Tennis

Michael Stich: „Ich wusste, dass ich gewinnen werde“

25 Jahre nach dem Wimbledon-Sieg spricht Michael Stich über den größten Erfolg seiner Karriere – und sein Verhältnis zu Boris Becker.

Da isser, der Pott: Den Siegerpokal hat Michael Stich noch genauso zuhause wie ein Programmheft

Da isser, der Pott: Den Siegerpokal hat Michael Stich noch genauso zuhause wie ein Programmheft

Foto: dpa Picture-Alliance / Rauchensteiner/Augenklick / picture alliance / Augenklick/Ra

London/Hamburg.  Heiß ist es am 7. Juli 1991. Der Rasen in Wimbledon ist trocken wie Heu. Ganz Deutschland fiebert vor den Fernsehern mit und wird Zeuge eines Diebstahls. Ein schlaksiger Kerl namens Michael Stich (22) bringt den großen Boris Becker (23) um den nächsten Titel. Zwei deutsche Tennisspieler im Finale des bedeutendsten Turniers der Welt.

Zeitsprung: Mit 80 Kilogramm hat er sein Gewicht von damals mit 47 Jahren fast gehalten. Heute kümmert sich Michael Stich vornehmlich um seine Stiftung, die sich für HIV-­infizierte Kinder einsetzt. Der 1,93 Meter große Tennis-Star sitzt auf einer Ledercouch in seiner Heimatstadt Hamburg und lehnt sich zurück. 25 Jahre liegt der größte Erfolg seiner Karriere zurück. Stich kramt in Erinnerungen.

Haben Sie Andenken an Ihren Wimbledonsieg aufbewahrt? Schläger, Schuhe, ein Stück des heiligen Rasens. . .

Michael Stich: Wenn ich Rasen mitgenommen hätte, hätte ich mich nie wieder auf der Anlage blicken lassen können (lacht). Ich habe meinen Pokal, und ich habe ein Programmheft vom mittleren Sonntag. Das ist etwas Besonderes. 1991 wurde zum ersten Mal auch an diesem Tag gespielt – weil die Tage davor verregnet waren. Ich habe es mir von Boris signieren lassen.

Hatte es für Sie eine besondere Bedeutung, ausgerechnet gegen Boris Becker zu spielen, in seinem Wohnzimmer?

Mir war es völlig egal, gegen wen ich spiele. Für mich war es das Größte, überhaupt dort zu stehen. Schon vor dem Finale war ich mir sicher, dass ich das Turnier auch gewinnen würde. Man spürt so etwas.

Gab es unmittelbar vor dem Finale Kontakt zu Boris Becker?

Wir haben Hallo gesagt, aber mehr nicht. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Am Anfang des Turniers waren noch gefühlt 200 Leute in der Kabine, viele Spieler und Betreuer. Und an diesem Sonntag waren nur noch wir zwei da und unsere Trainer. Jeder in seiner Ecke.

Ganz Deutschland war aus dem Häuschen. So ein Traum-Endspiel. Mitten in der goldenen Tennis-Ära.

Diese Becker-­Stich-­Geschichte war vor allem ein Mediending. Boris war der Emotionale, ich der kühle Norddeutsche. Zu Rivalen wurden wir aber erst nach Wimbledon gemacht.

„Ich habe nie Homestories mitgemacht“

Dabei haben Sie kurz darauf sogar Seite an Seite gespielt.

Im Jahr nach Wimbledon haben wir zuerst in Monte Carlo im Doppel gewonnen, wenig später dann bei den Olympischen Spielen in Barcelona. Wir wussten ja beide, was der andere kann.

Aber das Bild vom kühlen Norddeutschen ist geblieben.

Auch früher, ohne Facebook oder Twitter, wollten die Leute private Nachrichten bekommen. Ich habe nie Homestorys mitgemacht, deshalb war ich bei einigen Medien nicht gerade beliebt.

Wie präsent ist der Wimbledonsieg heute in Ihren Erinnerungen?

Es ist nicht so, dass ich mich jeden Abend mit einer Flasche Wein zurückziehe und zu mir selbst sage: Mensch, weißt du noch… Der Wimbledonsieg ist zwar ein großer und wichtiger Teil meines Lebens, aber er prägt mein Leben heute nicht. Ich bin grundsätzlich niemand, der in der Vergangenheit lebt.

Haben Sie sich denn nach dem Sensationssieg etwas Besonderes gegönnt, eine Belohnung?

Für mich war der Turniergewinn schon die größte Belohnung überhaupt. Von meinen Eltern bin ich so erzogen worden, dass Geld erst einmal auf das Konto kommt. Das hat sich später ausgezahlt. Als Sportler fand ich es aber toll, nach dem Wimbledonsieg mit einer Privatmaschine zum nächsten Turnier geflogen zu werden.

„Ich war auf diesen feierlichen Termin gar nicht vorbereitet“

Steffi Graf hatte den Titel bei den Damen gewonnen und das deutsche Tennisglück perfekt gemacht. Damals gingen Fotos um die Welt, Sie im feinen Zwirn und daneben Steffi Graf im roten Kleid beim Champions Dinner.

Ich war auf diesen feierlichen Termin gar nicht vorbereitet. Ein Smoking musste für mich noch kurzfristig organisiert werden. Es war ein ganz besonderer Abend. Traditionell kommen dort auch viele ehemalige Turniersieger hin. Unter anderem war Jean Borotra dabei, der in den 20er­-Jahren Titel geholt hatte. Der alte Herr schaute mich an, wenige Stunden, nachdem ich gewonnen hatte, und fragte: Wer ist dieser Mann? Solche Reaktionen relativieren einiges, auch wenn sie den Erfolg nicht schmälern.

Werden Sie in Ihrem Jubiläumsjahr Wimbledon besuchen?

Ich fahre jedes Jahr hin. Dieses Mal schaue ich mir wahrscheinlich zwei Tage an. Alle Turniersieger werden automatisch Mitglied im All England Lawn Tennis & Croquet Club. Mit dem dazu gehörenden Button öffnet sich dort jede Tür.