Tennis

Der Mann, der Novak Djokovic den Spaß verdirbt

Der Schweizer Stan Wawrinka verhinderte den Grand Slam des Serben und will nun bei der WM auftrumpfen. Montag spielt er gegen Nadal.

Foto: Etienne Laurent / dpa

London.  Was hätte man früher zu einer WM-Vorrundengruppe mit den Herren Andy Murray, Rafael Nadal, Stan Wawrinka und David Ferrer gesagt? Begrenzt unterhaltsam. Im Ausgang vorhersehbar. Doch wenn an diesem Montag die Ausscheidungsspiele dieser Gruppe in der Londoner 02-Arena beginnen, ist nichts gewiss.

Schuld daran ist einer, der wie kein anderer in den letzten beiden Tennis-Spielzeiten die Machtarchitektur durcheinandergebracht hat, jenes Bild erneuerte, das sich im Begriff der Fabelhaften Vier („Fabulous Four“) manifestierte. Einst blickte er ehrfürchtig hinauf zu den Allerbesten, nun gehört Wawrinka selbst dazu. So wie Novak Djokovic, Roger Federer und Murray.

Gegen Nadal, den er aus dieser Gruppe verdrängt hat, muss Wawrinka seine WM-Kampagne eröffnen. Der 30-Jährige hat bei seinem Sprung auf Platz vier der Tennis-Charts gewiss von den Schwächemomenten des Spaniers profitiert, von dessen Verletzungspausen, von den plötzlichen Selbstzweifeln des früheren Gladiators.

Spitzname „Stanimal“

Aber noch bevor Nadal in die Krise rutschte und besonders bei Grand Slams durchschnittliche Auftritte gab, war Wawrinka schon auf einer neuen Höhe seiner Tenniskunst. Auch auf einer neuen Höhe der Selbstgewissheit und der Wettkampfhärte, der Durchsetzungskraft in den wichtigen Duellen.

In gewisser Weise war Wawrinka auf einmal dieser bullige Spielertyp, den Nadal vorher repräsentierte. Sein Spitzname „Stanimal“ kam nicht von ungefähr. „Wawrinka hat sich irgendwie neu erfunden“, sagt Beobachter John McEnroe.

Wawrinka, in seinem vergangenen Tennisleben immer auch der blasse Schattenmann hinter Roger Federer, hat in zwei Jahren fast alles aus seiner früheren Profiexistenz abgeschüttelt. Dazu gehört, im großen Spiel nicht mehr Randfigur zu sein, sondern eine tragende Rolle einzunehmen.

Bei den letzten Weltmeisterschaften im Halbfinale

Bei allen Grand Slams dieser Saison kam Wawrinka ins Viertelfinale, sein French Open-Durchmarsch verdarb der Nummer eins Djokovic den Coup, alle vier Majors in einem Kalenderjahr zu gewinnen. „Ich gehe in diese Turniere mit dem Wissen, dass ich Großes erreichen kann“, sagt Wawrinka.

Das gilt auch für die WM. Bei seinen beiden bisherigen Starts spielte sich Wawrinka ins Halbfinale vor, 2015 verlor er in einem dramatischen Vorschlussrundenmatch gegen Federer – ein Duell, das im Tiebreak des dritten Satzes mit 6:8 gegen Wawrinka endete. Es gab reichlich Emotionen, noch mehr, als Federers Frau Mirka Wawrinka als Heulsuse abkanzelte, weil er sich über Zwischenrufe beklagt hatte.

Das vielleicht Bemerkenswerteste war aber dies: Völlig ungerührt von dem großen Medien-Ballyhoo war es Wawrinka, der die Schweizer Mannschaft nach der WM zum geschichtsträchtigen Davis-Cup-Erfolg in Frankreich führte. Der Vater des Sieges war er, Wawrinka. Nicht Federer, der auch verletzt Angeschlagene. „Es war der Moment, der Stan endgültig auf eine neue Stufe im Tennis geführt hat“, sagt Trainer Magnus Norman. Wobei auch Norman, der ruhige, besonnene Schwede, eine gewichtige Rolle im Entwicklungsprozess des spät zu Großem berufenen Wawrinka gespielt hat.

Triumphe in Rotterdam, Tokio, Chennai und bei French Open

Wawrinka hat schon die beste Saison seiner Karriere hinter sich mit einer Bilanz von 53:16 Siegen. Und mit vier Titeln in Chennai, Rotterdam, Paris (Roland Garros) und Tokio. Er ist im Herbst noch einmal auf Touren gekommen, in Paris, beim Masters-Wettbewerb, distanzierte er Nadal in einem Tiebreak-Krimi im Viertelfinale, verlor dann in drei Sätzen gegen Djokovic.

Damit war Wawrinka der einzige, der dem Frontmann überhaupt in den letzten Wochen einen Satz abtrotzte. Ein symbolischer Moment auch für die WM? Ist Wawrinka der Spieler, der Djokovics Kreise am ehesten stören kann? „Ich glaube daran, den Titel holen zu können“, sagt Wawrinka, „aber es wird eine sehr harte Prüfung.“