Berlin –

Vor der Rehabilitierung

Vor dem Bundesgerichtshof kann sich Claudia Pechsteins Prozess-Marathon zum Positiven wenden

Berlin.  Sie mochte nicht viel reden am Wochenende. Um sich zu konzen-trieren, auf den Sport, auf die Weltmeisterschaft in der eigenen Halle in Hohenschönhausen. Die Ergebnisse gerieten dennoch nicht so, wie sich Claudia Pechstein das vorgenommen hatte. Sie übererfüllte die Erwartungen im 500-Meter-Sprint, über die 3000 waren die Ansprüche allerdings deutlich höher gewesen. Über 1500 Meter schaffte es die Eisschnellläuferin dann nicht mehr, sich für das Finale der besten Acht über 5000 Meter zu qualifizieren. „Ich bin keine Maschine“, sagte sie mit Enttäuschung in der Stimme: „Der Mehrkampf ist nicht mein Ding. Ich bin aber trotzdem mit mir im Reinen.“

Anspannung vor dem siebten Prozess der Berlinerin

Doch auch wenn sie sich noch so sehr fokussieren wollte – der Eisschnellläuferin aus Berlin dürfte es ziemlich schwer gefallen sein, wirklich nur die Mehrkampf-WM mit sich im Kopf zu tragen. Einer der wichtigsten Tage in ihrem Leben liegt am Dienstag vor ihr, das lässt sich nicht so einfach wegschieben. „Alle in meinem Umfeld sind angespannt. Auf den Tag haben wir jahrelang hingearbeitet“, erzählt Claudia Pechstein. In Karlsruhe am Bundesgerichtshof (BGH) geht es um eine Entscheidung von historischen Ausmaßen. Die Berlinerin erwartet den „entscheidenden Schritt in Richtung Gerechtigkeit“. Der Weg für ihre Rehabilitierung soll endlich frei werden.

Seit Jahren kämpft Pechstein. Dass sie mit nun schon 44 Jahren noch immer im Eisoval ihre Runden dreht, hat viel damit zu tun, dass sie 2009 für zwei Jahre gesperrt worden ist. Weil nur Doping ihre Blutwerte erklären konnte, wie es der Eislauf-Weltverband Isu darstellte. Zu hohe und schwankende Retikulozyten wurden Pechstein zum Verhängnis. Ein einziges Indiz genügte dem Verband, um eine große Karriere mit fünf Olympiasiegen in Frage zu stellen. In der Sportgerichtsbarkeit brachten ihr sämtliche Nachweise von Experten, dass die Werte auf eine vererbte Blutanomalie zurückzuführen sind, nichts ein. Doch auf der zivilen Ebene konnte Pechstein zuletzt Erfolge erringen. In Karlsruhe, beim insgesamt schon siebten Prozess in dieser Causa, ist es zum ersten Mal nicht sie, die sich wehrt, die Revision beantragte. Der Weltverband hat den BGH angerufen.

Um auch diese Instanz der Hoffnung durchzuhalten, war Claudia Pechstein auf Spenden angewiesen. Schon vor vier Jahren hatte sie all ihre finanziellen Reserven aufgebraucht. Etwa 750.000 Euro investierte sie in medizinische Gutachten, Anwälte und Prozesskosten. Um sich gegen ein Urteil aufzulehnen, das nur aufgrund von geringen Wahrscheinlichkeiten und ohne konkreten Beweis gefällt worden ist. Pechstein betonte stets, dass sie nie gedopt habe.

Das Oberlandesgericht München (OLG) hatte vor gut einem Jahr entschieden, dass Pechsteins Klage auf Schadensersatz und Schmerzensgeld zulässig sei. Es erklärte die Schiedsvereinbarung, die Pechstein mit der Isu geschlossen hatte, für ungültig. Und zwar, weil sie nicht freiwillig seitens der Athletin unterzeichnet worden ist. Ohne die Vereinbarung können Sportler vom Verband von Wettkämpfen ausgeschlossen werden. Es geht um Machtausübung, deshalb wurde der Fall am OLG auch an der Kartellkammer verhandelt. In der Folge sah sich das OLG auch nicht an den Schiedsspruch des internationalen Sportgerichtshofes Cas gebunden, der Pechsteins Sperre bestätigte und von den Verbänden gesteuert wird. Diese Entscheidung des OLG lässt die Isu nun vor dem BGH überprüfen.

Ein Urteil ist nicht sofort zu erwarten, die Anwälte halten ihre Plädoyers, verkündet wird die Entscheidung erst in ein paar Wochen. Doch eine Tendenz dürfte sich aus der Verhandlung schon ablesen lassen. Sollte die Revision zugelassen werden, würde Pechsteins Seite mit einer Verfassungsbeschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht reagieren, um das Grundrecht eines jeden Bürgers durchzusetzen, vor ein ordentliches Gericht zu ziehen.

Nach den jüngsten Prozessverläufen erscheint eine Ablehnung der Revision jedoch wahrscheinlicher. Was große Auswirkungen hätte. „Wenn der BGH entscheidet, dass ich vor ein Zivilgericht ziehen darf, würde das für alle Sportler gelten, die ihr Schicksal nicht den Schiedsgerichten anvertrauen wollen. Dann hätten wir wirklich etwas bewegt“, sagt Pechstein, die selbst vom obersten deutschen Verband, dem DOSB, unterstützt wird. Dessen Präsident Alfons Hörmann hatte sie bereits als Opfer in diesem Fall dargestellt. Sollte Pechsteins Sichtweise sich durchsetzen, müsste sich die Sportgerichtsbarkeit reformieren, die Rechte der Athleten würden enorm gestärkt.

Die 44-Jährige will etwa fünf Millionen Euro Schadensersatz

Für die Berlinerin würde das konkret bedeuten, dass ihr Fall am OLG München ganz neu aufgerollt wird. Mit akribischer Beweisaufnahme. Dort müsste der Weltverband detailliert nachweisen, dass Pechstein gedopt hat. Ein indirekter Beweis wie im Sportgerichtsverfahren würde nicht mehr ausreichen. Was eine ganz neue Ebene darstellt. Kann die Isu den Beweis nicht erbringen und stellt das Gericht dazu eine Fahrlässigkeit des Verbandes fest, müsste die Isu Schadensersatz und Schmerzensgeld zahlen. Dieses Urteil wäre nicht mehr revisionsfähig.

Auf gut fünf Millionen Euro beläuft sich die Summe, die Pechstein fordert. Auf das Geld müsste sie noch etwas warten, denn ein neuer Prozess würde viel Zeit in Anspruch nehmen. Nach so vielen Jahren des verbissenen Kampfes um Gerechtigkeit wäre das sicher keine große Herausforderung mehr.