EM-Analyse

Bei unserem Nationalteam ist Zeit für den Generationswechsel

Der Weltmeister zeigte in Frankreich viel Licht, aber auch Schatten. Die Analyse zeigt, wie Löws Mannschaft zur WM 2018 aussehen wird.

Bastian Schweinsteiger (l.) verlässt das Feld, für den Kapitän kommt Leroy Sane. Ein Wechsel mit Symbolkraft

Bastian Schweinsteiger (l.) verlässt das Feld, für den Kapitän kommt Leroy Sane. Ein Wechsel mit Symbolkraft

Foto: TimGroothuis / WITTERS

Marseille.  Bei dieser Europameisterschaft konnte Bundestrainer Joachim Löw ­bereits Erkenntnisse gewinnen, auf wen er 2018 bei der WM in Russland setzen kann – und wer bis dahin noch ­Argumente sammeln muss.

Manuel Neuer: Wird in Russland 32 Jahre alt sein und damit laut Mats Hummels noch 23 weitere Jahre der beste Torwart der Welt bleiben. Der Münchner spielte eine starke EM, was nur deshalb nicht hinlänglich gewürdigt wurde, weil man von ihm nichts anderes mehr erwartet. Neuer ist der Immer-Überzeuger. – Prognose für 2018: Wird das deutsche Team als Kapitän durchs Turnier führen, wie er das schon in großen Teilen der EM tat. Verletzt er sich nicht, dürften seine Statthalter Bernd Leno und Marc André ter Stegen wieder nur Trainingspartner sein.

Joshua Kimmich: Kam, sah, und spielte den jungen Philipp Lahm. Erkennt der kluge 21-Jährige mit dem schlummernden Führungsspieler-Gen, dass seine wahre Chance nicht im Mittelfeld, sondern rechts in der Abwehrkette liegt, winkt ihm eine vielversprechende Perspektive in der Nationalelf. Muss dafür allerdings auch noch etwas nachreifen. – Prognose für 2018: ­Anführer einer neuen Generation.

Jerome Boateng: War die neue ­Wade der Nation und trotzdem der beste deutsche Spieler der EM. Reifte zum Anführer der aktuellen Generation. – WM-Prognose 2018: Vizekapitän, Weltklasse-Innenverteidiger, als Kabinen-DJ aber in Rente.

Mats Hummels: Nicht so auffällig wie Boateng, aber ebenso unersetzlich. Wird dafür sorgen, dass es zukünftig wieder einen Bayern-Block in der Nationalelf gibt. – WM-Prognose 2018: Bildet mit seinen Bayern-Kollegen Neuer, ­Boateng und Kimmich erneut die beste Abwehr der Welt.

Jonas Hector: Rasanter Aufstieg, gutes Turnier mit bestandener Reifeprüfung beim Elfmeterschießen gegen Italien. Der Linksverteidiger muss sich jedoch dringend überlegen, ob nicht ein Wechsel zu einem größeren Klub als dem 1. FC Köln seiner Entwicklung zuträglich wäre. – WM-Prognose 2018: Gelingt auch der nächste Entwicklungsschritt des 26-Jährigen, kann er wieder ein verlässlicher Adjutant sein.

Sami Khedira: Ideeller und materieller Wert klafften beim 29-Jährigen auseinander. Als Anführer und Ratgeber für Löw wichtig, als Löcherstopfer im Mittelfeld aber zunehmend ersetzbar. Sein größter Gegenspieler bleibt sein eigener Körper. – WM-Prognose 2018: Könnte ein neuer Fall Schweinsteiger werden. Die WM 2018 wird sein letztes Turnier.

Bastian Schweinsteiger: Der Kapitän kämpfte sich noch ein letztes Mal zurück nach zwei Knieverletzungen. Stabilisierte gegen Italien, wurde zur tragischen Figur gegen Frankreich, als er einen Elfmeter verursachte. Einer der komplettesten deutschen Spieler aller Zeiten, aber leider über seinem Zenit. – WM-Prognose 2018: Schaut sich das ­Turnier am heimischen Grill an.

Toni Kroos: Passmaschine, Tempomat und coole Socke im Team. Wird in seiner Karriere vermutlich nie wieder ein richtig schlechtes Spiel machen. Der 26-Jährige muss seine Form bis Russland konservieren, wie es ihm nach der WM 2014 gelang. – WM-Prognose 2018: Der Dirigent der deutschen Aufführung.

Thomas Müller: Hat den inneren Kompass verloren und dadurch den Weg zum Tor nicht mehr gefunden. War die Symbolfigur der deutschen Diskrepanz zwischen Können und Ergebnis. Der Münchner Humorist, der bei zwei WM-Turnieren zusammen zehn Tore erzielte, aber bei zwei EM-Turnieren kein einziges, wird den Kompass ­wiederfinden. – WM-Prognose 2018: ­Endlich wieder WM.

Mesut Özil: Spielte ein deutlich besseres Turnier als 2014, mit dem deutlich schlechteren Ausgang. Der 27-Jährige ist der Feinfüßigste im Team, aber auch der Launischste. War gegen Frankreich der beste Mann, muss das noch öfter sein. – WM-Prognose 2018: Begabter ­Mitläufer oder Leistungsträger, das hängt von seiner Jahresform ab.

Julian Draxler: Der einzige Eins-gegen-Eins-Spieler in Löws Sortiment. Hatte leuchtende Phasen (gegen die Slowakei) und schattige (Ukraine). Muss eigentlich Champions League spielen, was ihm der VfL Wolfsburg derzeit nicht bieten kann. – WM-Prognose 2018: Bringt er konstant seine PS auf den Rasen, hat er wieder Startelf-Chancen. Muss aber Marco Reus fürchten.

Mario Gomez: Ein großer Gewinner der EM. Seine Leistungen und das Fehlen im Halbfinale zeigten, dass der DFB-Auswahl ein echter Mittelstürmer guttun kann. Sein Körper hielt ihn auf. – WM-Prognose 2018: Wird 32 sein. Braucht nun einen Wechsel zu einem Topklub und zwei gute Jahre, um der DFB-Auswahl erneut gut zu tun.

Mario Götze: Der große Verlierer der EM. Stand in der K.o.-Phase nicht mehr in der Startelf. Der 24-Jährige steckt in der tiefsten Krise seiner Karriere. Muss dringend der Spieler werden, der er sein könnte. Will den FC Bayern jetzt doch verlassen. Gut so. – WM-Prognose 2018: Ordnet er seine Karriere neu und findet Nestwärme, kann er wertvoll sein. Wenn nicht, geht’s weiter abwärts.

Benedikt Höwedes: Zeigte im Halbfinale gegen Frankreich die schönste Grätsche des Turniers. Ist eher der Grätschen- denn der Aufbauspiel-Typ in der Abwehr, aber ob seiner Viel­seitigkeit und Führungsqualität weiter unverzichtbar. – WM-Prognose 2018: Für Löw Gold wert.

Lukas Podolski: War nur das Maskottchen. Will nach zwölf Jahren trotzdem weitermachen. Guter Typ für den Teamgeist, für die Teamqualität aber verzichtbar. – WM-Prognose 2018: Wird das Turnier in Köln am Grill verfolgen.

André Schürrle: Stagniert seit 2014. War bei der EM nur in der Rubrik „Transfergerüchte“ auffällig. Ein Wechsel zum alten Ziehvater Thomas Tuchel nach Dortmund könnte aus ihm wieder die Spezialkraft machen, die vor zwei Jahren zum WM-Titel flankte. – WM-Prognose 2018: Bleibt Bankangestellter.

Shkodran Mustafi: Erst Torschütze, dann Zuschauer. Wertvoll, weil er Dreier- und Viererabwehrkette gleichermaßen beherrscht. – WM-Prognose 2018: Erst Zuschauer, dann Torschütze.

Emre Can: Galt mal als Kronprinz Schweinsteigers. Ist aber eher ­Kronprinz von Khedira. Begann gegen Frankreich nervös, war dann der erhoffte Löcherstopfer zwischen den Straf­räumen. – WM-Prognose 2018: Wird ­Ersatzmann bleiben.

Julian Weigl: Hat Kroossche Passqualitäten. Durfte diese bei der EM jedoch nur im Training zeigen. – ­WM-Prognose 2018: Wird diese in Russland dann auch im Spiel zeigen dürfen.

Jonathan Tah: Wurde nachnominiert für den verletzten Antonio Rüdiger – und darf nun ohne EM-Einsatz aber mit neuen Erfahrungen und vier Wochen Verspätung seinen Florida-Urlaub antreten. – WM-Prognose 2018: Löst Rüdiger als erste Alternative ab.

Leroy Sané: Der 20-Jährige war in Frankreich das größte, aber versteckte Versprechen. Geisterte bei der EM nur elf Minuten lang über den Platz, aber trotzdem durch die Träume der europäischen Topklubs. Sein nächster Karriereschritt wird maßgeblich. – WM-Prognose 2018: Beerbt Boateng als Kabinen-DJ und wird zum Shootingstar.