Berlin

Begleicht da einer nur alte Rechnungen?

Die Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen zum Skandal um das Sommermärchen 2006

Berlin. War das Sommermärchen der WM 2006 gekauft? Fußball-Deutschland diskutiert seit Tagen über die Vorwürfe, die das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ gegen das WM-Organisationskomittee (OK) um Franz Beckenbauer und Wolfgang Niersbach hervorbrachte. Die Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen.


Warum schwieg Franz Beckenbauer so lange? Nachdem drei Tage nichts zu hören war vom damaligen OK-Präsident, verbreitete sein Management am Sonntagnachmittag diese Aussagen Beckenbauers: „Ich habe niemandem Geld zukommen lassen, um Stimmen für die Vergabe der Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu akquirieren. Und ich bin sicher, dass dies auch kein anderes Mitglied des Bewerbungskomitees getan hat.“ Das lässt Interpretationsspielraum, auch weil Nachfragen zu den schwarzen Kassen derzeit nicht erlaubt werden.

Was ist von den DFB-Untersuchungen zu halten? Der am meisten belastende Beleg im „Spiegel“ ist die Darstellung der Rückzahlung des DFB von 6,7 Millionen Euro an Robert Louis-Dreyfus im April 2005. Dass Wolfgang Niersbach nun sagt, er wisse seit Sommer dieses Jahres, dass es ein Problem geben könnte, und eine interne Untersuchung eingeleitet wurde, erstaunt. Mehr erstaunt noch, dass der Führungszirkel im DFB bis zur „Spiegel“-Veröffentlichung, darüber nicht informiert war. Reinhard Grindel, DFB-Schatzmeister, sagte der „Rheinischen Post“, er habe erst am vergangenen Freitag in einer Telefonkonferenz von Niersbach von der Angelegenheit erfahren. Bisher hat der DFB keine Silbe dazu gesagt, ob es im Umfeld der WM-Vergabe 2001 Geld vom damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus gegeben hat. Und ob es sich bei jenen 6,7 Millionen um eine Rückzahlung an Louis-Dreyfus handelt, wie der „Spiegel“ es detailliert beschreibt.

Welche Rolle spielt Theo Zwanziger? Zwanziger, DFB-Präsident von 2006 bis 2012, liegt seit Jahren im Clinch mit Nachfolger Niersbach. Es fällt auf, dass Zwanziger im „Spiegel“ mehrfach positiv erwähnt wird. Der langjährige Fifa-Mediendirektor Guido Tognoni sagte im ZDF: „Ich denke, es ist gesteuert. Es ist bekannt, dass Wolfgang Niersbach und sein Vorgänger nicht die innigsten Freunde sind. Es fällt auf, dass Zwanziger im ,Spiegel’ auffällig geschont wird. Die undichte Stelle ist möglicherweise, mit allen Vorbehalten, Theo Zwanziger.“

In diese Richtung argumentiert auch Otto Schily, der als damaliger Innenminister im Aufsichtsrat des WM-OK gesessen hat. „Alle Zahlungen des DFB einschließlich der Buchhaltung wurden seinerzeit von dem damaligen Schatzmeister des DFB, Dr. Theo Zwanziger, sorgfältig geprüft“, so Schily in der „Bild am Sonntag“. Wenn es bei einer Zahlung des DFB an die Fifa Unklarheiten gebe, „gehört das zur Verantwortung der Fifa und liegt außerhalb der Verantwortung des Organisationskomitees. Da Dr. Theo Zwanziger als späteres Mitglied des Exekutivausschusses der Fifa sicherlich Zugang zu der Buchhaltung der Fifa hatte, kann er am ehesten dazu Auskunft geben.“

Zwanziger keilt zurück: „Die abenteuerlichen Vorwürfe von Herrn Tognoni, auf welcher Grundlage sie beruhen mögen oder aus welcher Motivation heraus sie gesteuert werden, sind weder Weise begründet noch geeignet, der Wahrheitsfindung zu dienen“, hieß es in einer Stellungnahme von Zwanziger-Anwalt Hans-Jörg Metz. Grundsätzlich ist zu sagen, dass jeder in der Branche um die Rivalität Zwanziger/Niersbach weiß. Es ist nicht vorstellbar, dass der „Spiegel“ seine Anschuldigung, die WM 2006 sei gekauft worden, vorwiegend auf Aussagen oder Informationen von Zwanziger stützt.

Gibt es Ermittlungen in Deutschland? „Bild am Sonntag“ berichtet, dass die Staatsanwaltschaft Frankfurt durch den Bericht des „Spiegel“ alarmiert sei und „sorgfältig prüfen“ wolle, ob man ein Ermittlungsverfahren einleite. Das würde sich mutmaßlich auch gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) richten. In Deutschland sind die Verjährungsfristen allerdings meist kürzer als in der Schweiz.

Was passiert bei der Fifa? Bisher wenig beachtet ist die Rolle von Urs Linsi. Der Schweizer hatte über 20 Jahre für die Credit Suisse gearbeitet, ehe er 1999 bei der Fifa anheuerte. Im Frühjahr 2005, als die fragliche Transaktion über die Bühne ging, war Linsi Fifa-Generalsekretär. Laut „Spiegel“ war Linsi der Verbindungsmann zum DFB. Er soll dafür gesorgt haben, dass die 6,7 Millionen von einem Fifa-Konto in Genf weitergeleitet wurden zu Robert Louis-Dreyfus. Linsi verweist aktuell auf seine Geheimhaltungspflicht.