Berlin

Zu Hause keine Macht mehr

Hertha unterliegt Gladbach nach schwacher Vorstellung 1:4 – und bekommt zwei Tage frei

Berlin.  Ein wenig war es wie früher. Raffael feierte vor der Fankurve, malte ein Herz in die Luft und zeigte auf das Klubemblem auf seiner Brust. Nach dem Abpfiff stieg Raffael Arm in Arm mit Bruder Ronny die Stufen in die Katakomben des Olympiastadions hinunter und winkte hoch zur Tribüne, wo die Familien saßen.

Der Unterschied zur Vergangenheit war der Spielstand. Es war erst die Pause, Ronny und Hertha lagen 0:2 zurück, am Ende unterlagen die Berliner Borussia Mönchengladbach mit dem formidablen Raffael mit 1:4. Nach der höchsten Niederlage in der Amtszeit von Trainer Pal Dardai rutschte Hertha auf Rang sechs zurück, während die Gäste nach dem sechsten Sieg im sechsten Bundesliga-Spiel von Interimstrainer Andre Schubert auf Platz vier kletterten.

„Wir haben verdient verloren“, sagte Trainer Dardai. „Wir hatten einen ganzen anderen Spielplan. Ob Handlungsschnelligkeit oder Leichtfüßigkeit – das war alles zu schnell für uns.“

Vorgenommen hatte sich Hertha, zunächst den Ball zirkulieren und Gladbach vor 58.566 Zuschauern möglichst viel laufen zu lassen. Es entwickelte sich aber ein ganz anderes Spiel. Hertha versammelte sich mit zwei Vierer-Reihen vor dem eigenen Strafraum und stemmte sich gegen die Borussen-Angriffe. Diese Defensivtaktik griff lediglich 25 Minuten. Dann spielte Gladbachs Granit Xhaka Fabian Johnson im Hertha-Strafraum frei, der wurde von Torwart Rune Jarstein abgedrängt. Dort nahm Oscar Wendt den Ball direkt, vom rechten Innenpfosten sprang der Ball ins Berliner Tor, 0:1 (26.).

Per Skjelbred verschuldet zweites Gegentor

Hertha zeigte Nerven. Ausgerechnet Per Skjelbred, immerhin Kapitän der norwegischen Nationalmannschaft, legte den Ball im Vorwärtsgang unbedrängt Raffael in den Lauf. Der ehemalige Herthaner trägt seit zwei Jahren das Gladbacher Trikot und rannte einfach mal los. Skjelbred kam nicht mehr hinterher. Darida grätschte in die Aktion, der Ball flipperte hin und her und landete erneut in der Laufrichtung von Raffael. Der zog aus 18 Metern ab, nun brachte Marvin Plattenhardt noch einen Fuß in den Schuss – und fälschte ihn so ab, dass er unhaltbar für Torwart Jarstein im Netz landete, 0:2 nach 28 Minuten.

Trainer Dardai war aufgebracht, gestikulierte vor der Bank. Skjelbred wusste, dass er gemeint war: „Das zweite Tor geht auf meine Kappe, das war ein blöder Ballverlust.“ Und Raffael feierte seinen fünften Saisontreffer ausgelassen vor den mitgereisten Fans der Borussia.

Unmittelbar nach dem zweiten Gegentreffer hatte Hertha die Chance, zurück ins Spiel zu kommen. Salomon Kalou köpfte eine Darida-Vorlage in Richtung langes Eck, doch Gladbachs Torwart Yannik Sommer verhinderte mit einer Glanzparade den Anschlusstreffer (29.). Zur Pause musste Hertha tauschen. Kalou ging angeknockt und mit einer blutenden Wunde am Kopf zu Boden, nachdem er sich in einen Gewaltschuss von Havard Nordtveit gestellt hatte (44.). In der zweiten Hälfte kam für den Ivorer Alexander Baumjohann.

Was sich nicht änderte, war die Überlegenheit der ballsicheren und schnellen Gäste. Ibrahima Traoré, auch er ein ehemaliger Herthaner, enteilte im Berliner Strafraum Sebastian Langkamp. Der versuchte Traore mit der Hand auf der Schulter zu halten. Die Folge war absehbar: Traoré sank zu Boden, Elfmeter und Gelb für Langkamp. Den fälligen Strafstoß verwandelte Xhaka humorlos hoch in die Mitte – 0:3 (54.). „Gegen eine Topmannschaft wie Gladbach ist es schwer, ein Spiel noch mal zu drehen“, sagte Alexander Baumjohann später.

Hertha hatte nun kaum noch Offensivoptionen, der Rot-gesperrte Torjäger Vedad Ibisevic schaute auf der Tribüne zu. So gab es zwei Premieren. Erstmals in dieser Saison durfte Ronny ran (62.), Youngster Yanni Regäsel, 19, kam zu seinem Bundesliga-Einstand.

Ronny wurde einmal mehr vorgeführt, dass sich die Hierarchie im Team geändert hat. Als Baumjohann im Gladbacher Strafraum gelegt wurde, wollte der Brasilianer, wie früher zu Zweitliga-Zeiten, den Elfmeter schießen. Doch Baumjohann gab den Ball nicht her und trat selbst an. Allein, das 1:3 kam zu spät (82.). Hertha vermochte dem kleinen Funken Hoffnung kein neues Leben einzuhauchen. Stattdessen schlossen die Gäste einen ihrer Konter mit einem fulminanten Diagonal-Schuss von Nordveit ab, unhaltbar schlug der Ball links im Tor ein, 1:4 (90.+1), damit waren die Verhältnisse dieser Partie auch korrekt beschrieben. „Die spielen Champions League, wir nicht. Gladbach war einfach besser“, sagte Skjelbred.

Trainer Dardai wunderte sich, dass seine Mannschaft „einen Tick zu viel Respekt vor dem Gegner hatte. Aber wenn man keinen Ballbesitz hat, brauchen wir uns auch nicht über einen Matchplan zu unterhalten.“ Der Trainer konnte der ersten Heimniederlage der Saison etwas Positives abgewinnen. „So eine kalte Dusche ist vielleicht nicht schlecht. Einige Leute haben hier schon angefangen, von der Europa League zu reden.“

Dardai nennt Müdigkeit nach dem Pokalspiel als Problem

Der Ungar bleibt bei seinem Saisonziel. „Wir wollen erst mal 40 Punkte holen.“ Nach der Englischen Woche, in der Hertha zuvor in der Liga in Ingolstadt (1:0) und im DFB-Pokal beim FSV Frankfurt (2:1 n.V.) gewonnen hatte, hat Dardai Müdigkeit als ein Problem ausgemacht.

Deshalb wollte der Ungar nicht über ein Straftraining oder ähnlich populistische Maßnahmen reden, sondern spendierte der Mannschaft vielmehr einen freien Sonntag. „Die Spieler haben jetzt zwei Tage frei, um sich ordentlich zu erholen.“