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Dominanz auf Rädern bei der Tour de France

Deutsche Radprofis prägen seit drei Jahren das Bild der Tour. Zum Auftakt geht es für die Sprinter Kittel und Greipel gleich um Gelb.

Marcel Kittel (M.) und Tony Martin (3.v.r.) bei der Teamvorstellung

Marcel Kittel (M.) und Tony Martin (3.v.r.) bei der Teamvorstellung

Foto: Michael Steele / Getty Images

Berlin/Mont-Saint-Michel.  Die Augen sind auf ihn gerichtet. Bei der Präsentation der Teams gehört Marcel Kittel zu den Radprofis, die vom Moderator am Donnerstagabend im intensivsten zu ihren Ambitionen befragt werden. Die 103. Tour de France steht bevor, und Kittel soll erklären, was er sich zutraut. Er lächelt, er erzählt in freundlich aufgeregtem Ton. Fast ein bisschen wie jemand, der zum ersten Mal bei der großen Schleife durch Frankreich auf das Rad steigt.

Für den 28-jährigen Erfurter ist es keine Premiere. „Es ist ein Riesenunterschied, ob man bei der Tour ist oder nicht. Ich bin sehr stolz und sehr froh darüber, wieder zurück zu sein“, sagt er vor dem Start am Sonnabend. Eine Flachetappe über 188 Kilometer von Mont-Saint-Michel zum Utah Beach, an dem 1944 die Alliierten landeten, könnte ihn gleich wieder in den Mittelpunkt rücken. Nicht nur ihn, auch André Greipel (33), den anderen deutschen Top-Sprinter.

19 Siege in den vergangenen drei Jahren sind der Topwert

Vielleicht ein Auftakt, der nur Vorgeschmack ist für die nächsten drei Wochen. Für die 3519 Kilometer durch Frankreich. Die deutschen Fahrer sieht Tony Martin (31) prädestiniert dafür aufzufallen. „Wir sind in diesem Jahr selten stark besetzt“, sagt der dreimalige Zeitfahrweltmeister, der bei Etixx-Quick Step Kittels Kollege sowie Anfahrer ist. Besser noch als in den drei Vorjahren, als die deutschen Profis sich 19 Tagessiege sicherten. Fast ein Drittel aller Etappen gewannen. Keine andere Nation zeigte sich so stark. Diese Erfolgsgeschichte brachte den deutschen Radsport zurück in das große Interesse, die Öffentlich-Rechtlichen übertragen seit vergangenem Jahr wieder live von der Tour. Nun soll diese Geschichte fortgeschrieben werden.

Zwar kommt keiner der zwölf deutschen Profis dafür in Frage, sich mit den großen Favoriten Christopher Froome (Großbritannien), Nairo Quintana (Kolumbien) und Alberto Contador (Spanien) im Kampf um den Gesamtsieg zu messen. Doch mit Emanuel Buchmann (23/Ravensburg) wächst ein Klassement-Fahrer heran, der überdurchschnittliche Kletterfähigkeiten besitzt und unter die Top 20 kommen könnte. Er weckt Hoffungen in einer Sparte, in der Deutschland lange wenig zu bieten hatte.

Degenkolb ist zuversichtlich nach schwerem Frühjahr

Buchmann ist die Zukunft, eventuell auch sein Team Bora-Argon. Die zweite deutsche Mannschaft im Peloton, erneut mit einer Wildcard dabei, will nächstes Jahr von der zweiten in die erste Liga der Teams aufsteigen. Ein großer neuer Co-Sponsor wurde vor dem Tourstart präsentiert, entsprechend soll der Etat aufgerüstet werden. Die Gegenwart sind Kittel, Greipel, Martin und John Degenkolb. „Den ersten Etappensieg für mich habe ich bereits errungen, indem ich hier nach diesem schwierigen Frühjahr am Start stehe“, sagt Degenkolb (27).

Was der Frankfurter zu leisten vermag, ist schwer einzuschätzen nach einem fürchterlichen Unfall im Januar. Er verlor fast die Fingerkuppe seines linken Zeigefingers, brach sich den Unterarm. „Komischerweise war die Pause vielleicht sogar gut. Ich weiß nicht, ob frisch der richtige Ausdruck ist, aber ich fühle mich gut, bin locker“, sagt er. Degenkolb, 2015 Sieger von Mailand-San Remo und Paris-Roubaix, will sich endlich den Traum vom ersten Etappensieg erfüllen.

Für Kittel und Greipel geht es auf der ersten Etappe gleich um das Gelbe Trikot. „Ich hoffe, dass aller guten Dinge drei sind“, sagt Kittel. Schon 2013 und 2014 fuhr er auf der ersten Etappe ins „Maillot jaune“. Insgesamt acht Erfolge feierte er in diesen Jahren. Vergangene Saison fehlte er dann, war verzweifelt, weil das Jahr nach einer Viruserkrankung eine einzige vergebliche Suche nach Gesundheit und Form war. Gefolgt von einem geräuschvollen Teamwechsel von der deutschen Equipe Giant-Alpecin hin zu Etixx infolge seiner Ausbootung für die Tour. Jetzt ist Kittel wieder in Topform. Greipel ebenso, der schlug ihn gerade bei der deutschen Meisterschaft.

Die erste Etappe endet mit einem heiklen Finale

Der Rostocker fuhr noch nie in Gelb, holte sich im Vorjahr aber vier Etappensiege bei der Tour. „Ich würde dieses Ziel gern erreichen. Aber wenn nicht, werde ich nicht sterben“, sagt Greipel, der die erfahrenste Anfahrercrew um sich hat. Kittel dafür die stärkste mit Martin an der Spitze, der im Zeitfahren viel vorhat. Degenkolb schaut wie sein Berliner Giant-AlpecinTeamkollege und letztjähriger Tagessieger Simon Geschke auf die mittelschweren Etappen.

Bei allen Ambitionen müssen gerade Greipel und Kittel am Sonnabend auch gut Acht geben. Das Finale bei Wind und möglicherweise Regen verspricht auf der leicht abschüssigen Zielgeraden am Strand des Ärmelkanals hektisch zu werden. „Ich hoffe, dass wird durch das Chaos gut durchkommen werden. Es hat jedes Mal gekracht bisher am Ende, gerade wenn es um das Gelbe Trikot ging“, sagt Kittel.