Tennis

Novak Djokovic scheidet sensationell in Wimbledon aus

Der Schützling von Boris Becker verliert in vier Sätzen gegen einen Nobody. Sabine Lisicki ist draußen, Angelique Kerber kommt weiter.

Der Serbe verlässt frustriert den Platz

Der Serbe verlässt frustriert den Platz

Foto: Adam Pretty / Getty Images

London. Der Mann mit dem kantigen Gesicht und dem eher schlichten Spiel ist normaler Weise keine Gefahr für eine Nummer eins der Welt. Sam Querrey, der Haudrauf aus San Francisco, hat in seiner überschaubaren Karriere bisher nie mehr als ein Grand Slam-Achtelfinale erreicht, 36:37 lautet seine bisherige Bilanz bei den kostbaren Major-Turnieren.

Doch am Sonnabendabend katapultierte sich der 28-jährige Amerikaner mit einem Sensationscoup wie aus dem Nichts ins Rampenlicht der Tenniswelt, in Wimbledon, dort wo Siege mehr zählen als anderswo in diesem Sport.

Nichts weniger als der Sturz des Capitano der Branche, des einsam dominierenden Novak Djokovic, gelang dem unscheinbaren Querrey beim 7:6 (8:6), 6:1, 3:6, 7:6 (7:5)-Erfolg auf Court 1. „Er hat mit brutaler Sicherheit gegen mich gepunktet“, sagte Djokovic später, „es ist ganz einfach: Niemand, absolut niemand ist unschlagbar.“

Traum von vier Majors geht zu Ende

Für den Serben ging damit eine der beeindruckendsten Siegesserien im modernen Tennis zu Ende. Seit der Endspiel-Niederlage bei den French Open im letzten Jahr gegen Stan Wawrinka hatte Djokovic kein Spiel mehr bei den Topwettbewerben verloren und sich zuletzt mit dem French Open-Titel die letzte noch fehlende Trophäe in seiner Sammlung gesichert.

Als Djokovic nach Wimbledon kam, war er im Besitz aller vier Grand Slam-Titel. „Du weißt natürlich um die Bedeutung dieses Turniers hier, du kennst die Tradition, du willst es gewinnen“, sagte Djokovic später, „aber nach der Riesenanstrengung in Paris war es nicht ganz leicht, sich wieder für die nächste große Aufgabe zu motivieren.“

Vorerst musste Djokovic mit dem verblüffenden Ausrutscher auch den Traum begraben, in einem Kalenderjahr alle vier Majors zu gewinnen, das, was als echter Grand Slam bezeichnet wird.

31 Asse vom Sieger

Djokovic war mit einem 0:2-Satzdefizit in die regenbedingten Überstunden am Sonnabend gegangen, doch dann schien es, als könne er, wie im letzten Jahr gegen den Südafrikaner Kevin Anderson im Achtelfinale, die große Wende schaffen. Schnell gewann er die ersten vier Spiele des dritten Durchgangs, nach einer weiteren Regenpause verkürzte er zum 1:2.

Doch die hundertprozentige Stabilität, das nötige Selbstvertrauen ins eigene Spiel fehlten gleichwohl: Bei einer 5:4-Führung im vierten Satz mit eigenem Aufschlag hatte der Weltranglisten-Erste den 2:2-Ausgleich auf dem Schläger, musste aber ein teures Break hinnehmen.

Wenig später, im Tiebreak, war dann alles vorbei für ihn, den haushohen Favoriten. Und alles gewonnen am größten Tag der Karriere für Querrey, den Mann, der 31 Asse bei der größten Wimbledon-Überraschung 2016 schlug. „Das ist ein Gefühl totaler Euphorie jetzt“, sagte Querrey später, „ein Sieg gegen den vielleicht Besten aller Zeiten, das ist unfaßbar.“

Enttäuschung für Sabine Lisicki

Zwei Regenpausen musste auch Australian Open-Königin Angelique Kerber am Sonnabend noch einmal überstehen, bevor ihr 7:6 (13:11), 6:1-Sieg im deutschen Drittrundenduell mit Carina Witthöft feststand. Im Achtelfinale spielt die Weltranglisten-Vierte am Montag gegen die Japanerin Misaki Doi, die mit dem 7:6 (7:1), 6:3-Erfolg gegen die Rheinländerin Anna-Lena Friedsam ein weiteres deutsches Duell verhinderte.

Gegen Doi hatte Kerber beim Siegeslauf in Melbourne in der ersten Runde einen Matchball abgewehrt. „Es wird eine schwere Angelegenheit auch hier. Aber ich bin wieder in einem guten Rhythmus, so wie in Australien“, sagte Kerber.

Dagegen gab es für Sabine Lisicki eine Enttäuschung. Sie verlor gegen die Kasachin Jaroslawa Schwedowa nach mehreren Regenunterbrechungen 6:7, 1:6. "Mir hat heute die Lockerheit gefehlt", sagte Lisicki: "Das ist schade, und natürlich bin ich enttäuscht, aber ich habe bei diesem Turnier gezeigt, dass ich noch Tennis spielen kann. Wir haben definitiv ein paar Schritte nach vorne gemacht."

Gegen Schwedowa hatte Lisicki zuvor zweimal in Wimbledon gewonnen - vor zwei Jahren im Achtelfinale und bei den Olympischen Spielen 2012. Auch im vergangenen Jahr hatte Lisicki nach gutem Beginn im All England Club in der dritten Runde verloren.

In einem über zwei Tage gehenden Marathon mit fünf Zwangspausen erspielte sich Alexander Zverev beim 6:4, 3:6, 6:0, 4:6 und 6:2 gegen den Russen Michail Juschni endlich das Drittrunden-Ticket. Zverev, erstaunlich gelassen in den Terminturbulenzen, wird nun in den Genuß eines besonderen Wimbledon-Moments kommen, nämlich eines Arbeits-Einsatzes am sogenannten „Middle Sunday“ gegen den Weltranglisten-Neunten Tomas Berdych.