Leipzig

„Angie darf das Genießen aber nicht vergessen“

Kerber spielt beim Fed Cup gegen die Schweiz und erntet dafür den Dank der Tenniskolleginnen

Leipzig.  Manchmal sind es kleine Dinge, in denen sich große Ereignisse manifestieren. „Normalerweise kommen zwei Leute zur Pressekonferenz, dann führen wir das Gespräch auf dem Klo“, sagt Andrea Petkovic. Dass die Stuhlreihen diesmal voll sind, liegt weniger am Termin selbst, an dem sich die deutsche Fed-Cup-Mannschaft vor dem Erstrundenmatch gegen die Schweiz am Sonnabend und Sonntag (jeweils 12.45 Uhr, Sat 1) in Leipzig der Presse präsentiert.

Sondern an einer, die inmitten ihrer Teamkolleginnen auf dem Podium sitzt. Angelique Kerber ist seit Sonnabend Australian-Open-Siegerin und die deutsche Tenniswelt seitdem eine andere. Ihre Mitspielerinnen Andrea Petkovic, Anna-Lena Grönefeld, Annika Beck und Anna-Lena Friedsam hätten mit ihr mitgefiebert und Tränen der Freude vergossen, als der Dreisatzsieg über Serena Williams feststand. Und nein, Neid gebe es keinen, „wir alle gönnen es der Angie aus ganzem Herzen“, versichert Petkovic, die Kerber prompt einen Heiratsantrag geschickt hatte.

Dass die für ihre Bescheidenheit be-kannte Kielerin anschließend in der Leipziger Messe das Podium für sich hat, ist Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses, dem sich Grand-Slam-Sieger stellen müssen. „Ich habe in den vergangenen Tagen einen unglaublichen Rummel erfahren, dennoch genieße ich das, was gerade passiert, sehr“, sagt die Weltranglistenzweite. „Ich fände es toll, wenn mein Sieg dazu führen würde, dass in Deutschland wieder mehr Kinder zum Tennisschläger greifen. Ich hatte das Gefühl, dass das Land am Sonnabend aufgewacht ist, so viele Menschen haben mit mir gefiebert.“ Dass aus ihrer neuen Rolle auch gesteigerte Verantwortung erwächst, die für zusätzlichen Druck sorgt, weiß sie mittlerweile. Begegnen wolle sie dieser mit ihrer neu gewonnenen Lockerheit. „Ich habe mich früher so oft selbst unter Druck gesetzt, weil ich unbedingt etwas erreichen wollte. Jetzt habe ich mir meinen Traum erfüllt und mir selbst bewiesen, dass ich in die Weltspitze gehöre. Deshalb glaube ich nicht, dass ich mir noch Druck machen muss“, sagt die 28-Jährige. Dass sie überhaupt fürs Nationalteam antritt, rechnen ihr die Kolleginnen hoch an. „Dafür hat sie großen Respekt verdient. Sie muss aber auch aufpassen, dass sie nicht das Genießen vergisst“, mahnt Petkovic. Darauf will Kerber achten, dennoch habe sie nie in Erwägung gezogen, eine Auszeit zu nehmen. „Ich spiele immer gern für Deutschland, das ist eine Ehre. Und wir wollen den Fed Cup unbedingt gewinnen.“ Teamchefin Barbara Rittner weiß, dass die Schweizer Stars Belinda Bencic und Timea Bacsinszky mit der Zusatzmotivation antreten werden, eine Grand-Slam-Siegerin bezwingen zu wollen. „Aber auch meine Mädels werden von Angies Erfolg angestachelt und motiviert sein“, sagt die 42-Jährige.

Nur eines muss „Angie“, die frisch gebackene Australian-Open-Siegerin, noch lernen: sich in der größer gewordenen Öffentlichkeit nicht zu verplappern. Gegenüber der „Bunten“ hatte sie die bevorstehende Hochzeit von Bastian Schweinsteiger und ihrer serbischen Kollegin Ana Ivanovic ausgeplaudert. „Ich freue mich auf die Hochzeit, aber den Termin kann ich nicht sagen, das behalte ich lieber für mich“, sagt sie dazu jetzt in Leipzig. Ein kleiner Satz von einiger Sprengkraft.