Hertha BSC

Vedad Ibisevic - „Ich weiß zu schätzen, was ich habe“

Vedad Ibisevic spricht im Interview über seine Zukunft in Berlin, die neue Rolle als Herthas Kapitän und das Wiedersehen mit Hoffenheim.

Fühlt sich sichtlich wohl bei Hertha: Vedad Ibisevic hat in 42 Pflichtspielen 20 Tore für die Berliner erzielt

Fühlt sich sichtlich wohl bei Hertha: Vedad Ibisevic hat in 42 Pflichtspielen 20 Tore für die Berliner erzielt

Foto: Jakob Hoff

Berlin.  Beförderung zum Kapitän, Geburt des zweiten Kindes, Platz drei mit Hertha – es läuft bei Vedad Ibisevic (32). Am Sonntag (15.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) kehrt der derzeit beste Scorer der Bundesliga nach Hoffenheim zurück. Dorthin, wo ihm einst der große Durchbruch gelang. Ein Gespräch über die Kunst des Toreschießens, Alterserscheinungen und Grätschen gegen Kollegen.

Wir haben ein Zitat mitgebracht, Herr Ibisevic: Vedad schießt Tore mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit. Können Sie es zuordnen?

Vedad Ibisevic: Puh, wer das gesagt hat, weiß ich nicht, aber es ist sicher nicht lange her.

Es stammt von Ihrem früheren Trainer Ralf Rangnick. Von 2008.

Okay. Damals hatte ich einen super Lauf in Hoffenheim.

Sie haben die TSG in jener Saison mit 18 Toren zur Herbstmeisterschaft geschossen.

Das war Wahnsinn. Ein kleines Dorf steigt auf und steht plötzlich an der Spitze der Bundesliga. Aber: Es ging alles zu schnell. Wir waren jung und für den ganzen Hype nicht bereit. Das hat uns am Ende den Erfolg gekostet.

Damals standen Sie nach acht Spieltagen bei neun Toren, aktuell „nur“ bei sechs. Lassen Sie nach?

Anscheinend (lacht)! Aber dafür bewege ich mich ein bisschen schlauer, bin ruhiger vor dem Tor. Und hin und wieder treffe ich ja noch.

Inzwischen fehlen Ihnen nur noch zwei Treffer bis zum 100. Bundesligator.

Unglaublich, oder? Die Bundesliga ist eine der stärksten der Ligen der Welt. Dort 100 Tore zu machen, ist wirklich nicht einfach. Das ist eine große Zahl – und für mich eine große Bestätigung.

Erinnern Sie sich noch an Ihr Premierentor in der Liga?

Ich kann mich an jedes Tor erinnern. Das war für Aachen gegen Stuttgart – Annahme mit der Brust, Volley mit rechts, Timo Hildebrand im Tor. Vor Freude wäre ich am liebsten durch das ganze Stadion gerannt, aber leider war es nur das 2:4. Trotzdem: ein tolles Gefühl. Ab da wusste ich: Ich will mehr.

Lassen Sie uns über die Kunst des Toreschießens reden. Was ist Ihr Geheimnis?

Es gibt keine Tricks, zumindest keine, die ich verraten möchte (lacht). Es ist doch so: Jeder Stürmer hat unterschiedliche Qualitäten, aber am Ende zählt nur die Zahl seiner Tore.

Beschäftigen Sie sich mit Gegenspielern?

Grundsätzlich: wenig. Über die Jahre lernt man aber viele kennen. Das hilft.

Kann man Toreschießen lernen?

Es gibt Wege, die man als Stürmer einfach machen muss. Die Frage ist aber, wann der richtige Moment dafür ist. Das hat viel mit Gefühl zu tun.

Hoffenheims Sandro Wagner scheint dieses Gefühl zu haben. Ein guter Stürmer?

Ohne Frage. Er ist körperlich stark, immer anspielbar. Und er trifft.

In seinen drei Jahren bei Hertha hat er kaum eine Rolle gespielt. Jetzt zählt er zu den besten Torjägern der Liga.

Es gibt immer unterschiedliche Phasen. Die Qualität sieht man in der Beständigkeit. Ein oder zwei Jahre oft zu treffen, ist gut, aber wie gut du wirklich bist, zeigt sich erst mit der Konstanz.

Wie erreicht man die?

Alles beginnt im Kopf. Die Einstellung muss positiv sein, und du darfst dich nicht von Unwichtigem ablenken lassen. Dazu brauchst du das Vertrauen vom Trainer – und natürlich die Mannschaft. Messi und Neymar können drei Gegenspieler ausdribbeln. Ich kann das nicht. Ich brauche das Team.

Im Moment arbeitet bei Hertha jeder für den anderen. Was hat die Mannschaft so stark zusammengeschweißt?

Das passiert jedes Wochenende. Mit jedem Erfolg spürst du, dass es sich lohnt, füreinander zu kämpfen. Vielleicht am meisten beim Last-Minute-Sieg gegen Freiburg am 1. Spieltag. Spätes Gegentor, und dann kommen wir noch einmal zurück. Das war stark.

Wenige Tage zuvor haben Sie Fabian Lustenberger als Kapitän abgelöst. Hat die Mannschaft so ein Signal gebraucht?

Ja, vielleicht. Aber im Nachhinein darüber zu urteilen, ist einfach. Wir wollten es als Mannschaft auf jeden Fall besser machen. Das Aus in der Europa League hat uns gezeigt: So können wir nicht in die Saison gehen.

Hat Sie die Kapitänsbinde verändert?

Ich habe schon vorher versucht, mit gutem Beispiel voranzugehen. Wenn mir etwas auffällt, spreche ich es an. Jetzt vielleicht etwas häufiger.

Mit 32 sind Sie der Senior im Kader. Fühlen Sie sich manchmal alt?

Ich muss aufpassen (lacht). Ab und zu erkundige ich mich bei ein paar jungen Leuten, was in Sachen Mode und Musik cool ist. Auf dem Platz ist das anders, da fühle ich mich hin und wieder wie der Jüngste. Im Training frage ich mich manchmal: Muss das eigentlich sein, dass du noch immer die Kollegen umgrätschst? Aber ich kann nicht anders. Ich kann einfach nicht verlieren.

Was können Sie den Jüngeren mitgeben?

Das ist nicht einfach. Heute wollen die Jungs lieber aus eigenen Erfahrungen lernen, statt sich etwas sagen zu lassen.

War das bei Ihnen anders?

Ich habe mich früher immer zu den älteren Spielern gesetzt. Die waren ja schon dort, wo ich hinwollte. Ich wollte von ihren Erfahrungen profitieren.

Was war die wichtigste Lektion?

Dass du niemals den Glauben an dich verlieren darfst.

Klingt abgedroschen.

Ist es aber nicht. Nach einem Doppelpack habe ich schon oft 50 Gratulations-SMS bekommen, aber wenn ich auf der Bank saß, haben dieselben Leute über mich gelästert. Dann bist du allein. Wenn du nicht selbst an dich glaubst, tut es keiner.

Pal Dardai scheint sehr an Sie zu glauben, will Sie unbedingt in Berlin halten. Wann verlängern Sie Ihren Vertrag?

Wir haben uns keinen Zeitrahmen gesetzt, aber wir alle wollen das so schnell wie möglich entscheiden.

Gibt es Alternativen? Reizt Sie England?

Es gibt schon Dinge, die mich noch reizen. Aber das Paket muss stimmen.

Bei Hertha erfahren sie enorme Wertschätzung. Vom Trainer, vom Manager, von den Fans ...

... und das weiß ich sehr zu schätzen, denn ich weiß auch, wie es ist, wenn man diese Unterstützung nicht bekommt. Ich hoffe, dass wir eine gute Lösung für alle finden.

„Ibisevic bleibt in Berlin“ – vielleicht ein Weihnachtsgeschenk für alle Herthaner?

Ja, vielleicht (lächelt).

Sie sind 32. Wie lange können Sie noch auf höchstem Niveau mithalten?

Ich möchte so lange wie möglich spielen, aber der Körper muss mitmachen. So wie Claudio Pizarro noch mit 37 in der Liga zu sein – das wäre ein Traum.

Herr Ibisevic, was möchten Sie in Ihrer Karriere noch erreichen?

Jeder Ex-Profi sagt mir: Die Zeit als Fußballer ist die schönste deines Lebens. Deshalb möchte ich die nächsten Jahre einfach genießen. Vom Rest lass’ ich mich überraschen.

Bleibt Hertha in dieser Saison stabil?

Das wird die große Herausforderung. Wir haben alles in unserer Hand. Wir sollten immer im Kopf behalten, was uns stark macht.

Und was macht Hoffenheim so stark?

Dass sie in der Liga noch nicht verloren haben, sagt alles. Es wurden gute neue Spieler geholt, das Team funktioniert. Und sie haben einen Lauf.

Machen Sie am Sonntag trotzdem die 100 Tore voll?

Ich hätte nichts dagegen.