Mit leiser Stimme antwortet der junge Mann auf die vielen Fragen. Was er aus seinem Leben machen wolle. Ob er sich später eine eigene Familie wünsche. Von welchem Job er träume. Chuma ist 17 Jahre alt und schwarz. Seine Antwort ist immer die gleiche: „Ich will Surfer werden.“ Er lebt in Masiphumelele, einem der zahlreichen Townships in Kapstadt. Zuerst klingen seine Worte wie auswendig gelernt, als wolle er Werbung machen für das Projekt „Waves for Change“, an dem er teilnimmt. Deswegen sind schließlich all die Fremden hergekommen. Wie Außerirdische kreuzten sie mit ihrer Luxuswagen-Flotte hier auf. Aber es ist keine PR. Chuma sucht nach einem Halt in seinem Leben und hat neuen Mut geschöpft. Diese Surfschule soll es sein, sie ist seine große Hoffnung. Vielleicht ist es die letzte.
Nelson Mandela gab mit seinen Worten die Richtung vor
„Sport kann Hoffnung erwecken, wo zuvor nichts als Verzweiflung war.“ Ihr erster Schirmherr Nelson Mandela hat dies gesagt, als vor 16 Jahren in Monte Carlo die Laureus Stiftung von den Unternehmen Daimler und Richemont gegründet wurde. Bekannt ist sie vor allem dadurch, dass Laureus einmal im Jahr den Award für die besten Sportler der Welt vergibt. In der Liste der Sieger finden sich Stars wie Serena Williams, Lindsey Vonn, Roger Federer, Usain Bolt oder die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, die 2014 den WM-Titel gewann.
Am 18. April werden die Preise zum ersten Mal in Deutschland überreicht, in Berlin. Doch diese Promi-Gala ist nicht das Hauptanliegen der Organisation. Sie will mit „Sport for Good“ ihre und die Möglichkeiten des Sports dazu nutzen, etwas Gutes zu tun - das Leben von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen verbessern, sie von der Straße holen.
Mehr als 150 Projekte in der Welt, neun davon in Deutschland
Gut 150 Projekte werden in 35 Ländern weltweit gefördert, von China über Russland, Großbritannien bis nach Brasilien. Doch soziale Brennpunkte kennen nicht nur die Ärmsten der Armen. Es gibt auch neun Projekte in Deutschland, wie das Box-Camp „Kick“ in Neukölln. Die meisten aber sind es mit 16 in Südafrika. Rund 100 Millionen Euro wurden insgesamt in den vergangenen 15 Jahren in „Sport for Good“ investiert, Millionen von Kindern damit geholfen. Die Angebote reichen von Fußball über Reiten bis Skateboarden und sind für sie kostenlos.
Dieser Zusatz erübrigt sich, wenn man die Kids etwas genauer betrachtet, die in die Surfschule von Masiphumelele kommen. Einige haben keine Schuhe an den Füßen, manche tragen Kleidung, die ganz offensichtlich nicht für sie geschneidert wurde. Viel bekommen sie hier in den Augen der europäischen Gäste nicht geboten – etwas warmes Essen, die Gelegenheit, gemeinsam Sport zu treiben, die Neoprenanzüge und Bretter zum Üben. Aber was heißt das schon: nicht viel? Es ist viel mehr, als sie aus ihrem Alltag kennen.
Für ein paar Stunden am Tag sind die Kids in Sicherheit
Am wichtigsten ist für die Kinder die Sicherheit, wenigstens für ein paar Stunden am Tag. Sie können hier ohne Angst sein. Vermutlich wird deshalb trotz aller Armut so viel gelacht. Fast genauso wichtig: Man hört ihnen zu, obwohl es oft sehr traurig ist, was sie zu berichten haben. „Viele werden von ihren Verwandten vergewaltigt“, erzählt die 36-jährige Nolwazi, die das Camp leitet, „alle haben schlimme Dinge erlebt.“ Manche haben keine Eltern mehr, viele, wie Chuma, kennen ihren Vater nicht. Wieder anderen ginge es besser, hätten sie ihn nie kennengelernt.
„Jeder wird hier aufgenommen“, sagt Nolwazi, „wir beurteilen und verurteilen niemanden dafür, wie er ist.“ Sicher, die Kinder und Jugendlichen werden auch ein stückweit erzogen, im Camp zu sozialem Verhalten, beim Wellenreiten zu Disziplin. Im Vordergrund stehen aber der Spaß und der Versuch zu helfen. Zuzuhören, um zu verstehen, warum sie sich so verhalten, wie sie es tun. Erst wenn sie ihren Kummer einmal losgeworden sind, können sie sich positiv entwickeln.
Das Camp sucht Lösungen, wo die Familie gefordert wäre
Es kommt auch vor, dass die Betreuer die Verwandten im Township aufsuchen, um ihnen vor Augen zu halten, was sie den Kindern mit ihrem Verhalten antun. Oder dass sie in die Schule gehen, wenn es dort Probleme gibt. Das Camp sucht Lösungen, wo eigentlich die Familie gefordert wäre. „Das hier“, sagt die Managerin Nolwazi mit Stolz in der Stimme, „ist ein Zuhause für die Kids.“
Nicht einmal die Hälfte der rund 350 Kinder, die hier surfen wollen, hat bisher schwimmen gelernt. Doch darum geht es nicht; es geht auch nicht um eine große sportliche Karriere. Aber vielleicht wird der eine oder andere der jungen Wassersportler mal Anführer im Camp, der dann neue Kids anleitet. 24 solcher Surf-Coaches gibt es mittlerweile: kleiner sozialer Aufstieg, großes Vorbild. Eines, das nicht einer kriminellen Gang angehört, wie die Anführer aus den Elendsvierteln.
25 Prozent der Südafrikaner sind arbeitslos – mindestens
Leute wie Charl Jensel. Der 28-Jährige spricht freimütig darüber, wie er selbst in den Strudel geraten ist. Hat auf die falschen Freunde gehört, ist auf die schiefe Bahn geraten, hat schließlich die Schule abgebrochen. „Unheimlich viele Kinder und Jugendliche tun das hier“, sagt er. Das Schulwesen am Kap der Guten Hoffnung ist miserabel. Die Chancen, ein gutes Leben zu führen, sind besonders für Schwarze, die 80 Prozent der Bevölkerung stellen, auch gut 20 Jahre nach Ende der Apartheid noch immer ziemlich gering. Laut offiziellen Statistiken sind 25 Prozent der Südafrikaner arbeitslos; in Wahrheit dürfte die Quote noch deutlich höher liegen. Für die Townships gilt das in jedem Fall. Die Kluft zwischen arm und reich ist so groß wie in kaum einem anderen Land dieser Welt. Und die Hoffnungslosigkeit jener, die auf der Schattenseite leben, ist noch größer.
Jensel nennt sich selbst einen Glückspilz. Weil es ihm gelungen ist, einen ordentlichen Schritt Richtung Sonnenseite zu machen. Der 28-Jährige leitet das Skateboard-Projekt „Indigo Youth Movement“ in den Cape Flats, einem anderen Township Kapstadts. Es wird so wie „Waves for Change“ von der Laureus-Stiftung unterstützt. Jeden Tag nach der Schule kommen bis zu 50 Kinder aus den umliegenden Regionen und bleiben bis zum Abend. Der Ort hat sich zu einem Treffpunkt der Jugend entwickelt.
Man kann etwas erreichen, auch ohne kriminell zu werden
Der Andrang ist mittlerweile so groß, dass schon bald die nächste Skateboard-Einrichtung entstehen soll. „Wir wollen junge Anführer in die Communities schicken, um mehr Jugendliche zu erreichen“, berichtet Jensel. Er und seine Mitarbeiter sind so etwas wie „local heroes“, positive Beispiele dafür, dass man etwas erreichen kann, auch ohne kriminell zu sein.
So erzählt Chuma mit großer Begeisterung von seinem ersten Monat in der Surfschule. „Sie haben mich aus vielen Problemen herausgeholt“, umschreibt er vorsichtig seine persönliche Geschichte. Was das Wichtigste sei, das er bisher gelernt habe? Chuma überlegt ein wenig länger als sonst, dann antwortet er: „Sie haben mir beigebracht, wie man ein Mann wird.“ Und wie wird man das? Er lächelt jetzt. „Am besten, du hörst auf deine Mutter.“
Die Reise nach Südafrika wurde unterstützt von Mercedes-Benz.


