Berlin

Wann spricht Beckenbauer?

Chaos-Tage beim DFB. Und derjenige, der Licht ins Dunkel bringen kann, hüllt sich in Schweigen

Berlin.  Seit neun Tagen ist es das ­beherrschende Thema in Fußball-Deutschland: Hat Deutschland die Ausrichtung der WM 2006 mit unlauteren Mitteln erworben? Täglich hagelt es neue Aussagen, Anschuldigungen und Erklärungen. Die Morgenpost gibt Orientierung: Welche Erkenntnisse ­dürfen als gesichert gelten? Wo gibt es Widersprüche, und wie geht es weiter?

Gab es schwarze Kassen?

Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), hat sich festgelegt: Nein, es gab keine schwarzen Kassen. Theo Zwanziger, von 2006 bis 2012 Vorgänger von Niersbach als DFB-Präsident, behauptet das Gegenteil: Es habe bei der Bewerbung sehr wohl schwarze Kassen gegeben. „So wie ich das sehe, lügt Niersbach.“

Unstrittig ist, dass die Millionen von Robert Louis-Dreyfus geflossen sind. Horst R. Schmidt, damals einer von drei Vizepräsidenten im WM-Organisationskomitee (OK) und heute Pensionär, hat bestätigt, dass das OK zehn Millionen Schweizer Franken von Louis-Dreyfus, damals Adidas-Chef, erhalten hat. Zudem bestätigt Schmidt, dass Franz Beckenbauer, Chef des WM-OK, einen Schuldschein unterschrieben habe. Die Summe hat das OK in ihren Büchern nie ausgewiesen. So etwas versteht man eigentlich unter einer schwarzen Kasse. Strittig ist der Zeitpunkt der Überweisung. Niersbach und Schmidt sagen, sie sei 2001 erfolgt, also zwei Jahre, nachdem Deutschland im Juli 2000 den Zuschlag für die WM 2006 erhalten hat. Es sei um eine Vorleistung eben jener zehn Millionen Franken gegangen, den die Fifa verlangt habe, damit der DFB nach der WM eine Ausschüttung von 170 Millionen Euro erhalten sollte. Zwanziger und das Magazin „Spiegel“ behaupten, die Millionen seien vor der ­WM-Vergabe 2000 geflossen.

Hat der DFB getrickst?

Ja. Schmidt bestätigt die Recherchen des „Spiegel“, dass am 19. April 2005 6,7 Millionen an die Fifa überwiesen wurden etikettiert als deutscher Anteil für die geplante (und später abgesagte) WM-Eröffnungsgala in Berlin. Tatsächlich wurde der Betrag von der Fifa direkt weitergeleitet an Louis-Dreyfus. Das könnte auf mehreren Ebenen Folgen haben: Weil der DFB Geld bezahlt für eine Summe, die bis dahin nirgendwo vermerkt war. Und weil niemand vom DFB die Summe zurückgefordert hat, nachdem der angeführte Verwendungszweck gestrichen worden war.

Seit wann wusste DFB-Präsident Niersbach von dem Problem?

Niersbach sagt: erst seit diesem Sommer. Das ist unglaubwürdig. Nicht nur Zwanziger behauptet, dass Niersbach seit spätestens 2005 davon gewusst habe. Horst R. Schmidt erklärt, er habe im Herbst 2004 erstmals von den Louis-Dreyfus-Millionen erfahren. Er behauptet:. „Ich habe zeitnah die Mitglieder des OK-Präsidiums über diesen Sachverhalt ­informiert.“ Niersbach war damals ­Vizepräsident des OK.

Ermittelt die Staatsanwaltschaft?

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt/Main hat einen Beobachtungsvorgang an­gelegt. Eine Behördensprecherin sagte, es könne um Betrug, Untreue oder ­Korruption gehen.

Bleibt Niersbach DFB-Präsident?

Schwer vorstellbar. Auch in dem Fall, dass sich keine Beweise für eine schwarze Kasse bei der Bewerbung im Jahr 2000 finden lassen, bleibt Niersbach überzeugende Erklärungen schuldig, was die 6,7-Millionen-Rückzahlung im Jahr 2005 angeht. Sein Krisenmanagement wirkt dilettantisch. Sein Auftritt am Donnerstag vor den Medien, der als Befreiungsschlag geplant war, geriet für ihn stattdessen zum Desaster.

Wo bleibt Franz Beckenbauer?

Eine der Merkwürdigkeiten dieser Affäre. Die meisten Berichte zum Thema fokussieren sich auf Niersbach, der als einzige der damals handelnden Personen heute noch ein Amt bekleidet. Damals stand Niersbach jedoch in der zweiten Reihe. Der Mann, um den sich alles drehte, war Beckenbauer, der OK-Präsident. Der hatte 2002 in einem Vier-Augen-Gespräch mit Fifa-Präsident Joseph Blatter über dieses Thema gesprochen. Die Unterschrift von Beckenbauer stand auf dem Schuldschein. Niersbach besuchte Beckenbauer am Dienstag dieser Woche in Salzburg. Und ging, so berichtet es die „Süddeutsche Zeitung“, davon aus, dass Beckenbauer am Donnerstag eine ausführliche Erklärung abgeben wollte. Doch am Donnerstag gab es kurzfristig keine Erklärung. Beckenbauer, sonst allgegenwärtig in den Medien, macht sich rar. Ein Team von „Spiegel-TV“ drehte am Freitag in Salzburg und sprach Beckenbauer, 70, auf der Straße an (Sendung an diesem Sonntag, 22.15 Uhr/RTL). Der sagte sinngemäß: Die Antworten kommen noch. Sein Managment teilte mit, dass Beckenbauer mit den Anwälten von Freshfields Bruckhaus Deringer sprechen werde. Die Kanzlei aus Frankfurt ist vom DFB mit der Aufklärung beauftragt. Auch Zwanziger hat angekündigt, sich diesen externen Prüfern zu stellen.

Welche Rolle spielt Mohamed Bin Hammam?

Schwer einzuschätzen. Zwanziger behauptet, Horst R. Schmidt habe ihm in einem Telefonat in dieser Woche gesagt, dass die 6,7 Millionen 2001 an Mohamed Bin Hammam geflossen seien. Schmidt dementiert das. In dem Gespräch sei zwar der Name Bin Hammam gefallen. Der saß damals im Fifa-Exekutivkomitee, ist seit 2011 aber lebenslang von der Fifa gesperrt. Aber Schmidt habe das nicht gesagt, weil er nicht wisse, an wen die Millionen gegangen sind.

Wurde die WM 2006 nun gekauft?

Das war die Kernthese der ersten Geschichte des „Spiegel“ aus der Vorwoche. Aber auch nach der aktuellen Geschichte des Nachrichtenmagazins ist die Behauptung, mit den Millionen aus der schwarzen Kasse seien im Juli 2000 die vier Stimmen aus Asien gekauft worden, erstaunlich dünn belegt. Grundlage der Behauptung ist ein Dossier, das Hans-Jörg Metz angelegt hat, der Anwalt von Theo Zwanziger, nach Gesprächen mit Beteiligten. Niersbach und Schmidt bestätigen ja, dass beim DFB zwischen 2001 und 2005 nicht registriertes Geld eingesetzt wurde. Aber das kann man nur einmal ausgegeben: entweder für den Stimmenkauf bei der Bewerbung im Jahr 2000. Oder als „Finanzierungskosten“ für die Fifa, damit nach der WM 2006 das große Geld zurückfließt.

Fazit: Einen Skandal um die schwarze Kasse gibt es in jedem Fall. Vielleicht ist es aber nicht der einzige.