag schaffen, die sind gerade teilweise wesentlich besser als ich.

Wie lang war denn der Urlaub?

Gut zwei Monate bin ich nicht gepaddelt. Im Urlaub waren wir trotzdem nicht, weil ich bei der Bundespolizei gerade Ausbildung habe. Unser Trainer Stefan Ulm hat in Rio noch mit unserem Ausbildungsleiter beim Anstoßen ausgehandelt, dass ich die erste Ausbildungswoche frei bekomme. In diese Zeit fiel ein Empfang beim Regierenden, dadurch wurde der Sonderurlaub noch einen Tag kürzer. Das war’s dann.

Viele sehen alle vier Jahre nur das Gold im Fernsehen. Was Sie jetzt dafür tun müssen, sieht niemand. Vielleicht können Sie mal einen kleinen Einblick geben.

Diese Woche bin ich in den ersten Tagen um vier Uhr morgens aufgestanden. Um fünf beginnt die Frühschicht am Ostbahnhof. Da mache ich acht bis zehn Stunden Dienst, je nachdem, was gerade kommt. Danach folgt das Training. ZweBriitaieinhalb Einheiten auf dem Wasser, davor Erwärmung, danach Kraft. Da bin ich nicht vor 18.30 Uhr zu Hause. Dort ist die Familie, ich esse noch Abendbrot mit meinem Sohn Fritz und meiner Frau, dann geht es auch schon bald ins Bett. Die nächsten Nächte hatte ich Nachtschicht. Da gehe ich 20 Uhr zum Dienst und mache bis morgens um sechs. Dann ab ins Bett, und wenn ich ausgeschlafen habe – ausgeschlafen ist gut (lacht) – esse ich gegen 12 oder 13 Uhr Mittag und gehe zum Training.

Erholsam hört sich das nicht an. Hatten Sie wenigstens Zeit, Ihren Sieg bei der Sportlerwahl zu feiern?

Ich freue mich riesig, weil es für mich die zweitgrößte Auszeichnung nach Deutschlands Sportler des Jahres ist. Man tritt gegen herausragende Athleten an, gegen Christoph Harting, Patrick Hausding, Karl Schulze. Aber zum Glück hatte ich in Rio meine zwei Tage meines Lebens. Feiern ist allerdings gar nicht mein Ding, auch jetzt nicht, ich bin nicht der Typ, der bis nachts um vier auf der Tanzfläche steht. Den Sieg in Rio habe ich noch kein einziges Mal richtig begossen. Ich bin ganz normal in Dienstuniform zur Gala angetreten, und nach der Ehrung im Estrel gehe ich noch zur Nachtschicht.

Das ist nicht Ihr Ernst?

Doch. Mit meinem Gruppenleiter habe ich das Abkommen, dass ich möglichst viel lernen möchte. Wenn es richtig gut läuft, mache ich noch acht Jahre Sport. Arbeiten muss ich noch viel länger, deshalb ist es wichtig, in der Ausbildung viel mitzunehmen und nicht mit vielen Minusstunden durchzurutschen. Ein Glas Sekt kann ich noch genießen und auch ein paar Gespräche führen. Dann geht es in die Nachtschicht.

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