Fünf Monate vor den Olympischen Spielen und der Fußball-EM im Juni wird Großbritannien von einem Doping-Skandal erschüttert. Nach Recherchen des WDR mit dem Berliner Hans-Joachim Seppelt an der Spitze und der englischen Zeitung „Sunday Times“ soll der Londoner Gynäkologe Mark Bonar seit 2010 rund 150 Top-Athleten mit Doping-Mitteln versorgt haben.
Darunter seien Fußball-Profis des FC Arsenal, des FC Chelsea und von Erstliga-Tabellenführer Leicester City sowie Teilnehmer der Tour de France, Boxer und Tennisspieler. Namen werden nicht genannt.
In der WDR-Dokumentation, die am Sonntagabend in der ARD-„Sportschau“ gezeigt wurde, berichtete der Arzt einem eingesetzten Lockvogel vor versteckter TV-Kamera über sein umfangreiches, geheimes Doping-Geschäft. Demnach soll Bonar in London „seit Jahren englische Top-Athleten mit allem, was schneller und stärker macht“, versorgt haben.
Englands Fußballteams weisen Vorwürfe zurück
„Natürlich sind einige der Behandlungen, die ich mache, im Profisport verboten. Aber ich habe das schon mit vielen Sportlern gemacht. Jahrelang. So ziemlich aus jedem Sport. Die konsultieren mich diskret. Schließlich steht ihr Ruf auf dem Spiel und meiner auch.“
Die drei Premier-League-Klubs wiesen die Doping-Vorwürfe zurück. „Die Anschuldigungen sind falsch und entbehren jeder Grundlage“, hieß es in einer Mitteilung des FC Chelsea. Der Verein habe niemals die Dienste von Bonar in Anspruch genommen und auch keine Kenntnis davon, dass Chelsea-Spieler von ihm behandelt worden seien.
Der FC Arsenal, Verein von Nationalspieler Mesut Özil und Per Mertesacker, teilte mit, dass man sich vollständig an die Antidopingregeln halte. Leicester erklärte, dass es „keinerlei Beweise für die Vorwürfe gebe“.
"Einem Großen habe ich Epo und Testosteron gegeben"
Dagegen behauptet Bonar, dass er mit englischen und auch Spielern aus dem Ausland zu tun gehabt habe. „Auch mit einem ganz Großen, dem habe ich Epo, Testosteron und Wachstumshormone gegeben“, sagte der Arzt: „Fußballer werden ja sowieso kaum getestet. Und ältere Spieler über 30 müssen was machen, die können mit den jungen Spielern um die 18 sonst doch gar nicht mithalten.“
Der designierte Chef der Welt-Antidopingagentur (Wada), Olivier Niggli, reagierte auf die ihm vorab gezeigte TV-Doku bestürzt. „Es ist sehr beängstigend für mich zu sehen, wie ein Mediziner ein solches Verhalten an den Tag legt. Es scheint dem Mann ja gar nichts auszumachen, der sieht das offenbar ganz entspannt, harte und gefährliche Substanzen an einen Patienten zu verschreiben“, sagte er.
Pikant ist zudem, dass die britische Antidopingagentur (Ukad) im Auftrag der Wada nach Aufdeckung des flächendeckenden Dopings in Russland die Planung der Tests russischer Athleten übernommen hat. Auch hier war es Seppelt, der die Missstände im Dezember 2014 offenlegte.
Eine Kommission der Wada unterstützte die Ergebnisse, anschließend wurden der Leichtathletikverband, die russische Antidopingagentur und das Dopingkontrollabor Moskau international suspendiert.
Im August 2015 berichteten Seppelt und die „Sunday Times“, dass unter anderen die Langstreckler aus Kenia unter starkem Blutdopingverdacht stehen und griffen den Welt-Leichtathletikverband IAAF an, der die Daten geheim hielt. Nun steht die britische Antidopingagentur selbst unter Druck.
Britischer Sportler als Whistleblower
Laut WDR-Angaben soll sich nämlich ein selbst des Dopings überführter Sportler als Whistleblower vor längerer Zeit an die Ukad gewandt und Beweise für die Doping-Umtriebe Bonars vorgelegt haben. „Dr. Bonar ist für mich die britische Version von Lance Armstrongs Dopingarzt Doktor Ferrari“, sagte der gesperrte Sportler: „Es war Bonar, der mich zu Testosteron und anderen Substanzen brachte.“ Die Ukad habe dem Informanten aber Anfang 2015 mitgeteilt, keine Grundlage für Ermittlungen zu sehen.
Der britische Kulturminister John Whittingdale zeigte sich angesichts der Enthüllungen „geschockt und zutiefst besorgt“. Er ordnete eine Untersuchung der Vorwürfe gegen die britische Antidopingagentur an. Entsetzt reagierte Siebenkampf-Olympiasiegerin Jennifer Ennis-Hill: „Der Fall zeigt, dass der britische Sport ein größeres Dopingproblem hat, als sich viele von uns vorgestellt haben.“
Die UKAD erklärte, dass die von dem Athleten vorgelegten Beweise für ein verbotenes Handeln von Bonar nicht ausreichend gewesen seien: „UKAD erhielt im Oktober 2014 handgeschriebene Rezepte des Sportlers. Er behauptete, dass sie von Dr. Bonar ausgestellt seien.“ Nach einer Prüfung durch einen unabhängigen Sachverständigen sei man zum Urteil gelangt, den Fall nicht weiter zu verfolgen.
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