Tennis

Ein kleiner Ort in Polen entscheidet Kerbers Karriere

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Angelique Kerber jubelt mit ihrer Mutter Beata in der Spielerloge

Angelique Kerber jubelt mit ihrer Mutter Beata in der Spielerloge

Foto: imago sportfotodienst / imago/Hasenkopf

Vor fünf Jahren hätte die Kielerin beinahe schon aufgegeben. Der Grund für die Wende liegt im Haus von Oma Maria.

New York.  Der Kreis schloss sich an einem schwülen Spätsommerabend in New York. Passenderweise auf der größten aller Tennisbühnen. Unter den Blicken von Hollywoodstars wie Hillary Swank oder Jessica Alba – und dem gleißenden Flutlicht im Stadtteil Queens.

Als Angelique Kerber die US-Open-Trophäe in den Himmel stemmte, knallten auch im polnischen Puszczykowo bei Oma Maria und Opa Janusz die Sektkorken. Dort, in der Nähe von Posen, wo auch die in Bremen geborene Kerber mittlerweise die meiste Zeit lebt.

Die rüstige Großmutter wird sich in diesem berührenden Moment sicher an einen Tag im Sommer 2011 erinnert haben, als ihre Angie verzweifelt bei ihr in der Küche saß und nach acht Jahren auf der Profitour mit dem Tennis aufhören wollte. Elf Auftaktniederlagen in der ersten Saisonhälfte 2011 hatten die damals auf Platz 100 stehende Kerber die Sinnfrage stellen lassen. „Es gab damals zwei Möglichkeiten“, erinnert sie sich: „Alles hinzuschmeißen und vielleicht eine Ausbildung als Physiotherapeutin zu beginnen – oder neu anzufangen und noch einmal alles zu versuchen.“

„Wir haben 25 Minuten mit nur einem Ball gespielt“

Und Dickkopf Kerber entschied sich nach Zureden von Mutter Beata und Oma Maria für einen letzten Versuch, ihren Kindheitstraum doch noch wahr werden zu lassen. „Schon als 15-Jährige hat Angie im Leistungstraining auf einem Bogen ausgefüllt, dass es ihr Ziel ist, die Nummer eins zu werden – es war ganz klar definiert, ohne Wenn und Aber“, berichtete Bundestrainerin Barbara Rittner. Schon als Kind war Kerber der heutigen Fed-Cup-Teamchefin aufgefallen: „Wir haben 25 Minuten mit nur einem Ball gespielt. Da hat sich schon die Solide gezeigt, die keinen Fehler macht und sich darüber freut.“

Doch der Durchbruch von Kerber, die nach der mittleren Reife von der Schule ging, ließ auf sich warten. Auch, weil sie trotz allen Talents körperlich nicht fit war. Dabei waren die Voraussetzungen ideal: Als Dreijährige zog sie mit ihrer Familie von Bremen nach Kiel – und wohnte fortan über einer Tennishalle, in der Vater Slawomir Training gab. Dennoch stand sie sich lange oft selbst im Weg, wie sie auch ohne Umschweife zugibt. Sie haderte, zauderte und machte ihrem Ruf als „Trotzkopf“ alle Ehre: „Ich war irgendwie zerrissen.“

Die Pokale sind im Haus von Oma Maria

Der märchenhafte Wandel zum Guten hat auch mit Kerbers guter Freundin Andrea Petkovic zu tun. Die lotste ihre Fed-Cup-Kollegin damals in die „Schüttler Waske Tennis-University“ nach Offenbach. „Und auf der Rosenhöhe habe ich geschuftet wie noch nie zuvor im Leben“, sagt Kerber. Der Lohn folgte bald. Beim folgenden WTA-Turnier in Dallas/USA trotzte sie den Temperaturen von 40 Grad und scheiterte als Qualifikantin erst im Halbfinale.

Nur zwei Wochen später begann mit den US Open 2011 und dem sensationellen Durchmarsch ins Halbfinale als Nummer 92 der Welt die fantastische Reise, die nun den Höhepunkt erreichte. „Es sollte wohl so sein, dass ich mit 28 Jahren mein bestes Tennis spiele und nicht schon mit 18“, meinte die zweimalige Grand-Slam-Siegerin.

Abheben wird „Angie“ deswegen aber nicht. Auch Mutter Beata ist eine beeindruckend bodenständige Frau ohne jegliche Allüren, die das Herz an der rechten Stelle trägt. Und wenn alle Stricke reißen, ist da ja immer noch das Haus von Oma Maria. Der ultimative Rückzugsort. Dort steht übrigens der Pokal von Melbourne – und der von New York wohl bald auch.