Berlin

Netzer wirft Zwanziger Verleumdung vor

Aufklärung der Affäre um die WM 2006 wird noch Monate dauern. Jetzt verlangen auch Sponsoren Klarheit vom DFB

Berlin.  Die Erklärung von Franz Beckenbauer war überfällig. Doch das Rätselraten, was im Vorfeld der WM 2006 tatsächlich passiert ist, geht weiter. Spötter behaupten, der Inhalt der schriftlichen Pressemitteilung, die Beckenbauer am Montag veröffentlichte, erinnere an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Auch wenn Beckenbauer „einen Fehler“ einräumte und die Verantwortung übernahm – nach wie vor ist vieles ungeklärt.

Die Verwirrung vergrößerte Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) von 2006 bis 2012. Er legte der „Bild“ ein Papier vor, dass die These stärken soll, bei der WM-Bewerbung 2000 habe es im deutschen OK sehr wohl „schwarzen Kassen“ gegeben. Auf dem Papier werden Bestechungsgelder bei der WM-Bewerbung zum früheren Fifa-Vermarktungspartner ISL dem verstorbenen Ex-Fifa-Exekutivmitglied Charles Dempsey (Neuseeland) zugeordnet. So habe die ISL am 5. Juli 2000 - einen Tag vor der WM-Vergabe - 250.000 Dollar an eine Person überwiesen, die in den Papieren mit anonymen Kürzel „E16“ genannt wird. Für Zwanziger ein klares Indiz, dass Dempsey gemeint ist. Der hatte bei der entscheidenden Abstimmung in Zürich kurzfristig den Delegierten-Saal verlassen, so dass Deutschland den ­Zuschlag für die WM 2006 mit 12:11-Stimmen gegen Südafrika erhielt.

In der Beckenbauer-Erklärung fällt vor allem auf, wozu nichts gesagt wird: Kein Wort, wer aus der Fifa von wem im deutschen OK die Zahlung von 6,7 Millionen Euro gefordert hatte. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hatte vergangene Woche noch von einem Vier-Augen-Gespräch zwischen Beckenbauer und Fifa-Präsident Joseph Blatter berichtet, wo die Sache 2002 abgesprochen worden sei. Kein Wort, warum das Geld nicht auf einem offiziellen Weg gezahlt wurde. Kein Wort, wer im Auftrag des deutschen OK die 6,7 Millionen überwiesen hat. Hier hatten die damaligen OK-Vizepräsidenten Horst R. Schmidt und Zwanziger mehrfach offen von Robert Louis-Dreyfus gesprochen, dem damaligen Adidas-Chef, der die Summe wohl vorgestreckt hat. Kein Wort zur Rolle von Günter Netzer, der im „Spiegel“ ebenfalls als Schlüsselperson aufgeführt wird.

Netzer hat Anwälte losgeschickt. Laut „Süddeutscher Zeitung“ liegt Theo Zwanziger eine Unterlassungserklärung vor, die dieser bis Freitag, 14 Uhr, unterschreiben soll. Er soll sich verpflichten, nicht weiter zu behaupten, dass Netzer Zwanziger im Jahr 2012 gesagt habe, dass mit jenen Millionen im Vorfeld der WM-Vergabe vier Stimmen aus Asien gekauft worden seien. Netzer sagt, bei dem Termin in Zürich sei seine Frau Elvira dabei gewesen. Das Ehepaar sei sich sicher, dass Netzer nichts in dieser Richtung formuliert habe. Unterschreibt Zwanziger die Unterlassung nicht, will Netzer klagen.

Der DFB veröffentlichte eine sperrige Pressemitteilung zu den Untersuchungen der Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer. „Wir haben Verständnis für den großen Informationsbedarf, aber bitten um Verständnis, dass wir mit Blick auf die Zahl der zu sichtenden Dokumente und zu befragenden Personen dafür einige Wochen benötigen werden“, sagte Professor Christian Duve, Partner bei Freshfields.

Mittlerweile nehmen auch die Sponsoren den DFB in die Pflicht. „Über die derzeitigen Vorwürfe bezüglich der WM-Vergabe 2006 haben wir mit den DFB-Verantwortlichen gesprochen“, sagte Ulrike Strauß, Sprecherin des Versicherungskonzerns Allianz aus München der „Sport Bild“. „Wir gehen ­davon aus, dass der DFB die Vorwürfe lückenlos aufklären wird.“ Auch beim Chemie-Konzern Henkel (Düsseldorf) wird der Umgang des DFB mit den ­Vorwürfe genau beobachtet.