WM in Berlin

Magnus Carlsen hofft auf mehr Schach im Westen

Der beste Spieler der Welt verteidigt in Berlin seine WM-Titel im Schnell- und Blitzschach. Ein Gespräch mit Magnus Carlsen.

Konzentriert: Magnus Carlsen spielt bis Mitte nächster Woche in Berlin um die Titel im Blitz- und Schnellschach

Konzentriert: Magnus Carlsen spielt bis Mitte nächster Woche in Berlin um die Titel im Blitz- und Schnellschach

Foto: REUTERS / NTB SCANPIX / REUTERS

Berlin.  Magnus Carlsen, 24, geht wie ein Fußballer: leichte O-Beine, humpelnd, als spüre er die Grätsche des Gegners noch in den Knochen. Ansonsten ist sein Auftreten unauffällig: weißes Hemd zur Jeans, Durchschnittsgröße, Allerweltslächeln. Die Normalität seines Auftretens steht im Gegensatz zu seinen Erfolgen. Carlsen ist der Superstar im Schach, längst Millionär. Ab heute will der Norweger in Berlin auch seine WM-Titel im Schnell- und Blitzschach verteidigen.

Berliner Morgenpost: Mister Carlsen, Sie haben in Wien gerade blind Schach gespielt. Wie genau funktioniert das?

Magnus Carlsen: Alle guten Schachspieler können blind spielen, auch mehrere Partien hintereinander. Der Trick ist: Wenn man nicht mehr weiß, wie die Figuren auf dem Brett stehen, geht man einfach jeden Spielzug vom Anfang an im Kopf durch. Aber in Wien war es anders. Wenn man mit einer Schachuhr gegen mehrere Gegner spielt, sind die Züge der jeweiligen Partie nicht in Reihenfolge. Zwei Spiele habe ich verloren, weil die Zeit abgelaufen war. Aber es war keines der Events, bei denen man antritt, um zu gewinnen. Es war eher für die Show, es sollte Spaß machen. Das hat es auch.

2014 verteidigten Sie den WM-Titel in Sotschi, es gab Kritik deswegen. Zu Recht?

Ich habe vorher nicht ohne Grund meine Bedenken geäußert, in Sotschi zu spielen. In der damaligen politischen Lage war das sicher keine ideale Lösung. Aber letztlich muss man versuchen, diese Dinge irgendwie auseinander zu halten: Politik und Schach.

Wie haben Sie das Turnier erlebt?

Es waren nicht viele Leute da, Sotschi ist nicht gerade das, was man unter einer lebhaften Stadt versteht. Ich spiele lieber in Berlin. Oder in kleinen Städten, in denen sich die Bevölkerung vor Ort für das Turnier interessiert.

Kirsan Iljumschinow führt den Weltverband Fide. Er gilt als Vertrauter Wladimir Putins und ist Präsident der autonomen russischen Provinz Kalmückien. Darüber sind nicht alle Nationalverbände glücklich. Was denken Sie über ihn?

Ich denke, Putin und Iljumschinow haben im Westen weniger Fans. Aber letztlich ist Iljumschinow Präsident, und wir müssen das Beste aus der Situation machen.

Auffällig ist, dass viele Fide-Turniere in Osteuropa stattfinden. Woran liegt das?

Die Fide braucht Leute, die Turniere finanzieren und organisieren. Und Iljumschinow hat in Osteuropa gute Kontakte zu hochrangigen Personen – das ist der Grund. Ich habe nichts gegen Traditionsturniere in kleinen Orten. Aber die großen Turniere sollten in großen Städten ausgetragen werden, in denen die Leute Lust auf Schach haben. Das Kandidatenturnier 2013 hat in London stattgefunden. Jetzt die Blitz- und Schnellschach-WM hier in Berlin. Ich hoffe, dass sich dieser Trend fortsetzt. Im Westen gibt es jedenfalls auch viele Schach-Fans.

In Ihrer Heimat Norwegen ist Schach gerade besonders angesagt. Wie haben Sie es geschafft, die Leute so zu begeistern?

In Norwegen sitzen Leute stundenlang vor dem Fernseher und verfolgen eine Schachpartie. Selbst wenn eine halbe Stunde kein Zug gemacht wird, schalten die nicht ab. Im Sommer gab es ein Turnier, bei dem ich selbst nicht gestartet bin. Daher hab ich für das Fernsehen moderiert, in einem Glaskasten direkt in der Innenstadt. Die Leute haben es gut angenommen, haben gewinkt und Fotos gemacht. Mir hat das Kommentieren Spaß gemacht. Ich bin eben nicht nur ein Spieler, sondern auch ein großer Schach-Fan.

Wie wichtig ist Deutschland für die internationale Schachszene?

Sehr wichtig. Ich glaube, nur in Indien und Russland gibt es mehr Menschen, die Schach im Verein spielen. Es gibt zwar gerade keinen Deutschen unter den Topspielern, aber viele Menschen, die selbst spielen und gerne zuschauen. Ich jedenfalls bin froh, dass diese WM in Berlin stattfindet.

In der Saison 2004/2005 spielten Sie mal für die Schachfreunde Neukölln in der Bundesliga. Wie kam das?

Seit ich das erste Mal von der Schach-Bundesliga gehört habe, wollte ich da mitspielen. Es war und ist vermutlich immer noch die großartigste Schachliga der Welt. Für mich war das eine gute Erfahrung, auch wenn ich das Jahr nicht so gut gespielt habe. Zwischendurch habe ich mir die Stadt angeschaut, gemeinsam mit meiner Mutter. Brandenburger Tor, Checkpoint Charly – die übliche Touri-Tour.

Was genau bedeutet „Berliner Mauer“ im Schach?

Im Grunde ist es eine solide Verteidigung, wenn man schwarz spielt. Die Damen werden früh getauscht, und dann wird es für weiß schwer, die Verteidigung einzureißen. Ich bin mir nicht sicher, wie es zu diesem Namen gekommen ist, aber schon Siegbert Tarrasch hat sie gespielt. Der war Deutscher, aber nicht aus Berlin. Berühmt geworden ist die Variante bei der Weltmeisterschaft 2000 im Spiel zwischen Garri Kasparow und Wladimir Kramnik. Kramnik spielte die „Berliner Mauer“, Kasparow kam nicht durch, Kramnik wurde Weltmeister.

Sie galten als Wunderkind. Wann haben Sie angefangen, Schach zu spielen?

Mein Vater hat es mir beigebracht. Eigentlich zuerst meiner Schwester. Mit der hat er regelmäßig gespielt. Ich habe zugeschaut, das Spiel hat mich in den Bann gezogen. Und ich wollte unbedingt meine Schwester besiegen.

Wie lang hat das gedauert? Schließlich war Ihre Schwester Ellen als 17-Jährige Nordische Meisterin.

Nicht besonders lang. Sie kann schon spielen, hat aber aufgehört, Schach zu spielen, nachdem ich sie besiegt hatte. Sie hatte keine Lust darauf, mit mir zu konkurrieren. Ich mag den Konkurrenzkampf, sie nicht so. Erst später hat sie wieder angefangen zu spielen. Als wir keine Gegner mehr waren.

Sie sind erst 24, haben eine eigene Schach-App, kommentieren im Fernsehen und haben sogar mal als Model gearbeitet. Sind Sie der Popstar des Schachs?

Vielen Dank! Aber meine Zeit als Model ist vorbei. Ich spiele lieber Schach.