Tennis

Novak Djokovic ist endlich König von Paris

Novak Djokovic besiegt Andy Murray im Finale der French Open und hat alle großen Turniere gewonnen. Er ist nun im elitären Zirkel.

French Kisses: Der beste Tennisspieler der Welt, Novak Djokovic, sprach nach seinem Triumph unterm Eiffelturm vom vielleicht besten Tag seiner Karriere

French Kisses: Der beste Tennisspieler der Welt, Novak Djokovic, sprach nach seinem Triumph unterm Eiffelturm vom vielleicht besten Tag seiner Karriere

Foto: Julian Finney / Getty Images

Paris. Es waren historische French Open, und zwar ganz lange Zeit aus den ganz falschen Gründen. Ein tristes Tennisturnier, verregnet wie keins zuvor in Paris, abgespult unter novembergrauem Himmel. Ein Grand Slam auch, bei dem Roger Federer erstmals seit der Jahrhundertwende keinen Ballwechsel spielte, vor seinem ersten Match absagte – und bei dem der zweite alte Titan, Rafael Nadal, verletzt den Heimflug nach Mallorca antrat.

Aber auf den letzten Metern dieses quälenden Major-Wettbewerbs setzte der Beste der Welt doch noch ein leuchtendes Zeichen – in jenem großartigen Moment, da er seine Traumkarriere mit dem ersehnten French-Open-Sieg krönte.

Als erst achter Spieler der Geschichte schloss er auf dem Hauptplatz von Roland Garros das Rendezvous mit der Ewigkeit, holte sich mit dem 2:6, 6:1, 6:2, 6:4-Sieg über Andy Murray (Großbritannien) den letzten noch fehlenden Grand-Slam-Titel in seiner Sammlung. „Es ist ein sehr spezieller, ein überwältigender Moment“, sagte er, „ich habe lange warten müssen. Jetzt bin ich umso glücklicher.“

Selbstgemamaltes Herz im Sand

Genau um 18.16 Uhr, nach 183 Spielminuten und nach dem dritten Matchball, sank der 29-Jährige glückstrunken auf den Boden, legte sich später wie einst Wuschelkopf Gustavo Kuerten in ein großes, selbstgemaltes Herz im Sand – Bilder und Szenen der grenzenlosen Erleichterung nach vielen grimmig verlorenen Anläufen und Tennis-Schlachten in Frankreichs Kapitale.

Noch im letzten Jahr hatte er sein drittes Finale gegen Stanislas Wawrinka verloren, nun triumphierte er nach völlig verkorkstem Start. 17 Jahre nach Andre Agassis verrücktem Sieg unterm Eiffelturm komplettierte auch Djokovic, der dominierende Spieler der Jetzt-Zeit, sein Grand-Slam-Quartett in Paris.

Nun hat er sogar alle Chancen, als erster Spieler seit dem legendären Rod Laver (1969) das noch weitaus schwierigere Kunststück eines Kalender-Grand-Slam zu vollbringen, also den Gewinn aller vier Topturniere (Australian Open, French Open, Wimbledon, US Open) in einer Saison.

Zusammenarbeit mit Trainer Boris Becker zahlt sich aus

Dass er im zwölften Pariser Anlauf seinen zwölften Grand-Slam-Titel holte, die Dämonen der Vergangenheit hinter sich ließ, war auch der Höhepunkt einer fruchtbaren Allianz mit seinem Chefcoach Boris Becker. Seit der deutsche Altmeister im Dezember 2013 das Kommando bei dem Perfektionisten übernommen hat, ist Djokovic zum einsamen Regenten auf dem Planeten Tennis geworden – mit einer Machtentfaltung, die oft schon erdrückend wirkte.

Im letzten Jahr schon spielte Djokovic die fast perfekte Saison, der einzige Schönheitsfehler im sportlichen Prunk und Pokalrausch war die Finalniederlage gegen Wawrinka in Paris. Nun aber war die haushoch führende Nummer 1 auch die Nummer 1 im Stadion Roland Garros – ein Ziel, das in diesem Jahr alles in den Schatten gestellt hatte, dem vieles in Djokovics Denken und Handeln untergeordnet war. „Wir alle wollten diesen Pokal so sehr“, sagte Becker. Er selbst hatte ihn als Profi nie gewinnen können, den Musketier-Pokal, jetzt immerhin grüßte er als Erfolgstrainer des Champions.

Djokovic wusste, dass es immer als Karriere-Makel aufgefasst würde, wenn er diesen Pokal nicht wenigstens einmal in seinen Besitz bringen könnte. Oft scheiterte er in den vergangenen Jahren mehr an sich selbst und seinem verzehrenden Ehrgeiz als an seinen Gegenspielern, besonders 2015 war das zu beobachten, als er zwar gegen Wawrinka den ersten Satz gewann, danach aber nur den Vorsprung verwalten wollte. Zaudernd geriet er auf abschüssige Bahn, verlor schließlich. Und vergoss Tränen der Verzweiflung.

In einer Reihe mit Budge, Perry, Laver, Agassi und Federer

Auch an diesem Tag der vorläufigen Vollendung seines Lebenswerks lief es keineswegs glatt für den Djoker. Wieder musste er eine lange Reise antreten, gegen eigene Beklemmungen, gegen heftige Nervosität, gegen die Angst vorm neuerlichen Scheitern. Und gegen einen Andy Murray, der ihm im ersten Satz heftig zusetzte, ihn phasenweise an die Wand spielte. Djokovic wirkte da nur wie ein müdes Abbild seiner selbst, erstarrt, gehemmt, statisch. Das komplette Gegenbild des Mannes, der auf dem Tennisplatz so leichtfüßig tanzen kann wie einst der große Muhammad Ali im Boxring.

Als man schon glaubte, der Frustberg von Djokovic werde mit der nächsten, vielleicht bittersten Niederlage überhaupt in Paris noch massiv angehäuft, ging eine Verwandlung durch ihn. Mit Beginn des zweiten Satzes fand er zu sich selbst, Djokovic war auf einmal Djokovic in aller Kraft. Aggressiv, emotional, ein Wunder an Mobilität plötzlich. Und damit zu gut für einen keineswegs enttäuschenden Murray, der dem geschichtsträchtigen Moment auf dem Centre-Court nicht mehr im Weg stehen konnte. 6:1 gewann Djokovic Satz 2, dann 6:2 den dritten Durchgang. Er war nicht mehr zu bremsen. Nicht als Produzent von Siegschlägen, noch weniger in der Überzeugung, dass dies sein Tag, seine Stunde, sein persönlicher Grand Slam werden würde.

Donald Budge, Fred Perry, Roy Emerson, Rod Laver, Andre Agassi, Roger Federer, Rafael Nadal. Das war die Galerie der Größten, jener Spieler, die bei allen Grand Slams siegten. Djokovic hat seinen Namen dazugesetzt. Der Mann, der längst noch nicht am Ende seines Siegesstrebens und seiner Kunst ist – und der zum erfolgreichsten Spieler aller Zeiten werden kann.