Berliner Spaziergang

Jens Voigt ist der Mann, der immer fest im Sattel sitzt

Jens Voigt war Radrennprofi und gewann zwei Etappen bei der Tour de France. Nun kommentiert er das wichtigste Radrennen für die ARD.

Vom Radsport kommt Jens Voigt auch zwei Jahre nach dem Karriereende nicht los

Vom Radsport kommt Jens Voigt auch zwei Jahre nach dem Karriereende nicht los

Foto: Ricarda Spiegel

Es ist nicht einfach, Jens Voigt zu erwischen. „Völlig hoffnungslos und grandios schlecht“ sei er im Beantworten von E-Mails, sagt der Ex-Radsportprofi von sich selbst. Dafür aber umso schneller und zuverlässiger bei WhatsApp.

Stimmt. Über den Kurznachrichtendienst ist ein Treffen mit dem Mann, der unter anderem 17 mal an der Tour de France teilnahm und zwei Etappensiege errang, fix vereinbart. Allerdings nicht in einer Form, die den Namen „Kurznachricht“ verdient. Die Botschaften des 44-jährigen Wahlberliners sind wie er selbst: sprudelnd vor Informationen, unterhaltsam – und ungemein sympathisch.

Dank seiner WhatsApp wissen wir also schon vor dem Zusammentreffen am S-Bahnhof Heerstraße, was ihn in Atem hält. „Entspannt? Hahaha. Das gibt’s bei mir nicht“, hatte er schreibend bekannt. Eine Ehefrau, sechs Kinder, zwei Hunde, eine Katze, neun Kaninchen und eine Schwiegermutter habe er im Haus. Dazu müssten gerade zwei Kinderzimmer umgeräumt und gemalert werden. Wer das alles mache? „Genau, icke!“ hatte er die Frage gleich selbst beantwortet, gefolgt von vier Smileys und einem Beweisfoto. Außerdem ist Voigt, der seine sportliche Karriere 2014 beendet hat, immer noch viel unterwegs. Zehn Mal ist er in diesem Jahr schon für verschiedene Auftraggeber um die Welt gejettet, sechs weitere Fernreisen hat er bis Jahresende in seinem Terminkalender. Wenn diese Zeilen erscheinen, steht er in Frankreich vor der Kamera: als Kommentator der an diesem Wochenende gestarteten Tour de France für den amerikanischen Fernsehsender NBC.

Die Fans, sagt er, waren mit ein Grund für seine lange Karriere

Jetzt aber steht Jens Voigt vor dem Café Adik hinter dem S-Bahnhof Heerstraße, in Jeans, Poloshirt und orangefarbenen Sneakers. Auf seinem Gesicht: ein Strahlen. Der Spaziergang, hat er bestimmt, soll uns auf den Teufelsberg führen, hier ist er auch oft mit der Familie unterwegs, mit der er ein paar Straßen entfernt ein Haus mit Garten bewohnt. Doch zuerst holen wir uns einen Kaffee und suchen uns draußen ein schattiges Plätzchen. Im Café Adik ist Voigt gern. „Hier trifft man viele Radfahrer, die ihre erste Pause einlegen und sich freuen, wenn sie mich erkennen.“

Jens Voigt mag Publikum. Die Fans, sagt er, seien mit ein Grund für seine lange Karriere gewesen, sie hätten ihn stets ermutigt und motiviert. Und er hat keine Berührungsängste: Voigt erzählt gern und so offen, dass man ihn fast bremsen möchte, um sein Privatleben zu schützen. Schon nach zehn Minuten weiß man, wo seine Kinder zur Schule gehen, warum er die Band Metallica mag („wilde und zornige Musik“), dass er seine Beine immer noch rasiert („Was wir uns bei Frauen wünschen, müssen wir auch selbst machen“) und dass seine Frau Stephanie beim Kennenlernen sogar seine 80er-Jahre-Vokuhila-Frisur mochte („weil sie im Kino so gut in meinen Haaren wuscheln konnte“).

Die unverblümte Frage, ob ihn seine große Klappe nicht schon mal in Verlegenheit gebracht habe, löst bei ihm nur ein bestätigendes Kopfnicken aus. „Oh ja!“, sagt er und spricht ungebeten das wohl unerfreulichste Thema an, das mit dem Radsport in Verbindung gebracht wird: das Doping. Frisch und offensiv: So, wie die Fahrweise des Radsportlers beschrieben und gerühmt wurde, so ist Jens Voigt auch als Mensch.

„2006, beim Dopingskandal Fuentes, habe ich gesagt, dass alle, die dopen, auf den Scheiterhaufen sollen“, erzählt er. Drei Stunden später habe sich herausgestellt, dass auch sein damaliger Teamkapitän Ivan Basso aus Italien in den Skandal involviert war. „Das war ziemlich unangenehm.“ Voigt selbst wurde nie positiv getestet. Doch reden habe er müssen, sagt er, denn er sei damals Fahrersprecher gewesen. „Ich fühlte mich wie auf einem Schlachtfeld: Ich stand in der Schusslinie und alle anderen lagen in den Schützengräben und waren froh, dass ich es war, der Rede und Antwort stehen musste.“

Man merkt, dass das Thema Voigt bis heute nahe geht. Ein „Riesenproblem“ habe der Radsport damals gehabt, sagt er. Aber es ärgere ihn vor allem, dass sein Sport zum Sündenbock gemacht werde, während man gerade den Stars im Fußball jeden Skandal verzeihe.

Voigts Stimme ist lauter geworden. Er schüttelt sich kaum sichtbar, möchte aufbrechen. Harmonie, wird er später erzählen, sei ihm wichtig. Und dass er sie vor allem in der Familie suche und finde. „Ich komme nach Hause mit Rüstung, Schwert und Schild. Das alles will ich daheim abwerfen, einen geschützten Raum haben, wo meine Seele verletzlich und frei sein kann.“

Vor allem seine Frau Stephanie ist es, die ihm diesen Raum verschafft. Indem sie ihm Rückhalt gibt, aber auch das ganz normale Leben zumutet – sofern man den Alltag mit sechs Kindern als „normal“ bezeichnen kann. „Die letzten Jahre lagen meine Frau und ich jeden Abend im Bett und fühlten uns wie vom LKW überfahren. Ein erfolgreicher Tag war, wenn sich kein Kind den Arm gebrochen hatte und das Haus nicht abgebrannt war“, erzählt Voigt schmunzelnd auf unserem Weg Richtung Teufelsberg.

Nun, wo die Jüngste fünf und der Älteste 20 sei, sei das Leben leichter geworden, sogar ein Wochenende zu zweit sei mal drin. Eingespannt ist Voigt trotzdem. „Meine Frau hat immer zu mir gesagt: ,Du bist jetzt mal nicht der Supersportler, du bist jetzt Vater, mach mit, pack an, das muss erledigt werden!“ Er sagt es anerkennend. Er mag es, wenn man ihm selbstbewusst begegnet und Grenzen setzt. Denn er selbst, sagt er, sei schrecklich ungeduldig. Er wolle immer schnell viel erreichen und erwarte zu viel von sich selbst. Da hilft es, wenn man in die Schranken gewiesen und geerdet wird. Auch die Kinder tragen dazu bei. „Ich habe mal ein Rennen gewonnen und voller Stolz zuhause angerufen“, erzählt Voigt. „Da sagte die Tochter: ,Super, Papa, aber ich habe heute zum ersten Mal eine Rolle vorwärts geschafft!’“

Jens Voigt war früh auf sich selbst gestellt, fern von den Eltern und den beiden Geschwistern, die noch heute in seiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern leben. Mit 13 qualifizierte er sich für die Kinder- und Jugendsportschule Ernst Grube in Prenzlauer Berg, heute Bestandteil des Schul- und Leistungszentrums Berlin. Ab 1984 wohnte er dort im Internat. Der Umgang war rau. „Es gab jede Menge blaue Augen, ausgerissene Haare und Tränen.“ Ans Aufgeben habe er dennoch nie gedacht. Es war die Liebe zum Radsport, die ihn hielt, mehr aber noch sein Kampfgeist und sein unbändiger Ehrgeiz. „Ich hasse es, als Verlierer dazustehen, und wäre mir wie ein Versager vorgekommen, wenn ich gegangen wäre.“

Wir sind auf der Kuppe des Teufelsberges angekommen. Hier, auf dem Gelände der ehemaligen Abhörstation, ist schnell ein Platz fürs Foto gefunden: eine Wandinstallation aus alten Rädern. Ein brauchbares Gefährt für Voigt ist unter den alten Schrottmühlen natürlich nicht dabei. Ein guter Mix zwischen Handling, Aerodynamik und Steifigkeit: Das macht für ihn ein gutes Rennrad aus. Und Komfort– „damit man auch nach fünf Stunden noch gut sitzen kann“.

Er träumt von einem Blockhaus in der kanadischen Wildnis

Mit fast kindlicher Begeisterung streift Voigt über das verwilderte Gelände. Die Natur ist eine weitere Leidenschaft des Sportlers. Mal im Winter in einem Blockhaus in Kanada leben: Das ist ein Traum von ihm. Vor allem von Tieren ist er fasziniert. Wäre er nicht Profisportler geworden, hätte er gern Tierdokumentationen gedreht, erzählt er. Als Junge verschlang er Abenteuerromane wie „Ruf der Wildnis“ und „Wolfsblut“ von Jack London. Wohl auch, weil sie von Kämpfern handeln.

Sich durchsetzen, ans Limit gehen, überleben trotz widriger Umstände: Das ist Voigts Thema. Aber beweisen, sagt er, beweisen muss er nichts mehr. 36 Länder hat er im Lauf seiner Karriere gesehen und 875.000 Kilometer auf dem Rad zurückgelegt, hat er ausgerechnet. Eine Titanschraube in der linken Hand und 120 Stiche am Körper erzählen von riskanten Rennen, blutigen Unfällen und einem unbarmherzigen Umgang mit sich selbst. Unvergessen, wie Voigt nach einem schweren Sturz bei der Tour de France 2009 nur wenige Wochen später wieder aufs Rad stieg oder 2010 auf einem Kinderfahrrad den Anschluss ans Feld suchte, nachdem seine Rennmaschine unbrauchbar geworden war.

„Ich verstehe heute selbst nicht mehr, wie ich das geschafft habe“, sagt Jens Voigt, während wir – nun auf dem Drachenberg – die Aussicht auf Berlin genießen. Er überlegt kurz. „Doch“, sagt er dann. Es sei vor allem die Erfahrung gewesen, die ihn in Momenten der Qual weiter getrieben habe: „Der Schmerz geht in Sekunden vorbei, aber der Ruhm bleibt.“ Und der Teamgeist hielt ihn im Sattel. „Wenn man aufgibt und frisch geduscht im Hotel sitzt und dann die Jungs, die gearbeitet haben, völlig verschwitzt und erschöpft reinkommen, dann ist das einfach nur beschämend.“

Aber wie hat er sich abseits der Rennen motiviert, für das tägliche Trainingspensum? „An trüben Novembertagen habe ich mir vorgestellt, dass ich der einzige bin, der jetzt aufs Rad steigt, und mir das den entscheidenden Vorteil bringen wird“, sagt Voigt und grinst. Manchmal, ahnt man, hat er auch nur die Zähne zusammengebissen und sich das Denken verboten. So, wie er auch den Schmerzen in seinen Beinen untersagte, laut zu werden: „Shut up, legs!“ lautet der legendäre Spruch, den Voigt geprägt hat. Es ist auch der Titel seiner Biografie, die am 18. Juli auf deutsch erscheint.

Wir sind wieder in der Teufelsseechaussee angekommen und laufen an den Waldschulen vorbei, die seine Kinder besuchen. Wie ist Jens Voigt als Papa? „Zu freundlich!“, sagt er und lacht. „Nachgiebig!“ Zu sich selbst sei er zwar hart, aber mit den Kindern ein Softie, der noch kurz vor dem Aufbruch in die Kita mit sich über die Sockenfarbe habe diskutieren lassen. Heute, mit den halbwüchsigen Kindern, gilt es andere Herausforderungen zu meistern. „Es ist schwierig loszulassen und zuzusehen, wie die Kinder Fehler machen, die du kilometerweit im Voraus siehst“, sagt Voigt. Dennoch hält er sich weiter an sein Erziehungsideal, den Kindern große Freiheit zu lassen – sofern sie bereit sind, die Konsequenzen zu tragen.

Wir sind wieder an unserem Ausgangspunkt angelangt. Vor dem Abschied wollen wir natürlich noch erfahren, wer die diesjährige Tour de France gewinnen wird. Voigts Favorit ist der kolumbianische Bergspezialist Nairo Quintana. Die Augen des Ex-Radprofis, der sich heute mit Laufen fit hält, glänzen, wenn er von dem Rennen spricht. Die Tour, sagt er, sei alles: „Schön, gefährlich, anspruchsvoll. Und alles, was du als Sportler dort tust, zählt doppelt.“

Plötzlich wird er nachdenklich. Am Ende seiner Karriere, erzählt er, habe er gesagt: „Auf keinen Fall möchte ich mehr leiden und schwitzen und ständig auf die Ernährung achten. Ich bin durch!“ Aber jetzt erscheine ihm ein Marathon oder der Ironman gar nicht mehr so unmöglich. „Die Suche nach Herausforderung ist wohl doch irgendwo in mir.“ Wir sind gespannt.