Berlin/Frankfurt

Mehr Fragen als Antworten

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach präsentiert eine merkwürdige Erklärung in der Affäre um die mutmaßlich gekaufte WM 2006

Berlin/Frankfurt. Bevor überhaupt ein einziges Wort von Wolfgang Niersbach im Tagesraum 4 „Sepp Herberger“ des DFB-Hauptquartiers in Frankfurt/Main gesprochen war, wusste man schon, dass die Sache Fragen aufwerfen würde. Um 11.44 Uhr hatte der Deutsche Fußball-Bundes (DFB) am Donnerstag zu einer Pressekonferenz mit seinem Präsidenten Niersbach für 13 Uhr geladen. So spontan ist man im Fußball eigentlich nur, wenn Verantwortliche ihren Hut nehmen müssen. Und bei all dem Druck, dem sich der 64-Jährige seit der „Spiegel“-Geschichte um 6,7 Millionen Euro und einem möglichen Stimmenkauf bei der Bewerbung für die WM 2006 ausgesetzt sah, war das ja nicht auszuschließen.

Treffen mit „Kronzeuge“ Beckenbauer in Salzburg

Aber Niersbach nahm nicht seinen Hut. Er probierte vielmehr, seinen Ruf zu retten, der seit Bekanntwerden der Affäre vor einer Woche ramponiert ist. Wirklich gelungen ist ihm das nicht. „Ich will die Gelegenheit nutzen, die Dinge in aller Offenheit und Ehrlichkeit darzustellen, wie ich sie erinnere“, sagte Niersbach, nachdem er ein paar aufdringliche Fotografen angeknurrt hatte. Seine Anspannung war spürbar. Aber Niersbach ist als ehemaliger Journalist auch ein Medienprofi und weiß, dass es bei dieser verworrenen Angelegenheit um klare Kernbotschaften geht. Er sagte: „Das Sommermärchen war ein Sommermärchen und bleibt auch ein Sommermärchen.“ Die Behauptung, die WM sei mutmaßlich gekauft worden, „stimmt nicht“, so Niersbach. „Es hat keine schwarzen Kassen und keinen Stimmenkauf gegeben.“ So ähnlich hatte er das schon am Montag bei der Eröffnung des Deutschen Fußballmuseums beteuert, danach aber keine Fragen zugelassen.

Das war am Donnerstag anders. Und auch die Version, mit der Niersbach die vom „Spiegel“ enthüllte Zahlung des deutschen WM-Organisationskomitees (OK) über 6,7 Millionen Euro, die über ein Konto des Fußball-Weltverbandes Fifa an den ehemaligen Adidas-Chef Robert-Louis Dreyfus im April 2005 zurückgeflossen sein sollen, erklärte, war eine neue. Sie hat mit Franz Beckenbauer zutun, dem damaligen OK-Präsidenten. Und sie widerspricht der These, dass damit die vier asiatischen Fifa-Funktionäre geschmiert wurden, die im Juli 2000 für Deutschland gestimmt hatten.

Sie geht so: Im Januar 2002, also zwei Jahre nach der WM-Vergabe, wollte der DFB einen Millionenzuschuss von der Fifa für die WM 2006, wie ihn auch Japan und Südkorea als Veranstalter des Turniers 2002 bekommen hatten. Der Weltverband sagt diesen auch zu, verlangt aber zunächst eine Zahlung von zehn Millionen Schweizer Franken, umgerechnet 6,7 Millionen Euro. Das allein macht schon stutzig. Doch dazu später mehr.

Weil das deutsche WM-OK zu diesem Zeitpunkt noch kaum Gelder hatte, habe Beckenbauer mit seinem Privatvermögen einspringen wollen. Sein damaliger Berater, der mittlerweile verstorbene Robert Schwan, rät ab, bringt aber Dreyfus ins Gespräch. Beckenbauer und Fifa-Präsident Sepp Blatter klären die Details in einem „Vieraugengespräch“, wie Niersbach es am Donnerstag nannte. So habe es ihm Beckenbauer geschildert, als er den „Kaiser“ am Dienstag in Salzburg aus Klärungsgründen traf. Dreyfus überweist die Summe an die Fifa-Finanzkommission. Niersbach nannte es am Donnerstag ein „Darlehen“. Das deutsche WM-OK erhält daraufhin den Zuschuss über 170 Millionen Euro. Niersbach, damals einer von mehreren Vizechef des OKs, sagte aber: „Ich habe davon persönlich nichts gewusst.“ Erst im vergangenen Juni habe er davon erfahren. Dass auf einem Geheimpapier von 2004 über die geplante Rücküberweisung an Dreyfus die Notiz „Honorar an RLD“ in seine Handschrift auftaucht. Was ist damit? „Ich kann mich daran nicht erinnern. Ich kann es aber auch nicht definitiv ausschließen“, sagte Niersbach. Dreyfus hat das Geld ein Jahr vor der WM zurückgefordert. Das OK überwies es auf ein Fifa-Konto mit der Tarnung „WM-Kulturprogramm“. „Wir wissen nicht, was die Fifa mit dem Geld gemacht hat“, sagte Niersbach. Fest stehe nur: Empfänger der 6,7 Millionen Euro sei die Fifa gewesen, und auch die Rückabwicklung habe die Fifa gemacht. Diese Ausführungen stützte auch Horst R. Schmidt, ein weiterer Vize-Chef des OKs von damals, mit einer Erklärung. Niersbach räumte aber ein: „Da sind schon noch ein paar Fragen offen.“

Beckenbauer könnte als „Kronzeuge“ zur Aufklärung beitragen, schweigt aber bisher über das, was er mit Blatter besprochen hat. „Er wird zunächst der Bitte der externen Untersuchungskommission des DFB entsprechen und diesem Gremium Rede und Antwort stehen“, teilte sein Management mit.

Fifa und Blatter widersprechen der Version des 64-Jährigen

Die Fifa, die nach Niersbachs Ausführungen eine fragwürdige Rolle spielte, widersprach nur Stunden später der Version: Es gebe keinen Zahlungseingang über die 6,7 Millionen Euro von Dreyfus aus dem Jahr 2002. Es entspreche auch nicht den eigenen Richtlinien, dass WM-Zuschüsse an OKs an finanzielle Vorleistungen gekoppelt seien, wie Niersbach es berichtet. Und Blatter ließ ausrichten, er sei mit der Angelegenheit „nicht vertraut“.

40 Minuten lang dauerte Niersbachs eilig einberufene Pressekonferenz, aber die merkwürdige Erklärung des DFB-Präsidenten hat mehr Fragen aufgeworfen als Antworten geliefert. Warum lieh sich zum Beispiel das OK das Geld damals nicht bei einer regulären Bank statt bei Dreyfus? „Das kann ich nicht beantworten“, sagte Niersbach. Er wirkte dabei deutlich mitgenommen.