Niederlage in Las Vegas

Arthur Abraham verliert WM-Gürtel an Gilberto Ramirez

Arthur Abraham ist seinen WBO-Titel im Supermittelgewicht los. Gegen den Mexikaner Gilberto Ramirez verlor er einstimmig nach Punkten.

Böse verhauen: Gegen Gilberto Ramirez musste Arthur Abraham viele Schläge einstecken.

Böse verhauen: Gegen Gilberto Ramirez musste Arthur Abraham viele Schläge einstecken.

Foto: Mike Nelson / dpa

Die erste Journalistenfrage wehrte er noch ab, stoisch, den Blick ins Leere gerichtet, und ohne ein Wort zu sagen. Doch es brodelte in Ulli Wegner, an der tiefer werdenden Rötung seines Gesichts und der anschwellenden Halsschlagader war das abzulesen. Und so dauerte es nur noch wenige Augenblicke, ehe es herausbrach aus dem Mann, der gerade eine der größten Enttäuschungen seiner jahrzehntelangen Karriere als Boxtrainer erlebt hatte.

„Hört auf, hier so rumzueiern“, unterbrach er seinen Schützling Arthur Abraham, der gerade irgendetwas von falscher Taktik anführen wollte, „wir waren super vorbereitet, hatten die richtige Taktik. Arthur kann alles, aber er hat es nicht umgesetzt. Deshalb muss sich zuallererst der Trainer hinterfragen“, bellte der 73-Jährige in dem Ton, der ihm den Spitznamen „Diktator“ eingebracht hat. Es sei, mutmaßte Wegner noch, ehe er in seinem weißen Trainingsanzug aus dem Presseraum der MGM Grand Garden Arena verschwand, „ein psychisches Problem. Vielleicht muss Arthur von einem anderen Trainer motiviert werden.“

Denkwürdige Niederlagen erfordern bisweilen drastische Schritte. Und auch wenn natürlich niemand im Team Sauerland voreilige Schlüsse ziehen wollte, ehe eine genaue Analyse vorliegt: Es bleibt festzuhalten, dass der Abend in der Zockermetropole in der Wüste Nevadas, der zum Triumphzug auf der größten Boxbühne der Welt werden sollte, in einem Fiasko endete, das selbst übelste Pessimisten so nicht hätten vorzeichnen können. Arthur Abraham, der als erster Deutscher in Las Vegas einen WM-Kampf gewinnen wollte, verlor nicht nur seinen WBO-Titel im Supermittelgewicht an den Mexikaner Gilberto Ramirez, nein: Keiner der drei Punktrichter gab dem 36-Jährigen auch nur eine der zwölf Runden, so dass am Ende dreimal 108:120 in Abrahams Kampfrekord stehen blieb.

Abraham entschuldigt sich für seine Leistung

Vordergründig waren die Ursachen für die Demontage schnell ausgemacht. Obwohl Wegner und Promoter Kalle Sauerland dem gebürtigen Armenier in den Tagen vor dem Kampf immer wieder eingebläut hatten, von Anfang an hellwach zu sein und Ramirez nie zur Entfaltung kommen zu lassen, boxte Abraham so, wie er es immer getan hat: abwartend, mit erhobenen Fäusten vor dem Gesicht. Wer aber weiß, dass eine solche Doppeldeckung in den USA allenfalls beim Belegen eines Sandwiches goutiert wird, der konnte schon nach vier Runden erahnen, in welche Richtung das Urteil tendieren würde.

Besonders bitter war, dass der zwölf Jahre jüngere und mit 1,89 Meter Körperlänge 14 Zentimeter größere Pflichtherausforderer gar nichts tat, was Abraham hätte erschrecken müssen. Weder schlug der Mexikaner sonderlich hart noch bot er technische Finessen feil. Vielmehr ließ Ramirez den typisch mexikanischen Haudrauf-Stil vermissen, sondern ließ den zögerlichen Kontrahenten an seiner rechten Führhand verhungern und wartete geduldig auf Konter. Die Schlagstatistik wies nach zwölf Runden mit 532:441 Schlägen und 144:85 Treffern Werte zugunsten von Ramirez aus, die man durchaus deutlicher erwartet hätte.

Warum es Abraham im Verlauf des Kampfes dagegen nur einmal, in Runde sechs, gelang, eine halbwegs ansehnliche – und sofort gefährliche – Kombination zum Kopf des Gegners zu bringen, müssen Trainer und Sportler in Ruhe ergründen. Die ersten Erklärungsversuche des zerbeulten Wahl-Berliners klangen zumindest so hilflos, wie er auch im Kampf gewirkt hatte. Zu steif sei er gewesen, außerdem sei Ramirez viel zu viel weggelaufen, was ihn wütend gemacht und dazu beigetragen habe, die geplante Linie noch mehr zu verlassen. Immerhin nahm der in nunmehr 49 Profifights fünfmal besiegte Athlet, der nach drei Tagen Erholungsurlaub in Las Vegas zu seiner schwangeren Ehefrau Mary nach Eriwan fliegen wird, die Schlappe auf seine Kappe. „Ich bin sehr enttäuscht über meine Leistung und kann mich dafür nur entschuldigen“, sagte er kleinlaut.

Ist Abraham nicht mehr heiß genug?

Promoter Kalle Sauerland, der mit der kleinen Crew an mitgereisten Betreuern und Freunden im Wolfgang-Puck-Grill im MGM Hotel den Frust mit deutschem Bier herunterzuspülen versuchte, wollte noch nicht den Stab über seinen Altmeister brechen. „Wir werden in Ruhe schauen, was die nächsten Schritte sein können“, sagte er, und auch Abraham gab sich kämpferisch. „Ich werde auf jeden Fall zurückkommen und alles dafür geben, diesen Abend vergessen zu machen. So werde ich sicherlich nicht aufhören“, sagte er.

In Deutschland sind noch ein paar anständige Kämpfe zu machen, das Duell mit WBA-Superchampion Felix Sturm geistert seit Jahren durch die Boxwelt. Zwar wird Abraham schwerlich noch einmal die 1,4 Millionen Euro erreichen, die ihm das Duell mit Ramirez eingebracht hat, aber gutes Geld ist in der Heimat hinter der Doppeldeckung weiterhin zu verdienen. Den Weg an die großen Geldtöpfe in den USA allerdings, den hat er sich endgültig verbaut. Auf dem noch immer wichtigsten Boxmarkt der Welt bleibt nach den Pleiten im Super-Six-Turnier gegen Andre Dirrell (2010) und Andre Ward (2011) und nun gegen Ramirez das Bild von einem, der immer dann, wenn die beste Leistung gefragt war, versagte.

Und wahrscheinlich ist ja genau das das Problem: Dass Arthur Abraham, der mehr erreicht hat, als er jemals zu träumen wagte zu Beginn seiner Laufbahn vor 13 Jahren; der sich längst mit Beteiligungen an Immobilien und Autohäusern ein zweites Standbein aufgebaut hat, einfach nicht mehr heiß genug darauf ist, sich härter zu quälen, als es nötig ist, um ein schönes Leben zu führen. Kein Trainer der Welt kann daran etwas ändern, wenn er es nicht selbst ändern will. Und dass er es nicht will, hat die Nacht von Las Vegas deutlich bewiesen.

Umso schöner ist es in solchen Momenten zu sehen, dass es Sportler gibt, die mit 37 Jahren und dem Weltrekord von WM-Titeln in acht verschiedenen Gewichtsklassen immer noch den Biss haben, ihre Fans zu begeistern. Im Hauptkampf des Abends bezwang Superstar Manny Pacquiao den starken US-Amerikaner Tim Bradley einstimmig (dreimal 116:110) nach Punkten. Es war mutmaßlich der letzte Kampf des Mannes, der am 5. Mai zum Senator in seiner Heimat Philippinen gewählt werden wird. Wer jedoch die Kampfeslust sah, mit der Pacquiao durch den Ring wirbelte, der kann nur hoffen, dass er doch noch zum Rematch mit US-Topmann Floyd Mayweather antritt, um weiterhin die Millionen zu verdienen, die er braucht, um die Not des Volkes in seiner Heimat zu lindern.