Als Novak Djokovic ein paar Tage vor Weihnachten 2013 einen gewissen Boris Becker zu seinem neuen Chefcoach machte, war das Gespött in der Branche und in der Medienwelt nicht weit: Als PR-Gag geißelten Beobachter die spektakuläre Liaison, als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für den damals umstrittenen Becker.

Oder auch als Beweis für Djokovics Eitelkeit, der sich einfach nur mit einem großen Namen umgeben wolle, mit einem der Stars aus einer anderen Generation. Zweieinhalb Jahre später lacht keiner mehr über „Beckovic“, über das deutsch-serbische Gespann, über den Weltranglisten-Ersten und den ehemaligen Anführer der Tennisprofis.

Djokovic hat gerade den sogenannten Karriere-Grand Slam vollendet, mit seinem Triumph unterm Eiffelturm in Paris, er hat auch die letzten vier Major-Titel allesamt gewonnen, und er steht vor einem möglichen Titel-Hattrick in Wimbledon.

Die zweite Welle der Supercoaches

Doch eins hat die Erfolgs-Allianz nun auch bewirkt: Einen mächtigen Verfolgungs-Wettlauf der Spitzenprofis hinter Djokovic, eine zweite Welle der Verpflichtung von sogenannten Supercoaches. „Diese personelle Aufrüstung ist absolut beispiellos“, sagt Englands früherer Topspieler Tim Henman und dürfte da auch Lokalmatador Andy Murray im Visier haben.

Denn der sah sich nach zuletzt vielen Niederlagen in entscheidenden Matches auch gegen Djokovic dazu aufgerufen, einen ehemaligen Weggefährten an seine Seite zu rufen: Keinen anderen als jenen Ivan Lendl, mit dem zusammen er sowohl die britische Titeldürre in Wimbledon beendet und auch die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen von London gewonnen hatte. „Es ist, als wären wir nie auseinander gewesen“, sagt Murray nun vor dem Turnierbeginn.

Tatsächlich hatten Murray und Lendl vor fünfeinhalb Jahren mit ihrer verblüffenden Tennis-Zweierbeziehung als Trendsetter im Welttennis gewirkt – Djokovic zog mit Becker nach, Roger Federer mit Stefan Edberg, dazu kamen Japans Ass Kei Nishikori mit Michael Chang, der Schweizer Stan Wawrinka mit Magnus Norman und Kroatiens Marin Cilic mit Goran Ivanisevic.

McEnroe soll den Kanadier Raonic voranbringen

Nun sind die einstigen Avantgardisten, der Schotte Murray und Lendl, der bärbeißige Amerikaner mit tschechischen Wurzeln, die prominentesten Vertreter einer nächsten Welle von Partnerschaften – die vor allem zwei Zielen dient: die Herrschaft von Djokovic zu brechen, aber auch mehr Durchlässigkeit in der Weltspitze zu erzeugen. „Jeder ist hellwach im Spitzenbereich. Die Konkurrenz ist brutal hart“, sagt Djokovic-Trainer Becker, „du kannst dich bei keinem Turnier eine Sekunde ausruhen.“

In Wimbledon feiert nun ein unwahrscheinliches Duo seine Arbeitspremiere, das bei vielen als Geheimtipp für den Titel auf dem Zettel steht: Kanadas Aufschlagkanonier Milos Raonic und dessen Trainer/Berater, der ehemalige Genius und Oberflegel John McEnroe.

Raonics Spiel, knallhartes Service und gute Netzaktionen, ist wie geschaffen für die Grascourts in London, doch bisher fehlte stets das gewisse Etwas, der besondere Dreh im Auftritt des Weltranglisten-Siebten.

„McEnroe kann da noch einige Prozent rausholen. Mehr Flexibilität, mehr Matchhärte etwa“, sagt der Schwede Mats Wilander, ein einstiger Weggefährte, „es ist verrückt. Inzwischen ist das wie ein Klassentreffen von früher bei all den Jungs auf den Trainerbänken.“

Hewitt will Sorgenkindern Kyrgios und Tomic helfen

Auch die Widersacher des Establishments aus der zweiten Reihe schlafen nicht. So lässt sich der belgische Flitzer David Goffin vom ehemaligen schwedischen Australian-Open-Champion Thomas Johansson beraten, und Frankreichs letztjähriger Wimbledon-Halbfinalist Richard Gasquet vertraut schon länger auf die Unterstützungsdienste von Ex-French-Open-Gewinner Sergi Bruguera.

In einer Nebenrolle des Chefpostens für das australische Davis-Cup-Team fungiert auch der eben pensionierte Lleyton Hewitt als Helfer für die schwierigen, aber hochtalentierten Zeitgenossen Nick Kyrgios und Bernard Tomic. „Dieses Wettrennen mit Stars von gestern ist schon unglaublich“, sagt Gustavo Kuerten, der Publikumsliebling der späten 90er-Jahre, „keiner will sich offenbar sagen: Ich habe nicht alles versucht.“

Maßstab und Orientierungspunkt für alle in der zweiten Welle der Supercoach-Engagements bleibt freilich das Team „Beckovich“ – Titelverteidiger in Wimbledon und bei allen anderen Grand Slams. „Wir haben die Latte so hoch gelegt“, sagt Becker, „dass jedes nicht gewonnene Turnier schon als Scheitern ausgelegt wird.“