Berlin

Niersbach bleibt unsichtbar

| Lesedauer: 4 Minuten
Jörn Lange

Während sein Vorgänger Theo Zwanziger die Steuer-Razzia begrüßt, schweigt der DFB-Präsident

Berlin.  Das Versteckspiel ist vorbei. Zu ungelenk waren Franz Beckenbauer, Wolfgang Niersbach und die übrigen Macher des Sommermärchens durch das Dickicht aus Schmiergeldzahlungen und schwarzen Kassen gestolpert, zu viele Fragen waren im Zusammenhang mit der WM-Vergabe 2006 offen geblieben. Die Ergebnisse der hauseigenen Ermittlungen wollte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erst in „einigen Wochen“ bekannt machen. Am Dienstag hat sich nun die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Rot wegen Zeitspiels, könnte man dazu auch sagen.

Ein Rücktritt scheint fastwie eine Frage des Anstands

„Ich bin froh, dass es so gekommen ist“, sagte der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger, obwohl auch sein Privathaus von der Steuerfahndung durchsucht wurde. „So ist es besser als durch irgendwelche Untersuchungskommissionen und Leute, die abhängig sind.“ Ein Seitenhieb auf die DFB-internen Aufklärungsversuche durch die externe Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer, deren Partner privat mit Niersbachs Büroleiter verbandelt ist.

Im Organisationskomitee (OK) des DFB fungierte Zwanziger ab 2003 als Vizepräsident für Finanzen, Personal und Recht. Von 2001 bis 2004 war er zudem Schatzmeister des Verbandes. Man darf also davon ausgehen, dass Zwanziger mit den Geldflüssen beim DFB bestens vertraut war. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – gab er sich gelassen. Am Dienstagnachmittasg empfing der 70-Jährige Journalisten zu einem schon vorher vereinbarten Hintergrundgespräch. „Ich weiß, dass ich nichts zu befürchten habe“, sagte Zwanziger. Über die Zahlung der ominösen 6,7 Millionen Euro, die der damalige OK-Chef Beckenbauer als vermeintliche Provision verauslagt habe, hatte er keine Kenntnis, weil er damals noch kein OK-Mitglied war. Als er 2005 eine Zahlung an den Weltverband Fifa aviserte, ging er davon aus, dass es sich um eine Rückerstattung handelte.

Sein Nachfolger als Chef des größten nationalen Sportfachverbands der Welt schwieg am Dienstag. Wolfgang Niersbach, 64, machte sich unsichtbar. Das hätte er wohl am liebsten schon während seiner Pressekonferenz vor 13 Tagen gemacht. Stattdessen stammelte er sich durch Antworten, die in Wirklichkeit keine waren. Es ist schon kurios. Vor wenigen Wochen galt Niersbach noch als möglicher Kandidat, um den auseinanderfallenden Weltverband Fifa zu erneuern, auch wenn er selbst von diesem Posten schnell Abstand nahm. Er wusste wohl weshalb. Nun muss er den Trümmerhaufen vor seiner eigenen Haustür zusammenkehren.

Niersbach hat die Kontrolle über seinen Verband endgültig verloren. Die Zügel der Aufklärung hält nun die Staatsanwaltschaft in den Händen. Kritiker werfen dem früheren Journalisten schon seit seinem Amtsantritt 2012 vor, dass es ihm an Profil mangele. Er habe es sich im Windschatten der Nationalmannschaft bequem gemacht, sei ein Protegé Franz Beckenbauers. Tatsächlich fehlte es Niersbach bislang an einer sportpolitischen Agenda.

Viel schwerwiegender ist jedoch sein Versagen bei der Aufklärung der DFB-Affäre. Eine schlüssige Erklärung dafür, was mit den 6,7 Millionen Euro passiert ist, die der Verband 2005 an die Fifa zahlte, hat Niersbach bislang nicht geliefert. Genauso wenig hat er nachvollziehbar darlegen können, ab wann er von der Zahlung wusste. Und: Niersbach hat es versäumt, seine Präsidiumsmitglieder rechtzeitig über den Vorgang zu informieren. Ob sich ein derart beschädigter Präsident im Amt halten kann, scheint mehr als fraglich. Inzwischen erscheint ein Rücktritt fast wie eine Frage des Anstands.

Selbst Haftstrafen scheinen nicht mehr ausgeschlossen

Immerhin: Tatvorwürfe wegen Untreue oder Bestechung im internationalen Geschäftsverkehr müssen Niersbach und Co. nicht mehr befürchten. Die dubiosen Zahlungen zwischen DFB und Fifa sind inzwischen verjährt. Im Fall der Steuerhinterziehung trifft dies aufgrund der Höhe der Beträge jedoch nicht zu. Nicht unwahrscheinlich, dass die WM-Einfädler am Ende über die Steuer stolpern. Zur Erinnerung: Auch Mafia-Gangster Al Capone wurde einst über den Fiskus dingfest gemacht.

Ob Niersbach, Zwanziger und dem früheren Generalsekretär Horst R. Schmidt nun tatsächlich Haftstrafen drohen, lässt sich zu diesem Zeitpunkt nicht seriös beantworten. „Wir sind noch ganz am Anfang der Ermittlungen und müssen schauen, was sichergestell}t wird“, sagte Oberstaatsanwältin Nadja Niesen. „Dann werden auch noch Zeugen gehört. Das alles kann noch sehr, sehr lange dauern.“ Das Versteckspiel ist zwar vorbei. Doch die Suche hat gerade erst begonnen.