Joachim Löw steht vor einem Klassiker. Dunkelgrüner Lack, hellbraune Ledersitze. Eine S-Klasse W111 Coupé aus den 60er Jahren. Der Bundestrainer streichelt über die Motorhaube – hier oben im dritten Stock des Autohauses eines Sponsors des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Für Autos kann sich der leidenschaftliche Schnellfahrer ja begeistern. Und dass er im Zweifel auf Altbewährtes setzt, weiß man spätestens, seit der 56-Jährige in diesen Tagen vor den beiden Länderspielen gegen England am Sonnabend in Berlin (20.45 Uhr, ZDF) und Italien in München am Dienstag wieder mal seine Wertschätzung für Bastian Schweinsteiger ausgedrückt hat.

Schweinsteiger ist die S-Klasse unter den deutschen Nationalspielern. Seit 13 Jahren spielt er für die DFB-Auswahl (114 Partien). Nach dem WM-Triumph von Rio 2014 ist er auch ihr Kapitän geworden. Und geht es nach Löw, wird der 31-Jährige auch bei der in zweieinhalb Monaten beginnenden EM in Frankreich eine tragende Säule seiner Elf sein. Das war der Plan. Doch der könnte am Mittwoch durchkreuzt worden sein.

Innenbandteilriss im rechten Knie

Aus München erreichen den Bundestrainer schlechte Nachrichten: Schweinsteiger hatte sich beim Training der Nationalelf am Dienstag in Herthas Amateurstadion eine Knieverletzung zugezogen und war zu Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt gereist. Die Diagnose lässt Löw aufschrecken: Innenbandteilriss im rechten Knie, jenes Gelenk, in dem er sich schon Anfang des Jahres einen Innenbandanriss zugezogen hatten und zwei Monate ausfiel. Bei den beiden Testspielen gegen England und Italien wird Schweinsteiger definitiv fehlen.

Doch sogar sein Start bei der EM ist in Gefahr. Normalerweise braucht es bei Profis eine Genesungszeit von zwei bis drei Monaten bei einer solchen Verletzung. Löw sagt: „Das ist bitter, Bastian war gerade wieder auf einem sehr guten Weg. Aber ich habe ihm gesagt, dass ich ihn mit Blick auf die EM keineswegs abschreiben werde.“ Der verletzte Schweinsteiger erklärt: „Ich muss die Situation annehmen, wie sie ist. Und das werde ich auch tun.“

Die Personalie Schweinsteiger war schon vor der neuen Verletzung auf dem Weg zu einem Politikum für Löw. Kaum ein anderer Nationalspieler pendelt in der öffentlichen Wahrnehmung zwischen kollektiver Heldenverehrung einerseits wie nach dem erkämpften WM-Finalsieg samt blutiger Gesichtswunde gegen Argentinien und andererseits Abgesängen auf seine Karriere hin und her wie der Ex-Bayer. Seit er im vergangenen Sommer zu Manchester United gewechselt war, hatte es zudem immer seltener positive Nachrichten von ihm gegeben. Kleine Gemeinheiten der traditionell gemeinen englischen Presse inklusive wie Anspielungen auf ein mögliches Übergewicht.

Der EM-Kader muss bis zum 30. Mai gemeldet werden

Dann kam die Knieverletzung Anfang des Jahres. Wie eine lange gelaufene, aber in die Jahre gekommene Luxuslimousine war Schweinsteiger immer wieder anfällig gewesen. Aber Löw hoffte, dass er ihn wieder zum Laufen bringen würde wie in Brasilien vor zwei Jahren. Auch damals war Schweinsteiger nach mehrfachen Blessuren (Sprunggelenks-, Patellasehnenprobleme und Kapselverletzung) mit vielen Fragezeichen nach Brasilien gereist. Er hatte sich zunächst in einem Jobsharing mit Sami Khedira abgewechselt, bis ihn Löw so weit hatte, dass er in den K.o.-Spielen auf seinem Leistungsniveau war – und das Team zum Titel führte.

Seitdem ist Schweinsteigers von all den Schlachten ramponierter Körper zwei Jahre älter geworden. Ob es bei der EM für ihn noch einmal reichen wird, ist äußerst fraglich. Löw jedenfalls wird ihm die Tür bis zum Ende der Meldefrist für den 23er-EM-Kader am 30. Mai offen halten.

Weltklassekräfte als Ersatz

Sportlich scheint der Ausfall zunächst verkraftbar für die Nationalelf: Löw hat mit Ilkay Gündogan (der bei den anstehenden Testspielen fehlt), Toni Kroos und dem wiedererstarkten Khedira Weltklassekräfte für das defensive Mittelfeld im Angebot. „Ich bin froh, dass Sami von Verletzungen verschont geblieben ist. Er ist eine wichtige Stütze für uns“, sagt Löw über den Spieler von Juventus Turin. Dazu gibt es den Leverkusener Christoph Kramer. In Berlin und München dabei sind zudem Emre Can und Sebastian Rudy, die in ihren Klubs (Liverpool und Hoffenheim) auf Schweinsteigers Position spielen. Darüber hinaus gäbe es noch den Dortmunder Newcomer Julian Weigl (20) und Bayerns Joshua Kimmich (21), den Löw trotz seiner letzten Auftritte als Innenverteidiger eher als zentralen Mittelfeldspieler sieht. „Der Konkurrenzkampf ist spannend bei uns. Wir haben junge Spieler, die nach vorn drängen“, sagt Löw.

Zumindest aber was die Führungsqualitäten angeht, wäre der EM-Ausfall von Schweinsteiger ein herber Verlust. Dass ein anderer, ehemaliger Leitwolf zurückkehrt, wie von Ex-Bundestrainer Berti Vogts kürzlich ins Spiel gebracht, schloss Löw aus: „Dass Philipp Lahm seine Entscheidung des Rücktritts umkehrt, ist keine Option“, sagt er. Der Bundestrainer steht vor Klassikern gegen England und Italien, in denen er auch experimentieren wolle, sagt er. Aber er steht auch vor der Frage, wie er Bastian Schweinsteiger im schlechtesten Fall ersetzen könnte.