Auch den letzten, den vielleicht größten Sieg seines Lebens holte er sich auf die harte Tour. Vier Tage hintereinander stand Novak Djokovic im verregneten Paris im nassen Sand, vom vergangenen Dienstag bis Freitag.

Dann hatte er einen Tag Pause, und dann gewann er endlich, endlich die French Open, gegen seinen Freund Andy Murray, den stärksten Ascheplatzspieler der Saison. „Ich bin es gewohnt, dass mir nichts geschenkt wird“, sagte Djokovic, der gerade die Grenzen des Machbaren auslotet. Sein Aufstieg zum Herrscher seines Sports, zum Sieger bei nunmehr allen Grand-Slam-Turnieren, ist die erstaunlichste Geschichte, die das aktuelle Tennis zu bieten hat.

Nicht nur wegen Djokovic selbst, sondern vor allem wegen der Spieler, mit denen er den Tennisplatz teilte in seiner Karriere. Als Djokovic vor einem Jahrzehnt seine ersten Gehversuche im Wanderzirkus unternahm, ein 19-jähriger Teenager, der als Kind aus den Kriegswirren auf dem Balkan geflohen war, da regierten gerade zwei der Größten der Szene: Roger Federer, auf dem Zenit seines Schaffens. Und Rafael Nadal, der sich gerade vom reinen Sandplatz-Granden hin zum gefürchteten Allrounder entwickelte.

Mit einer „gewissen Frechheit“ an die Weltspitze

Djokovic, als Mann der Zukunft gehandelt, verharrte nicht in Ehrfurcht vor den Tennis-Oligarchen. Mit kessen Sprüchen, aber vor allem mit starken Leistungsnachweisen auf den Centre-Courts brachte er das Duo aus der Wohlfühlzone heraus.

„Damals gab es eine gewisse Langeweile an der Spitze“, sagt Amerikas Alt-Star John McEnroe, „und Djokovic war der erste, der Roger und Rafa den Kampf ansagte. Es war erfrischend.“ Djokovic sagt, er habe eine „gewisse Frechheit“ auf und neben dem Platz gebraucht, um es mit den Champions aufzunehmen: „Ich hatte Riesenrespekt vor ihnen, aber zugleich musste ich respektlos sein, ohne Furcht.“

Am Sonntagabend, am Tag seiner vorläufigen Karriere-Vollendung, sprach der Serbe auch über Federer und Nadal. Und wie diese einmalige Konkurrenzsituation ihn zu dem Spieler gemacht hatte, der er nun ist – der Beste des Moments, vielleicht schon bald der Beste aller Zeiten.

Boris Becker staunt über die Professionalität des Serben

„Alles im Leben hat einen Sinn“, sagte Djokovic. Und meinte damit, sein Schicksal sei es eben gewesen, an der Größe der Herausforderung zu wachsen. Tatsächlich hat sich Djokovic auf dem langen Marsch zur Nummer 1 zum radikalen Optimierer entwickelt, zum Perfektionisten, der nichts dem Zufall überlässt.

„Es ist schlicht unglaublich“, sagt Djokovics Trainer Boris Becker, „was er für den Erfolg tut. Wie er sein Profi-Sein definiert.“ Djokovic hat Berater und Betreuer für alles: einen Fitness-Trainer, einen Konditions-Trainer, einen Ernährungsberater, der gleichzeitig seine Bewegungsmuster studiert.

Einen Koch, der bei Grand Slams eine ausgetüftelte Speisenfolge zubereitet. Und natürlich die normalen Trainer, seinen alten Weggefährten Marijan Vajda. Und Becker, den Chefcoach, der als Königstransfer Ende Dezember 2013 zu Djokovics Team stieß.

Hat sich auch gegen die Sympathien des Publikums durchgesetzt

Djokovic war schon die Nummer 1, als Becker verpflichtet wurde. Viele erstaunte das. Aber Djokovic wollte genau das, was er in den vergangenen beiden Jahren geworden ist: Der übermächtige Nummer-1-Spieler, der über eine ganze Saison Höchstleistungen abruft. Er wollte natürlich die French Open gewinnen, jenes Turnier, das für viele der Szenegrößen mit dem Mythos des Scheiterns verbunden ist.

Becker, der Spieler, konnte ein Lied davon singen. „Du kannst nicht verhindern, dass du einen Sieg, dem du so lange hinterherläufst, irgendwann zu sehr willst. Dass du dabei verkrampfst“, sagt Becker, „das war die große Schwierigkeit für ihn. Deshalb waren die French Open auch stets mit viel Nervosität und Anspannung verbunden.“

Doch Djokovic hat dieses Rätsel nun gelöst. Wie fast alle anderen in seiner bemerkenswerten Karriere. Er hat sich gegen alle und alles durchgesetzt, selbst gegen die anfängliche Distanz im Publikum, gegen die mächtigen Sympathien für Federer und Nadal. Auch 2015, in seinem bisher besten Jahr, war das so.

In Paris waren sie alle auf der Seite des Außenseiters Stanislas Wawrinka, der Djokovic tatsächlich schlug. In Wimbledon und bei den US Open spielte er gegen das ganze Stadion und gegen den verehrten alten Helden Roger Federer, da aber gewann jedes Mal Djokovic. „Wie ich nach oben gekommen bin, dieser schwere Aufstieg, das hat mich gestählt. Ich bin in jedem Spiel bereit für jede Situation.“

Nachmachen, was bisher nur Steffi Graf geschafft hat

Andre Agassi gewann 1999 auch mit 29 Lebensjahren die French Open, um seinen Karriere-Grand-Slam zu voll­enden. Manche dachten damals, er werde danach aufhören. Doch es passierte etwas ganz anderes: Agassi wurde zum Fitness-Guru, er verwandelte als Asket und Athlet das Gesicht des Spitzentennis, wurde zum Auslöser einer Bewegung, in der Stars jenseits der Dreißig große Siege feiern können.

Federer, der Gegenspieler von Djokovic, sagte, Agassi sei für ihn in dieser Beziehung „eine große Inspiration“ gewesen, die Inspiration für eine sehr lange Karriere. Djokovic könnte dem Ganzen aber erst noch die Krone aufsetzen, als Ü30-Spieler, der die Geschichts- und Rekordbücher umschreibt zu seinen Gunsten.

Federers 17 Grand-Slam-Siege sind für den zwölfmaligen Champion Djokovic in Reichweite. Und in diesem Jahr kann er erst mal den „echten“ Grand Slam gewinnen, alle vier Majors in einer Saison. Dazu noch Olympia-Gold in Rio. Der Golden Slam wäre das. Etwas, das noch kein Tennisspieler geschafft hat, nur eine Tennisspielerin, Steffi Graf, 1988. Djokovic scheint genau diesen Plan zu haben. „Unmöglich“, sagte er am Sonntag, „ist das nicht.“ Niemand hat gewagt, ihm zu widersprechen.