Wasserspringen

Gelungener Abstieg für Nora Subschinski

Die Athletin aus Berlin springt aus gesundheitlichen Gründen nur noch vom Drei-Meter-Brett. Den Turm meidet sie jetzt lieber.

Tina Punzel (l.) und Nora Subschinski (r.) sind voller Freude

Tina Punzel (l.) und Nora Subschinski (r.) sind voller Freude

Foto: Jens Büttner / picture alliance / dpa

Berlin.  Irgendwann waren die Schmerzen beim Springen so groß, dass sie weinen musste. „Und das“, sagt Nora Subschinski, „passiert bei mir ganz, ganz selten.“ Zum Glück, möchte man antworten, wir sprechen doch hier über Sport, oder? Aber erstens sind Wasserspringer ziemlich leidensfähig. Und zweitens war da dieser olympische Wettkampf vom Turm in London 2012, auf den sie sich vier Jahre vorbereitet hatte. Da gibt man nicht so einfach auf. Doch es nützte alles nichts, sie musste verzichten. Ihr Trainer seit bald 20 Jahren, Jan Kretzschmar, erinnert sich gut an diesen schweren Tag: „Ehe Nora sagt, sie kann nicht mehr, muss sie schon das Bein in der Hand halten.“ So drastisch war es nicht, aber wie sich herausstellte, war ihre Entscheidung die einzig richtige.

Heute kann die 28-Jährige entspannt davon erzählen. Sie ist wieder topfit, in Rio de Janeiro will sie in wenigen Wochen ihre vierten Olympischen Spiele in Angriff nehmen, als erste Deutsche in ihrer Sportart. „Vielleicht ist sogar eine Medaille drin, wenn wir gut springen“, sagt sie lächelnd. Daran war nach den Spielen in London nicht zu denken. Denn ihre Hoffnung, die Leiden würden sich wie schon so oft nach einer Saison im Urlaub legen, erfüllte sich nicht.

Bandscheibenvorfall in Halswirbelsäule

Als die Bundeswehrsoldatin Wochen später auf einem Lehrgang nur noch schmerzfrei sitzen konnte, indem sie den Arm hinter dem Rücken verschränkte, als sie trotz Schmerzmitteln nicht schlafen konnte, reichte es ihr. Bei den folgenden Untersuchungen stellte sich heraus, dass sie seit längerer Zeit einen Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule mit sich herumtrug.

Passiert war das Malheur schon in der Vorbereitung auf London. „Bei einem relativ leichten Sprung bin ich mit dem Kopf unter Wasser weggeknickt.“ Das Dreifache des Körpergewichts lastet beim Eintauchen vom Turm auf den Händen, da passiert so etwas schon mal. Und vergeht wieder. Diesmal war es anders. „Ich hab gleich gemerkt, der Hals tut irgendwie weh.“ Aber beide Beine waren ja noch dran, also trainierte sie nach zwei Tagen wieder, „vielleicht war mein Fehler, einen mehrfachen Saltosprung mit Schraube zu probieren“.

Ja, das kann man sich sogar als Laie vorstellen. Trotz all dem ist sie in London an der Seite von Christin Steuer vom Turm gesprungen und sogar Sechste geworden („Ein guter Wettkampf“), im Einzel vom Drei-Meter-Brett verpasste sie das Finale als 14. knapp („Ärgerlich“). Mit dem Ergebnis, sagt sie, „konnte ich zufrieden sein“. Mit den Folgen nicht.

Jetzt wird der Rücken geschont

Auf einmal wurde der Sport tatsächlich zweitrangig. „Ich wollte nur gesund werden“, berichtet die junge Frau vom Berliner TSC mit der blonden Strähne im dunkelbraunen Haar. Nach der gelungenen Operation, bei der ihr eine Metallplatte zwischen den fünften und sechsten Halswirbel implantiert wurde, reifte schnell die Erkenntnis, dass die Fortsetzung ihrer sportlichen Karriere zwar möglich, ein Abstieg dabei jedoch unvermeidbar sei: vom Turm sieben Meter runter aufs Drei-Meter-Brett. Um den Rücken zu schonen. „Schade, ich war besser von ganz oben“, trauert sie dem noch etwas hinterher. Ihre vier EM-Titel gewann sie synchron vom Turm, auch ihre beiden bronzenen WM-Medaillen. Doch es gibt Wichtigeres.

Nora Subschinski springt jetzt an der Seite der Dresdnerin Tina Punzel, „die Chemie stimmt, wir verstehen uns super“. Das zeigte sich zuletzt bei den Europameisterschaften im Mai in London, wo beide nach dem dritten Durchgang noch auf Goldkurs lagen. Dann kam der vierte Sprung, dreieinhalbfacher Salto vorwärts gehechtet, „den hab ich versaut. Dadurch haben wir definitiv eine Medaille verpasst“, sagt Subschinski, „das tut mir besonders leid für Tina“. Doch die sieben Jahre jüngere Dresdnerin machte ihr keine Vorwürfe. Auch das passiert eben beim Wasserspringen.

Außerdem haben beide ja schon gesehen, was sie können. Bei der EM 2014 in Berlin holten sie Silber, ebenso ein Jahr darauf in Rostock. In ihrer Heimatstadt gewann Subschinski außerdem Bronze im Einzel vom Brett. Das ist erstaunlich genug nach einer so schweren Verletzung.

DM lässt alle Zweifel verfliegen

Sie wirkt mit sich und ihrer Karriere im Reinen. „Ich war an so vielen Orten, Australien, Mexiko, Brasilien, Amerika, wo ich als normaler Mensch nie hingekommen wäre.“ Jetzt will sich Subschinski noch ein letztes Mal bei Olympischen Spielen präsentieren, „das Ziel ist natürlich eine Medaille“, es wäre ihre erste olympische, und wenn es nicht klappt, weiß sie doch eines genau: „Dann bin ich nicht traurig drüber. Ich habe immer mein Bestes gegeben.“ Letzte Qualifikations-Zweifel räumte sie vergangene Woche bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin aus dem Weg. „Sie kann es eben auch vom Brett“, reagiert Bundesstützpunkttrainer Jan Kretzschmar wenig überrascht.

Vermutlich geht sie in Brasilien im Einzel und im Synchron aufs Brett. Und danach? „Das sind definitiv meine letzten Olympischen Spiele“, steht für Nora Subschinski fest, „es ist Zeit daran zu denken, aufzuhören.“ In einem Jahr, in zwei Jahren, das weiß sie nicht. Dafür weiß sie: „Es reicht, die Hälfte seines Lebens im Wasser zu verbringen.“ Sie möchte tiermedizinische Fachangestellte werden. Klingt irgendwie schön. Und gar nicht mehr nach Schmerzen.

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