Berlin –

Die Rückkehr von Blau-Weiß 90

Früherer Bundesligist entwickelt mit Sprung in die Berlin-Liga wieder Ambitionen

Berlin.  Bevor Rani Al-Kassem zum Training geht, schaut er gern aus dem Fenster seiner Wohnung. Der Stürmer von Blau-Weiß 90 sieht dann, wer schon alles da ist. Flugs nimmt Al-Kassem seine Tasche, schließt die Tür ab, läuft zwei Stockwerke runter, biegt noch links ab – und steht auf dem Fußballplatz in der Rathausstraße. „43 Sekunden, dann bin ich da“, sagt Al-Kassem, „das ist perfekt.“

Perfekt läuft die ganze Saison in der siebtklassigen Landesliga. Für den 35 Jahre alten Al-Kassem, der bisher 36 Treffer erzielt hat. Und für Blau-Weiß 90: Der Spitzenreiter steht bei exakt 100 geschossenen Toren und hat vier Spiele vor Saisonende acht Punkte Vorsprung auf den 1. FC Schöneberg. Mit einem Sieg gegen die Sportfreunde Johannisthal (Sonntag 14 Uhr, Rathausstraße) und einem gleichzeitigen Ausrutscher Schönebersg würde Blau-Weiß als Landesliga-Meister in die Berlin-Liga aufsteigen. So hoch hat der Verein seit fast 25 Jahren nicht gespielt.

„Wir planen nichts für Sonntag. Da sind wir abergläubig“, sagt Michael Meister, er ist erster Vorsitzender. „Wir gehen natürlich davon aus, dass wir es packen. Aber der Zeitpunkt ist uns egal.“ Meister hatte ab Ende der 1970er- Jahre für Blau-Weiß gespielt und den Beginn des Aufschwungs miterlebt. Der kleine Mariendorfer Verein, anfangs finanziell unterstützt vom Geschäftsmann Konrad Kropatschek, schaffte 1986 sogar sensationell den Bundesliga-Aufstieg. Blau-Weiß war vorübergehend die Nummer eins in der Stadt. Doch es reichte nur zu einem Jahr Bundesliga. Die finanziellen Sorgen wurden immer größer, 1992 folgte der Konkurs. Statt Zweite Liga mit Blau-Weiß 90 bolzte nun der neugegründete SV Blau-Weiss in der Kreisliga C.

Meister war lange weg, „aber ich bin immer Blau-Weißer geblieben“. Vor sechs Jahren kehrte er zurück und baute eine Altliga-Mannschaft auf, die einen Titel nach dem anderen holte. Mit Ex-Profis wie Michael Schmidt und Goran Markov. „Wir waren das Aushängeschild des Klubs. Mit den Alten Herren. Das geht doch nicht“, sagt Meister, der in der Immobilienbranche tätig ist. Die Männermannschaft pendelte zwischen Landes- und Bezirksliga, gefangen in der Bedeutungslosigkeit des Amateurfußballs. Und das als früherer Erstligist, bei dem der Stern von Karl-Heinz Riedle (später Bremen, Dortmund, Liverpool) aufgegangen war. Im Heimspiel hatte man damals Bayern München ein 1:1 abgetrotzt.

Die Regionalliga ist das Zielin naher Zukunft

2014 übernahm Meister den Vorsitz im Verein. Vor dieser Saison sorgte der 55-Jährige für die Rückbenennung in Blau-Weiß 90. Dazu überredete er Ex-Profi Marco Gebhardt (Eintracht Frankfurt, Union), der auch in der Altliga-Truppe spielt, das Traineramt zu übernehmen. Meister holte Spieler mit Erfahrung in höheren Ligen, für die Saison stehen gut 40.000 Euro zur Verfügung. Die Spieler bekommen eine Aufwandsentschädigung. „Woanders könnten sie mehr kriegen“, sagte Meister.

Ihm sind in erster Linie Dinge wichtig, die im heutigen Fußball selbst im Amateurbereich etwas altmodisch klingen: Zusammenhalt etwa. Am vergangenen Freitag war die Mannschaft beim Zweitliga-Heimspiel von Union gegen Bochum (1:0). Regelmäßig gibt es gemeinsame Mannschaftsessen. Bislang geht der Plan auf. Blau-Weiß dominiert die Liga und „die Mischung bei uns ist einmalig“, sagt Rani Al-Kassem, der schon einige Mannschaften in seiner Laufbahn erlebt hat. Er war bereits in der Jugend bei Blau-Weiß und spielt seit mehreren Jahren mit einer kurzen Unterbrechung für die Mariendorfer. Zudem ist er ehrenamtlich in der Jugendleitung tätig.

Meister will den Kader für nächste Saison nur punktuell verstärken – doch auch so dürfte Blau-Weiß in der Berlin-Liga eine hervorragende Rolle spielen. Der Durchmarsch als Ziel? Meister verneint, aber die Regionalliga sei im Hinterkopf. Auf seinen besten Torjäger kann er sich dabei verlassen. „Ich habe noch richtig Lust“, sagt Al-Kassem, der im Dezember 36 Jahre alt wird.

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