Der Tour-Barbier kennt Simon Geschke gut. Alle vier Tage etwa kommt der Berliner, der den längsten Bart aller Tourfahrer hat, hierher zum Kürzen und Richten. Geschke fällt aber nicht nur wegen des Bartes auf. Im Vorjahr gewann der Profi vom deutschen Team Giant Alpecin eine Bergetappe. Und auch die Etappe am heutigen Sonntag ist ihm vom Profil her wie auf den Leib geschrieben.
Wie ist Ihre Tour de France bisher gelaufen, Herr Geschke?
Simon Geschke: Aus Teamsicht sehr gut mit den zwei Etappensiegen für Tom Dumoulin. Das hat auch Druck von allen genommen. Für mich persönlich hingegen war es nicht so besonders. Aber es kommen ja noch einige Etappen.
Im Vorjahr haben Sie eine Bergetappe gewonnen. Geht man da etwas gelassener in die Frankreich-Rundfahrt?
Nein, gar nicht. Die Tour 2015 ist ja auch schon wieder ein ganzes Jahr her. Jetzt geht alles wieder von vorn los.
„Hauptaufgabe ist es, Warren Barguil in der Gesamtwertung zu unterstützen“
Was sind Ihre Ziele dieses Jahr?
Ähnlich wie im letzten Jahr. Ich will es in Fluchtgruppen versuchen. Aber die Hauptaufgabe ist es, Warren Barguil in der Gesamtwertung zu unterstützen, vor allem in den Bergetappen. Er ist zwar keiner, der in diesem Jahr um den Sieg mitfahren kann, aber um einen Platz in den Top 10 schon. Daneben will ich auch schauen, dass sich für mich Möglichkeiten ergeben. Ich denke, das wird schon passieren, wenn wieder einmal 20 Mann gehen. Da müssen wir dann auch einen dabei haben. Das ist mein persönliches Ziel.
In der ersten Tourwoche waren Stürze ein Dauerthema. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr waren es doch aber weniger, oder?
Ja, das stimmt. Die ganz fiesen Massenstürze gab es nicht. Es bleibt hoffentlich weiter so. Aber man muss weiterhin höllisch aufpassen.

Haben die Kollegen aus den Fehlern gelernt und passen jetzt besser auf?
Ich denke, das kann man nicht so steuern. Nervös ist es trotzdem. Ich würde nicht sagen, dass vorsichtiger gefahren wird. Es ist so wie immer.
Wie sehen Sie Ihren Teakollegen John Degenkolb? Wie weit ist er wieder genesen nach dem Trainingsunfall im Frühjahr?
John ist wieder auf einem guten Level. Er ist nicht ganz in Top-Form, aber die Tour dauert ja noch ein paar Tage. Es wäre schön, wenn er dann auch wieder um eine Etappe mitsprinten kann.
Wirkt es sich auf den Zusammenhalt im Team aus, dass er nächstes Jahr dann woanders fährt?
Das hat keine Auswirkungen. Wir sind jetzt beisammen, nächstes Jahr nicht mehr, aber so ist das im Radsport. Die Stimmung ist deshalb nicht schlechter.
„Das Attentat von Nizza war der Tiefpunkt dieser Tour“
Sind Sie persönlich etwas traurig wegen des Weggangs?
Er wird seine Gründe gehabt haben. Ich hatte meine, für weitere zwei Jahre beim Team zu unterschreiben. Und wir werden uns ja auch weiter sehen. Nicht mehr so häufig, aber bei den Rennen trifft man sich und kann Kontakt halten.
Wie beeinflusst Sie als Tourfahrer das Attentat von Nizza? Die Tour war ja gar nicht so weit weg zu dem Zeitpunkt.
Das ist eine schreckliche Nachricht, der Tiefpunkt dieser Tour. Das alles geht uns sehr nahe, vor allem, weil wir ja selbst bei einem Massenereignis in Frankreich unterwegs sind. Da macht man sich Gedanken. Und die Etappe am Morgen danach fiel schon schwer.
Wäre es besser gewesen, sie aus Respekt vor den Terroropfern abzusagen?
Ich denke, das ist Sache des Veranstalters. Solange der sagt, wir fahren, dann werden auch alle Profis an den Start gehen. Aber klar, ich hätte es genauso verstanden, wenn es geheißen hätte, heute ist ein Tag Pause, weil etwas Schlimmes passiert ist in Nizza.

Die Jury-Entscheidung am Mont Ventoux zugunsten Chris Froomes, der nach Sturz im Zuschauergedränge Zeit verlor und aufgrund der Neutralisation Gelb behalten durfte, war das eine richtige Entscheidung?
Da gibt es nichts Falsches und nichts Richtiges. Richtig wäre gewesen, Gitter auf den letzten drei Kilometern aufzustellen, um die Zuschauer im Zaum zu halten, die – nicht alle, aber doch einige – nicht genügend Respekt vor dem Rennen haben und nicht ausreichend Platz machen. So etwas hätte gar nicht passieren dürfen, erst recht nicht am Mont Ventoux. Dann war die Situation aber so, die ASO (Tour-Organisator, d.Red.) hatte ein Problem, für das man keine faire Lösung finden kann. Deshalb ist jetzt diese Lösung da. Und die ist für jemanden wie Chris Froome zum Vorteil, für jemanden wie Bauke Mollema aber sicher ein Nachteil (der Niederländer war mit Froome gestürzt, aber schneller wieder auf dem Rad zbd hätte ohne Jury-Entscheid jetzt nur sieben Sekunden Rückstand auf Froome anstelle 1:47 Minuten, d.Red.). Es ist vor allem schade um die Etappe am Ventoux. Die ist jetzt verzerrt worden.
Am Sturz beteiligt war auch ein Begleitmotorrad, wenngleich den Fahrer diesmal kaum Schuld trifft, allenfalls, dass er zu nahe an der Gruppe war. Wie ist die Situation mit den Begleitfahrzeugen generell bei dieser Tour? Hat sich da angesichts der Vorfälle in den letzten Jahren etwas getan?
Generell muss man sagen, dass die Fahrer von den Begleitfahrzeugen bei der Tour recht gut ausgebildet sind. Aber manchmal wird es ganz schön eng. Und wegen all der Vorfälle in den letzten zwei, drei Jahren sind manche Profis da auch sensibler. Man erschrickt schneller im Peloton (Fahrerfeld, d.Red.).
„Es fehlte einfach die Beständigkeit in den Pyrenäen“
Die Etappe am Sonntag dürfte Ihnen vom Profil her sicher liegen. Können wir da wieder einen Bart auf der Flucht erwarten?
Ja, die Etappe ist interessant. Die nach dem Ruhetag aber auch. Und es kommen noch einige andere. Das ist bei mir von der Tagesform abhängig. Die letzte Woche war es immer so: Mal einen Tag gut, mal einen Tag gar nicht gut. Es fehlte einfach die Beständigkeit in den Pyrenäen. Ich hoffe, dass das anders wird.
Was sind Ihre Ziele für die nächsten zwei, drei Jahre?
Mit 30 entwickelt man sich ja nicht mehr so groß. Ich habe einen guten Stand im Team und große Freiheiten, die ich woanders wohl nicht so hätte. Auch deshalb habe ich für zwei weitere Jahre unterschrieben.
So schlimm ist es dann also auch wieder nicht, bei der Tour zu sein?
Nein, gar nicht (lacht). Ich genieße es auch.


