Rune Jarstein stiefelte den Gang herunter, eine Wasserflasche in der rechten Hand, ein Handtuch in der linken. Er gab vor, nichts zu hören und nichts zu sehen. Kommentarlos und mit leerem Blick verschwand der Torwart von Hertha BSC in der Kabine. Es war ein Schlüsselspiel im Kampf um Europa. Mit einer klaren Aussage: 0:5 (0:1) unterlagen die Berliner am Sonntag bei Verfolger Borussia Mönchengladbach. Auch, wenn Hertha mit nun drei Punkten Vorsprung auf Gladbach nach wie vor Bundesliga-Dritter ist, hatte Marvin Plattenhardt mit folgendem Satz recht: „Über die Champions League oder irgendetwas anderes brauchen wir jetzt erst mal nicht zu reden.“
Torwart Jarstein unterläuft ein folgenschwerer Fehler
Seinen Ausgang nahm das Desaster bei Jarstein: Der Torhüter, der oft einbezogen wird ins Aufbauspiel, hatte den Ball am Fuß – und diverse Optionen, wie er hätte spielen können. Doch der unbedrängte Norweger passte den Ball zu Gladbachs Mahmoud Dahoud 30 Meter vor dem Hertha-Tor. Der gab ihn weiter zu Thorgan Hazard, der zum 1:0 traf (14.). Fabian Lustenberger, Tolga Cigerci und Niklas Stark waren sofort bei Jarstein, klopften ihm aufmunternd auf den Rücken. Der Teamgeist passte bei Hertha, die Tagesform nicht.
Die Defensive hatte damit zu tun, die eigenen Patzer auszubügeln. Cigerci spielte den Ball so scharf zum eigenen Tor zurück, dass Jarstein nur auf Kosten einer Ecke retten konnte (25.). Plattenhardt köpfte direkt in den Lauf von Fabian Johnson. Kapitän Lustenberger, der den verletzten John Brooks ersetzte, bekam im letzten Moment noch einen Fuß an den Ball (38.). Jarstein verhinderte mit einer Glanzparade den nächsten Treffer, als er mit den Fingerspitzen einen Hazard-Schuss um den Pfosten drehte (42.).
Zur Pause reagierte Trainer Pal Dardai und ersetzte den schwachen Cigerci durch Jens Hegler. Aber es wurde nur noch schlimmer. Nach einer Stunde stand die halbe Hertha-Abwehr Spalier, als der überragende Hazard auf André Hahn ablegte, der in den linken Winkel traf, 2:0 (60.).
Die Wechsel des Trainers zeigen, wo die Hertha-Schwäche lag: Mit Vladimir Darida ging der nächste Mittelfeldspieler, Alexander Baumjohann kam (63.). Die Borussen zogen sich nun etwas zurück, Hertha rückte auf – woraus sich an diesem Nachmittag jedoch keine Berliner Chancen ergaben, sondern mehr Platz für Gladbacher Konter. Zwei, drei Mal konnte Hertha diese Angriffe verteidigen. Nach 76 Minuten bugsierte aber Patrick Herrmann einen Abstauber ins Tor, 3:0. Nun herrschte Konfusion. An der Mittellinie leistete sich Hegeler einen leichten Ballverlust. Ein Pass in die Spitze reichte, erneut Hazard schoss, Lustenberger fälschte ab: 4:0 (79.). Kurz vor Ende durfte auch Ibrahima Traoré noch das 5:0 erzielen. Es war Herthas höchste Niederlage seit Dezember 2014 (damals ein 0:5 gegen Hoffenheim).
„Wir sind in der zweiten Halbzeit auseinandergefallen“, räumte Linksverteidiger Plattenhardt ein. Das war den Berlinern in der ganzen Saison bisher nicht passiert. Doch auf der Zielgeraden – sechs Spiele stehen noch aus – ist das ein ungünstiger Zeitpunkt. Hertha hat nach wie vor Chancen auf Europa. Aber im Gegensatz zur Konkurrenz (Gladbach, Leverkusen, Schalke, Wolfsburg) sind es die Berliner nicht gewohnt, im April und Mai Topleistungen zu bieten – wenn die Entscheidungen fallen, wer in welchem Wettbewerb dabei ist.
Ein Schuss vor den Bug im Saisonendspurt
Dardai fiel nicht mit einer knallharten Analyse auf, er begann vom Schlusspfiff weg mit der psychologischen Aufbauhilfe für das anstehende Heimspiel am Freitag gegen Hannover 96: „Wir hatten eine schlechte Tagesform. Das nehme ich auf meine Kappe. Aber es ist auch gut, manchmal so eine Klatsche zu kriegen. Jetzt kommen die Jungs wieder runter. Wir arbeiten fleißig wie die Ameisen, dann gewinnen wir das nächste Spiel.“
Salomon Kalou gab zu: „Wir haben wirklich Mist gespielt. Solche Tage gibt es im Fußball. Wir müssen das rasch abhaken, weil wir nach wie vor eine sehr gute Ausgangsposition haben.“ Ähnlich äußerte sich auch Lustenberger: „So eine Niederlage schärft die Sinne. Vielleicht wissen wir jetzt alle wieder, wo wir herkommen und was uns stark gemacht hat.“
Rune Jarstein mochte auch nach dem Duschen nicht reden. Stattdessen sprach sein Trainer Dardai: „Rune hat einen Pass gewählt, den wir nicht in unserem Programm haben. Aber wir haben nicht wegen des 0:1 von Rune verloren, bei uns hat es diesmal bei der ganzen Mannschaft nicht gepasst.“

