Große Trauer

Radsport-Legende Rudi Altig ist tot

Mit dem Radfahrer starb einer der größten deutschen Sportler der 60er-Jahre. Der Weltmeister gewann acht Tour de France-Etappen.

Einer seiner größten Momente: Unter den bewundernden Blicken einer unbekannten Schönen läßt sich Rudi Altig am 24.6.1962 das Gelbe Trikot des Tagessiegers bei der Tour de France überstreifen

Einer seiner größten Momente: Unter den bewundernden Blicken einer unbekannten Schönen läßt sich Rudi Altig am 24.6.1962 das Gelbe Trikot des Tagessiegers bei der Tour de France überstreifen

Foto: pa/dpa / picture-alliance / dpa

Berlin. Für Topsprinter Marcel Kittel war er „unser erster deutscher Radheld, ein Wegbereiter“, für die Franzosen einfach „Sacre Rudi“. Doch nun herrscht große Trauer: Rudi Altig erlag am Sonnabend im Alter von 79 Jahren einem Krebsleiden. Er war eine große Nummer im internationalen Radsport – lange vor Dietrich Thurau oder Jan Ullrich.

Der bis dato letzte deutsche Straßen-Weltmeister bei den Profis hat vergeblich auf einen Landsmann als Nachfolger gewartet. Im Oktober auf dem Parcours von Doha wäre die Chance sehr groß gewesen, Kittel, André Greipel oder John Degenkolb gratulieren zu können. „Ich bin sehr traurig“, twitterte der dreifache Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin.

Auf dem Rennrad war Altig ein unerbittlicher Kämpfer. Bei der Tour de France holte der bullige Sprinter aus Mannheim acht Etappensiege und trug 18 Tage das Gelbe Trikot, was nach ihm nur noch dem einzigen deutschen Toursieger Jan Ullrich 1997 gelang. Den Spitznamen „radelnde Apotheke“ trug er aber wohl nicht zu Unrecht. Altig wurde 1969 bei der Tour des Dopings überführt und 1966 hatte er sich beim belgischen Klassiker Flèche Wallonne einer Kontrolle entzogen.

Herzliche Direktheit und Lebensfreude

Seit langem litt der Träger des Bundesverdienstordens schon unter der Krankheit. 1994 meisterte er bereits eine Magenkrebs-Erkrankung. Er ging immer offensiv mit seinem Leiden um. „Wer es nicht weiß, wird es kaum merken. Ich esse eben kleinere Portionen – und meinen Wein trinke ich trotzdem“, sagte Altig noch im Vorjahr .

„Was Rudi Altig herausragend machte, waren seine unverstellte Art, seine herzliche Direktheit und seine Lebensfreude. Sie hat ihm geholfen, auch sehr schwere Kämpfe um seine Gesundheit lange zu bestehen. Wir trauern und drücken seiner Familie unser herzliches Beileid aus“, erklärte Rudolf Scharping, Präsident beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR). Der Ex-Profi, der im Hospiz in Remagen im Kreise seiner Familie verstarb, hinterlässt Frau Monique und drei Kinder.

Altig gehörte zu den erfolgreichsten deutschen Fahrern überhaupt. Seine außergewöhnliche Karriere hatte er mit drei WM-Titeln in der Einerverfolgung auf der Bahn gestartet. Nach seinem Wechsel auf die Straße konzentrierte er sich auf die Klassiker, gewann die Flandern-Rundfahrt (1964) und Mailand-San Remo (1968).

Bundestrainer und Rennleiter

Sogar der Gesamtsieg bei der Spanien-Rundfahrt glückte ihm. Für einen Tour-Erfolg reichte es allerdings nicht, sein Kampfgewicht von rund 85 Kilogramm war nicht optimal. 1962 holte er als erster deutscher Radprofi das Grüne Trikot.

Bis ins hohe Alter bleib Altig seinem Sport eng verbunden. Noch vor wenigen Jahren legte er 2000 bis 3000 Kilometer pro Saison auf dem Rad zurück und spielte Golf. Der gelernte Kfz-Mechaniker war Bundestrainer, ARD-Experte bei der Tour und Rennleiter bei „Rund um den Henninger Turm“ in Frankfurt und „Rund um Köln“. Auch in der rheinischen Metropole herrschte am Sonntag bei der 100. Austragung des Traditionsrennens dann große Trauer. .

Sein Leben im Stenogramm

geb. am 18. März 1937 in Mannheim, gestorben am 11. Juni 2016 in Remagen im Alter von 79 Jahren.

Stationen als Fahrer: RRC Endspurt Mannheim (Jugend), Team Torpedo-Fichtel&Sachs (1959), Team Rapha-Gitane-Dunlop (1960, 1961), Team St. Raphael-Helyett (1962-1964), Team Margnat-Paloma-Inuri-Dunlop (1965), Team Molteni (1966, 1967), Team Salvarani (1968, 1969), Team G.B.C.-Zimba (1970, 1971)

Stationen nach der aktiven Karriere: Bundestrainer der Amateure, Sportdirektor beim französischen Radteam Puch, Berater bei einem Radhersteller, Rennleiter (u.a. bei Rund um den Henninger Turm), TV-Experte

Seine Erfolge

Straßenweltmeister (1966); 18 Tage Gelbes Trikot, 10 Etappensiege bei der Tour de France (1962-1969), dazu Gewinner des Grünen Trikots (1962); dreimaliger Bahn-Weltmeister in der Einerverfolgung (1959, 1960, 1961); Gesamtsieger Spanien-Rundfahrt (1962); Sieger Flandern-Rundfahrt (1964); Sieger Mailand-Sanremo (1968); Sieger Rund um den Henninger Turm (1967); mehrmaliger Etappensieger beim Giro d’Italia und der Spanien-Rundfahrt; mehrmaliger deutscher Meister auf der Bahn und auf der Straße; zwischen 1962 und 1971 23 Siege bei diversen Sechstagerennen

Ehrungen: Verleihung des Silbernen Lorbeerblatts (1966), Bundesverdienstkreuz (1997), Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz (2010)